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Die Ära des Zweiten Weltkriegs ist voll von großen
und kleinen Geschichten über Mitmenschlichkeit, Mut und unerwartete
Heldenhaftigkeit im Angesicht größten Gräuels und
Unheils. Nicht erst seit "Schindlers Liste" weiß
man, dass sich aus diesen Geschichten potentiell großartige
Filme machen lassen, die in überlebensgroßen Gesten schwelgen
können, ohne dabei in überzogenes Pathos abzudriften.
Eine von diesen "Ein Jedermann wandelt sich ungewollt zum Helden
und Retter"-Geschichten
erzählt auch "Die Kinder der Seidenstraße",
präziser: die Geschichte des Engländers George Hogg, der
1944 rund 60 chinesische Waisenkinder vor dem Zugriff der japanischen
Armee rettete. Und im ersten Anschein lässt sich hier durchaus
auf einen guten Film hoffen. Nicht nur dank der namhaften Besetzung,
sondern auch dank der Konzentration auf den Japanisch-Chinesischen
Krieg, ein in der westlichen Welt kaum beachteter Teil des Zweiten
Weltkriegs. Leider erweist sich diese Hoffnung allerdings als trügerisch.
Die ersten Minuten von "Die Kinder der Seidenstraße"
erwecken den Eindruck, als hätte dieser Film wahnsinnig viel
zu erzählen und hätte es darum ganz furchtbar eilig. Da
trifft George Hogg (Jonathan Rhys Meyers) als Kriegsjournalist in
Nanking ein, gerade als die Japaner die Stadt einnehmen. Innerhalb
weniger Minuten gerät er diverse Male in akute Lebensgefahr,
wird gerettet, muss bei der Exekutierung eines Freundes zusehen,
trägt ein Kriegstrauma davon und erleidet eine Armverletzung,
die schwerwiegend genug ist, als dass seine neuen Bekanntschaften
Jack Chen (Chow Yun Fat als chinesischer Partisane) und Lee Pearson
(Radha Mitchell als überaus engagierte Medizinerin) ihn erstmal
raus aus der Stadt und in ein kleines Nest im Landesinneren verfrachten,
damit er sich dort erholen kann. Hier findet George ein von jeglichem
erwachsenen Führungspersonal verlassenes Waisenhaus vor, mit
60 Jungs zwischen 5 und 15 Jahren.
Und wie es dann halt immer so kommt: Der unbeteiligte, privilegierte
Ausländer möchte damit eigentlich nichts zu tun haben,
doch dann werden ihm das Leid und die drängenden Probleme dieser
Menschen vor Augen geführt, die innere moralische Stimme rührt
sich und der Mann wandelt sich zögerlich zum Helden. Diese
absehbare Wandlung vollzieht sich auch ziemlich schnell, jedenfalls
hört man George Hogg nach seiner Ankunft in dem Waisenhaus
nicht ein einziges Mal mehr darüber reden, dass er ja eigentlich
einen Job hat, um den er sich kümmern und zu dem er zurückkehren
muss.
Dass
er das nicht tut, könnte daran liegen, dass seine Tätigkeit
als Kriegsberichterstatter ohnehin nur ein fiktiver Einwurf der
Filmemacher ist, um sich nicht lang mit der Klärung der Frage
aufhalten zu müssen, wie George Hogg überhaupt ins besetzte
China kam. Tatsächlich war Hogg kein Journalist, sondern ein
Abenteurer aus reichem Elternhaus, reiste zunächst mit seiner
Tante (eine Freundin Gandhis) nach China und kümmerte sich
auch nicht eigenständig um die Waisenkinder, sondern schloss
sich einem Neuseeländer namens Rewi Alley an. Die Macher von
"Die Kinder der Seidenstraße" haben sich also eine
ziemlich ordentliche Portion an künstlerischer Freiheit genommen,
die wahre Geschichte von George Hogg ein bisschen aufzubessern,
damit daraus eine filmtaugliche Handlung wird.
Leider haben sie der Geschichte dabei aber auch jedwede Form von
Authentizität genommen. Schlichtweg alles wirkt hier ein bisschen
zu glatt, zu abgehackt, zu konventionell. Die Wandlung des unfassbar
gut aussehenden Protagonisten zum moralischen Helden und Beschützer
der wehrlosen Waisenkinder erfolgt im Nu und ohne größere
Hindernisse; mit der wieder auftauchenden Ärztin entwickelt
sich natürlich eine passionierte (und vollkommen fiktive) Liebesgeschichte,
die für die eigentliche Handlung letztlich genauso wenig relevant
ist wie die anderen auftauchenden erwachsenen Figuren. Das Bemühen,
eine Geschichte, die eigentlich nur um einen Engländer und
einen Haufen chinesischer Kinder geht, mit weiteren bekannten Gesichtern
und ergo nicht zwingend nötigen Erwachsenen-Rollen aufzupäppeln,
ist hier überdeutlich. Nicht nur bei Radha Mitchells Ärztin
und Chow Yun Fats Partisanenkämpfer, der sich ab und zu ein
Stelldichein gibt, sondern vor allem bei Michelle Yeoh als einflussreiche
Schwarzmarkt-Händlerin. Ihre Rolle hätte man genauso gut
einfach weglassen können. Noch ein bisschen überflüssiger:
Die knapp 30-sekündige Anwesenheit von David Wenham ("Herr
der Ringe"), der in seiner ersten Szene George Hogg in der
Stadt absetzt und in seiner zweiten Szene erschossen wird.
Zu
ähnlichem Stückwerk verkommen beinahe alle Subplots, die
um Hogg und seine chinesischen Schützlinge angerissen werden.
Hier wird vieles an-, aber nichts wirklich ausgespielt; keine der
vielen kleinen Kriegstragödien, die hier angedeutet werden,
kann wirklich dramatische Tiefe und bleibenden Eindruck erzeugen,
da man sich für nichts wirklich Zeit nimmt. In kurzen Szenen
von nicht mal einer halben Minute lässt sich nun mal keine
emotionale Resonanz erzeugen. Darum verlieren sich hier die vielen,
potentiell rührenden und emotional starken Momente (inkl. dem
Ende) in einer durchweg übereilten Erzählung, die nicht
so recht zu wissen scheint, worauf sie sich eigentlich konzentrieren
soll, und deswegen einen klaren Fokus konsequent vermissen lässt.
So bleibt denn auch Jonathan Rhys Meyers als George Hogg eine ziemlich
blasse, nicht richtig ausdefinierte Figur, und die so heldenhafte
Aktion, mit der er seinen Waisen-Schützlingen das Leben rettete,
verpufft, ohne sonderlichen Eindruck beim Publikum zu hinterlassen.
Gerade wenn man sich entsinnt, was für eine großartige
Geschichte aus der exakt selben historischen Phase man erst vor
einigen Monaten in "John Rabe"
erzählt bekam, und wie dieser meisterhaft inszenierte Film
zu packen und mitzureißen verstand, ohne seine reelle Vorlage
für eine filmtaugliche Erzählung platt zurechtzubiegen,
kann man "Die Kinder der Seidenstraße" eigentlich
nur als Enttäuschung empfinden. Ein ziemlich lieblos abgespulter
Film, der Menschenleben retten während des Zweiten Weltkriegs
schon fast zu einem verkitschten Story-Klischee verkommen lässt.
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