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Kann jemand wie Malik El Djebena ein Prophet sein?
Kann jemand wie Malik überhaupt irgendwer sein? Am Anfang dieses
ambitionierten, sowohl kunstvollen als auch knallharten Knastdramas
sieht es jedenfalls nicht so aus. Da kommt er in den Knast, seine
erste Strafe bei den großen Jungs, wie ihn sein Anwalt erinnert.
Isst du Schweinefleisch,
fragt ihn der für seine Ankunft verantwortliche Beamte. Malik
guckt ihn nur verständnislos an, zuckt mit den Schultern und
murmelt "Öh, ähm, ja." Er ist zwar Araber und
theoretisch auch Moslem, hat aber mit den Lehren des Koran nichts
am Hut.
Seine Geschichte hinter Gittern ist nie vollständig die einer
religiösen Erweckung, so prätentiös wollte Jacques
Audiard denn vielleicht doch nicht sein. Aber so ganz ohne Prätentionen
ist "Ein Prophet" nicht, denn ihm geht es sehr wohl um
viel mehr als nur ein schnödes Knastdrama. In den klassischen
Elementen wie der Gewalt, der Korruption der Wärter und natürlich
der zentralen Aufsteigergeschichte erinnert "Ein Prophet"
auch an Filme wie etwa "Blood In, Blood Out". Jacques
Audiard hat aber natürlich noch Anderes, Größeres
vor. Schon früh ahnt man dies. Verwischte Aufnahmen von fliehenden
Rehen durchbrechen die ansonsten mit knallharter Authentizität
erzählte Geschichte. Der Blick geht verwaschen durch eine Art
Röhre, die Ränder bleiben schwarz. Vielleicht soll dies
Maliks Blick sein, als ihm später fast ein Auge heraus gerissen
wird. Diese kleinen künstlerischen Einschübe sind, ja
was eigentlich, Vorahnungen, Prophezeiungen?
Der
durch den Titel vorgegebene größere Anspruch und auch
die Verbindung zum Islam und dem Propheten Mohammed werden erst
nach und nach ganz subtil deutlich. Erstmal lernen wir mit Malik
(Tahar Rahim) das harte Knastleben kennen. Schon am ersten Tag sind
die schönen neuen Sportschuhe weg und ein paar aufs Maul gibt's
noch dazu. Doch es kommt noch schlimmer. César Luciani (Niels
Arestrup), ein korsischer Gangsterboss und seine Bande haben ein
Auge auf ihn geworfen. Der Grund: Malik ist in den Araber-Trakt
des Gefängnisses eingeteilt, in den aus Sicherheitsgründen
gerade Jordi (Reda Kateb) verlegt wurde, der Kronzeuge in einem
Prozess gegen die korsische Mafia. Malik soll ihn für die Korsen
umlegen. Erst wehrt er sich gegen dieses Angebot, das er unmöglich
ablehnen kann. Was Malik zu diesem Moment noch nicht weiß:
Sein erster Kontakt mit César wird ihn zum Ende seines Gefängnisaufenthalts
zu einem respektierten Gansterboss machen....
Die Abhärtung des Kleinkriminellen und sein Aufstieg zum Gangsterboss
werden dabei faszinierend nachgezeichnet, besonders wie Malik, der
als dummer Taugenichts in den Knast kommt, durch Geschick und Beobachtungsgabe
anfängt, zu einem meisterhaften Manipulator zu werden. Das
ist faszinierend anzuschauen, und zwar so faszinierend, dass die
zweieinhalb Stunden des Films einem nie lang oder langweilig vorkommen.
Das hat auch viel mit den gezeigten Schauspielerleistungen zu tun,
mit dem Duell zweier großartiger Akteure. Von Charakterdarsteller
Niels Arestrup (trotz sehr dänisch klingendem Namen waschechter
Franzose) ist man das gewöhnt, der hat gerade in den letzten
Jahren öfters auf sich aufmerksam gemacht, etwa als kaputter
Kleingangster in "Der wilde Schlag meines Herzens", für
den er auch
den César, das französische Oscar-Pendant, als bester
Nebendarsteller gewann. Aber die sensationelle Leistung von Tahar
Rahim ist genau das, eine Sensation. Denn Rahim ist ein völlig
Unbekannter, der bevor Audiard ihn für "Ein Prophet"
entdeckte, einzig zwei Statistenrollen vorzuweisen hatte. Rahim
trägt den Film mit einem Selbstbewusstsein und einer Natürlichkeit,
die man von einem Veteranen erwartet, nicht von einem neunzehnjährigen
Quasi-Berufsanfänger. Völlig zurecht wurde Rahim für
diese Leistung sowohl mit dem César als auch mit dem europäischen
Filmpreis als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. "A Star
Is Born" muss man da wohl sagen, oder aber "une étoile
est née".
"Ein Prophet" zeigt in seiner zentralen Geschichte des
Aufstiegs eines einzelnen Mannes vom kleinen Mafiagehilfen zum Gangsterboss
gleichzeitig Aufstieg und Fall von Strukturen im kriminellen Geschäft.
César steht für das alte klassische Mafiasystem, Malik
letztendlich für ein Gangstersyndikat, das sich vielmehr als
globales islamistisches Netzwerk erweist. Am Ende steht César
wie das System, das er repräsentiert, vor dem Aus, Malik dagegen
steht die Welt offen, er muss nur weiter mit soviel Geschick vorgehen
wie er es hinter Gittern tat. Apropos Geschick: Außerordentlich
geschickt hat Jacques Audiard hier den Realismus vom Knastalltag
mit seinen erzählerischen Ambitionen verwoben, was "Ein
Prophet" zwar nicht zu einer filmischen Prophezeiung macht,
aber ohne Zweifel zu einem ganz starken Film.
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