|
Jacques
Mesrine, Teil Zwei. Nun tatsächlich der Staatsfeind Nummer
Eins. Das war ja trotz Gesamtbetitelung beim ersten
Teil noch nicht der Fall, diesen Titel hat sich Mesrine in den
im ersten Teil gezeigten Jahren erst mühsam erarbeitet. Nachdem
er aber am Ende des ersten Kapitels an der Ermordung zweier kanadischer
Wildhüter beteiligt war, den ersten Morden, die Mesrine nachweislich
begangen hat, ist der Weg zum meistgesuchten Verbrecher Frankreichs
nicht mehr weit. Vor
allem, nachdem Mesrine nach seiner erneuten Verhaftung noch eins
drauf setzt: Ihm gelingt die Flucht aus seiner Gerichtsverhandlung,
bei der er auch noch den Richter als Geisel nimmt. Und das, nachdem
er vorher eben jenen Richter mit locker-flockigen Sprüchen
bloß gestellt hat.
Womit wir beim eigentlichen Thema und Anliegen vom zweiten Teil
des "Mesrine"-Projekts angekommen wären. Denn während
der erste Teil Mesrines Geltungssucht zwar ansprach, besonders als
er sich mit Jeanne Schneider als elegantes Gangsterpärchen
der Marke "Bonnie und Clyde" präsentierte, wird dies
hier zum Hauptthema und auch zur These des Films. Vincent Cassel
hat wohl recht wenn er zu Mesrines gewalttätigem Ende anmerkt,
die französische Regierung und ihre Staatsdiener hätten
Mesrine tot gewollt, nicht in erster Linie weil er ein gefährlicher
Verbrecher, sondern weil er ein angeberisches Großmaul war.
"Todestrieb" setzt Anfang der 1970er Jahre ein, nachdem
Mesrine aus Kanada zurückgekehrt war, und schildert seine Überfälle,
Gefängnisaufenthalte und spektakulären Ausbrüche
bis zu seinem Tod im Jahr 1979. Trotz ähnlicher Grundelemente
wie "Mordinstinkt" hat "Todestrieb" aber eindeutigere
Schwächen in Sachen Tempo und Rhythmus. Mit über zwei
Stunden ist dieser zweite Teil eindeutig zu lang und zieht sich
gerade gegen Ende bedenklich. Die Entführung und Folter eines
Mesrine-kritischen Journalisten wird unnötig in die Länge
gezogen und auch die letzten Minuten des Jacques Mesrine, die wir
ja schon aus der Eröffnungssequenz des ersten Teils kennen,
sind fast schon quälend langsam.
Klar,
das hat Methode - die Zerdehnung soll das Wissen des Zuschauers
um Mesrines baldigen Tod mit der Unwissenheit seines Protagonisten
konterkarieren. Und Richet macht das ja auch geschickt, lässt
die bekannten Szenen abspielen, aber diesmal aus der Perspektive
der Häscher, sich in Autos und Häusereingängen versteckenden
Polizisten. Und schockierend ist Mesrines öffentliche Hinrichtung
dann allemal, aber das hätte man auch kürzer inszenieren
können, auch um dem Ganzen den Märtyrerbeigeschmack zu
nehmen, mit dem die Macher ja besonders bei dem nationalen Filmposter
(Mesrine als blutige Jesus Christus-Figur in einem Quasi-Kopie von
"Die Passion Christi") liebäugelten.
Richet lässt hier die Gesetzeshüter (?) auf Nummer Sicher
gehen, indem sie Mesrine erst mal (historisch verbürgt) ohne
vorherige Warnung per Maschinengewehrsalven durchlöchern und
dann ein Polizist (historisch nicht verbürgt) ihm einen Kopfschuss
aus etwa fünf Zentimetern Abstand verpasst. Dass überhaupt
Polizisten auf offener Straße jemanden so zusammenschießen
konnten (und dabei auch seine unschuldige Begleiterin trafen, die
auf einem Auge erblindete), und das vor noch nicht einmal zwanzig
Jahren, lässt heutige Betrachter doch mit Staunen zurück.
Richet spielt dabei allerdings wohltuend nicht Peckinpah, verzichtet
auf filmische Ästhetisierung und lässt das Massaker genauso
realistisch ablaufen wie den gesamten Film vorher.
Aber
auch vor dem etwas zähen Ende mit seinem blutigen Schlusspunkt
läuft "Todestrieb" nicht immer rund, was allerdings
auch mit dem Gezeigten und der zu erzählenden Geschichte zu
tun hat. Denn so wie Mesrines Anliegen und Aktionen im Laufe der
1970er Jahre immer diffuser werden, so scheint auch der Film langsam
aber sicher den roten Faden zu verlieren. Aber genau das ist vielleicht
ja der Punkt: Dass es im wirklichen Leben nun mal keinen roten Faden
gibt, wie uns Hollywood im Großteil seiner Geschichten weiß
machen will, sondern dass es eine Sammlung aus mehr oder weniger
zusammenhängenden Momenten ist. Auch Mesrine selbst ist bester
Beweis für diese These. Aus dem kernigen jungen Großmaul
wird sowohl körperlich (in bester De Niro-Manier nahm Cassel
mehrere Kilos zu, um den dickeren, älteren Mesrine darzustellen)
als auch geistig jemand, dem immer klarer wird, dass er nicht vollends
Meister seines Schicksals ist. Gerade für Mesrine, den Egomanen
und Showman, war dies wohl eine nicht zu verarbeitende Tatsache,
die ihn in seinen späteren Jahren in eine pseudo-politische
Haltung trieb, anhand der er wieder relevant werden wollte, aber
nicht mehr dazu kam, wie die RAF oder die roten Brigaden als Terrorist
gegen den eigenen Staat zu agieren.
Trotz des immer diffuser werdenden Selbstbilds Mesrines ist "Todestrieb"
über große Strecken ein eigentlich leichtherzigerer Film
als "Mordinstinkt", was den Gegensatz zu den brutalen
Ereignissen am Ende besonders verstärkt. Beizeiten fühlt
man sich fast in eine charmante Gaunerkomödie versetzt, wenn
Mesrine für seine Kameraden kocht, er und sein neuer Kumpan
François Besse (Mathieu Amalric) einen Banküberfall
dreist als falsche Kollegen im Polizeirevier vorbereiten oder aber
im Wagen einer Bauernfamilie die klassische Flucht im Kofferraum
wagen.
Dass
Mesrine auch hier ständig einen Sidekick hat, wie die beiden
Pauls und Jeanne im ersten Teil, verweist nochmals auf Mesrines
Geltungssucht. Ohne jemanden, der seine Taten dokumentiert und an
ihnen teilnimmt, arbeitete Mesrine offenbar nicht gerne. Ob nun
Besse (bei dem Amalric wandlungsfähiger sein darf als noch
als Bond-Gegenspieler und vor allem mit seinen nervösen Augen
schauspielert), der bullige Samuel Le Bihan als Michel "Der
Flugzeugträger" Ardouin (so genannt, weil er immer ein
riesiges Arsenal verschiedenster Waffen mit sich rumschleppte) oder
Gérard Lanvin als sein letzter Begleiter Charly - für
Mesrine waren seine Helfer immer auch Publikum. Und so war sein
blutiger Tod auf den Straßen von Paris vielleicht ein nur
allzu treffendes Ende: ein letztes Spektakel.
"Mesrine" der Film wankt in seinem zweiten Teil ein wenig,
aber er fällt nicht. "Todestrieb" ist zwar schwächer
als der erste Teil und angesichts der hier unübersehbaren Längen
darf man sich schon fragen, ob es denn wirklich vier Stunden sein
mussten, um Mesrines Leben und Sterben gebührend darzustellen.
Aber das Ganze bleibt trotzdem fast durchgehend interessant und
dank Cassels weiterhin fesselnder Leistung als Titelheld würde
man Mesrine wohl auch noch in eine fünfte Stunde folgen. Er
hat übrigens mittlerweile völlig gerechtfertigt den César
als bester Hauptdarsteller für seine Leistung hier in Empfang
genommen.
Jean-François Richet, als bester Regisseur ebenfalls mit
dem César ausgezeichnet, ist mit diesem zweiten Teil ein
zwar wenig spektakulärer, insgesamt aber gelungener Nachfolger
zum explosiven "Mordinstinkt" gelungen. Und nach vier
Stunden launiger Missetaten Mesrines ist klar: Mehr Gangster geht
momentan im Kino nirgendwo.
|