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Wer oder was ist ein Pollock? Während der breiten
Masse der Name Jackson Pollock eher unbekannt sein dürfte,
hat der eine oder andere ohne es zu wissen mit Sicherheit schon
mal eins oder mehrere seiner Bilder gesehen. Das sind als seine
Haupterrungenschaft diese Klecksbilder, die Mitte des letzten Jahrhunderts
die Kunstkritik massiv in zwei Lager spaltete: Innovation oder Prätention,
die lebendigste, originellste Kunst ihrer Zeit oder die dementen
Klecksereien eines bestenfalls sprunghaften Geistes? Einfache Antworten
auf diese Fragen
gibt der Film nicht, und eine der Antworten, die er gibt, ist: Nein,
nicht jeder kann einfach drauflos kleckern und daraus Kunst schaffen,
Pollocks Bilder und seine "drip'-Technik sind Ergebnisse harter
Arbeit und künstlerischer Vision. Und es sind die Szenen, in
denen Pollock - sehr glaubwürdig verkörpert von Ed Harris,
auch Regiedebütant hier - diese Werke auf die Leinwand bringt,
die in Erinnerung bleiben. Lebendig und energisch, fast manisch
darin.
Leider kann man einen Zweistundenfilm nicht nur mit Malen füllen,
schließlich sind wir hier in einem Biopic für die große
Leinwand und nicht in einem Seminar für die Kunsthochschule,
und so wird dann Pollocks Geschichte erzählt, vom zähen
Karriereanfang zu Beginn der 40er Jahre, seiner künstlerischen
und vor allem privaten Beziehung zu Lee Krasner (Marcia Gay Harden),
sein Durchbruch mit den ersten "drip paintings" 1947,
dem Aufstieg zum ersten zelebrierten Künstler des Post-Kriegs-Amerika
Anfang der Fünfziger und dann seinem Verfall in Manische Depression
und Alkoholismus bis zu seinem tragischen Tod im Jahre 1956.
Und mit diesem knapp umrissenen Plot des Pollocks letzte und wichtigste
15 Jahre dokumentierenden Films beginnen die Probleme. Positiv sei
hier zuerst vermerkt, dass dieser Film nicht in die Falle läuft,
uns die althergebrachten Klischees über den gequälten
Künstler, die Mischung aus Genie und Wahnsinn etc. wiederzukäuen,
oder in billige Hobbypsychologie abzugleiten. Andererseits lässt
er uns mit einem fragmentarischen Storygerüst zurück,
das nicht so recht tragen will. Vieles wird hier angerissen aber
dann nicht fortgeführt. Man sieht ein bisschen Pollock als
Familienmensch, ein bisschen Pollock als unwahrscheinlichen und
sich unwohl fühlenden Star und ganz viel Pollock, der sich
schlecht benimmt. Aber es rauscht alles relativ belanglos am unberührten
Zuschauer vorbei - wobei Rauschen hier nicht ganz korrekt ist, Traben
trifft das gemächliche Tempo besser.
Woran
es letztlich liegt, dass dieser Film nicht recht packen will, bleibt,
wie vieles im Leben des Jackson Pollock, schwammig und unklar, nicht
greifbar. Vielleicht die Tatsache, dass man nur so und so viele
selbstzerstörerische Künstler sehen kann und möchte,
dass die alte Story eben doch nicht vermieden werden kann. "It's
better to burn out than to fade away" sang Neil Young, und
da sich leider allzu viele Künstler (aus allen Bereichen) dieses
Credos annahmen, kann auch "Pollock" nicht viel Bemerkenswertes
oder gar Neues beitragen.
Zumindest an den Schauspielern liegt es nicht: beide Hauptdarsteller
oscar-nominiert, sie gewann (wenn auch in der Nebenrollen-Kategorie),
er nicht. Beide Vorstellungen sind subtil, understated, fast gar
nicht da als Performance an sich. Harris' Pollock wirkt selbst wie
aus einem Gemälde, mit steter Zigarette im Mundwinkel ist er
einer von Edward Hoppers Nachtfalken, direkt von der einen Leinwand
auf die andere gewandert. Harris ist besonders gut, wenn Pollock
wütend ist: dort nicht nur aber besonders verleiht er ihm eine
poetische Note, die bleibt. Der Oscar für Marcia Gay Harden
ist sicherlich diskutierbar, nicht unverdient zwar, aber eben auch
nicht offensichtlich.
Andere
bekannte Gesichter tauchen auf, hinterlassen aber wenig Eindruck.
Val Kilmer gibt William De Kooning mit recht gelungenem Akzent und
latent homoerotischer Aura, Jennifer Connelly gibt's hier nur die
letzten zwanzig Minuten und auch nur als Augen-Leckerli. Immerhin
startete sie hier ihren Lauf, der bis hin zum verdienten Oscar für
"A Beautiful Mind" führte.
Apropos: Dessen Überdramatisierung war zwar dann auch debattierwürdig,
produzierte aber einen wesentlich zuschauerfreundlicheren, interessanteren
Film. Denn auch unter den Biopics der jüngeren Vergangenheit
nimmt "Pollock" leider eher einen der hinteren Plätze
ein. Er kann weder die Episodenhaftigkeit als Motiv vorweisen wie
"Der Mondmann", noch
mit der Intensität und dem brodelnden Subtext von "Gods
and Monsters" aufwarten und erinnert statt an diese weitaus
gelungeneren Streifen auch eher an Michael Manns missglückten
"Ali". Wie letzterer ist auch
"Pollock" gut gemeint, gut gespielt aber letztlich und
vor allem auch langatmig, zudem behäbig wie die abgewrackte,
aufgedunsene Titelfigur in ihren letzten Jahren.
Über den Abspann orakelt zum Schluss Tom Waits, der alte Nöler,
"The World keeps Turning". Definitiv auch ohne diesen
Film. Dann lieber zwei Jahre warten und im Arte-Themenabend mitnehmen.
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