Über dem Punjab ziehen
dunklen Wolken auf - die ersten Anzeichen für den sich
nähernden Monsun. Das Fünfstromland, begrenzt von
den Zuflüssen des Indus und dem Himalaya-Vorland, ist die
Heimat der Regisseurin Mira Nair. Es ist eines der ältesten
Kulturlandschaften Indiens. Jahrhunderte lang wurde das Land
von Fremden

belagert,
bis 1947 Gandhis Protestbewegung Indien die Freiheit brachte.
Gleichzeitig führte die Teilung dieses riesigen Gebietes,
in ein weitgehend von Muslimen (Pakistan) und ein hauptsächlich
von Hindus und Sikhs bewohntes Land (Indien), in eine Katastrophe,
von der es sich bis heute nicht erholt hat.
Neu-Delhi, der Ort der Handlung von "Monsoon Wedding",
ist dieser Ort der ständigen Grenzwanderung zwischen Tradition
und Moderne: Religiöses Zentrum der Sikhs und Sommerpalast
des Maharajas Ranjit Singh einerseits; wirtschaftlich florierende
Hauptstadt mit elf Millionen Einwohnern, von denen viele den
neuindischen Dialekt mit stark westlicher Ausprägung des
Hindi sprechen, andererseits. In dieses Kaleidoskop der indischen
Gegenwart und Gegensätzlichkeiten begibt sich Mira Nair
mit ihrer Geschichte um Familie, Fortschritt und Tradition,
Liebe und Verlust. Obendrein wagt sie den Schritt in das zentralste
aller indischen Themen, egal ob im wahren Leben oder in einem
Bollywood-Film - Shaadi, die Hochzeit. "Im Feiern",
sagt Nair, "kennen wir keine Grenzen. Es wird getanzt,
gesungen, gelacht und ordentlich auf die Pauke gehauen - manchmal
gleich mehrere Tage lang. Die

Kosten
für so eine Hochzeit sind enorm hoch und bringen die Familien
oft an den Rand des Ruins. Aber für eine ordentliche Hochzeitszeremonie
ist man in Indien - zumindest im Film - zum Sterben bereit."
So wäre Chaos noch nicht ganz das richtige Wort für
Lalit (Naseeruddin Shah) und Pimmis (Lillete Dubey) momentane
Situation. Eigentlich befindet sich Familie Verma aus Neu-Delhi
schon am Rande des Nervenzusammenbruchs und des Bankrott, denn
sie bereitet gerade die Hochzeit für ihre einzige Tochter
Aditi (Shefali Shetty) vor. Drei Tage sind es noch bis zum freudigen
Ereignis, zu dem die über die ganze Welt verstreute Verwandtschaft
der Punjabi-Sippe eintreffen wird. Und als wäre die Wettervorhersage
(Dauerregen) noch kein ausreichender Grund, um nervöse
Zuckungen zu bekommen, bringen die Gäste leider nicht nur
gute Stimmung in Vermas ansehnliches Haus. Fast jede Person
scheint auch ein lang gehütetes Geheimnis mit sich herumzutragen.
Nur eine einzige Enthüllung würde genügen, um
die gesamte Zeremonie wie eine Perle im ansteigenden Ganges
versinken zu lassen.
Aber dies wäre nicht die Geschichte einer indischen Autorin
und das Werk einer indischen Regisseurin, wenn die verschiedenen
Generationen nicht mit ein wenig Krisenmanagement doch noch
zu ihrem Fest kämen. Während der Film auf sein furioses
Ende zuläuft, gibt sich der Zuschauer der farbenprächtigen
und explosiven Mischung aus Saris und Gucci, Handy und Henna,
rauem Dogma -und subtilem

Robert
Altman-Stil hin. Es ist ein wahres Bad der Sinne, nicht nur
im Hinblick auf den reizvollen Soundtrack, in das uns Mira Nair
entführt. Doch sie wäre nicht die oscarprämierte
Filmemacherin von Werken wie "Salaam Bombay!" (Low-Budget-Doku-Variante
von "Monsoon Wedding") oder "Kama Sutra",
würde der Film nicht auch noch einige kritische Einblicke
in das Indien von Heute eröffnen: Präzise beobachtet
sie das Streben nach Modernität im Gegensatz zur Pflege
uralter Traditionen und zeigt mutig zwischenmenschliche Tabus
wie Kindesmissbrauch oder die Rolle der Frau in einer arrangierten
Ehe auf.
Das "Monsoon Wedding" ebenso tragisch-rührend
wie ungestüm-komisch ist, verdankt er vor allem seinem
hervorragenden Schauspielerensemble. Allen voran der indische
Superstar Naseeruddin Shah, dessen intensives und einfühlsames
Spiel hier von der besorgten Vaterfigur bis zur Rolle des toughen
Geschäftsmannes reicht. Aber das absolute Highlight in
Sachen Akteure sind die Nachwuchsdarsteller Vijay Raaz und Tilotama
Shome. Die beiden Neuentdeckungen' glänzen auf so
unverbrauchte, zauberhafte Weise in ihrer separaten kleinen
Liebesgeschichte, dass es eine wahre Wonne ist, ihnen zuzusehen.
Diese wunderbare Liebeserklärung an Delhi und seine Menschen
wurde zurecht auf der Biennale 2001 als Bester Film mit dem
"Goldenen Löwen" ausgezeichnet und 2002 für
den "Golden Globe" als bester ausländischer Film
nominiert. Den Löwen' widmete Regisseurin Nair gleich
ihrer Heimat: "Das ist ein Preis für Indien, für
die Schauspieler und für meine Familie. Ich wollte mit
meinem Film eigentlich nur mein Publikum glücklich machen."
Gratulation, Mrs. Nair, das gelingt ihnen perfekt.