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Die
Brötchen werden wieder kleiner für Jean-Pierre Jeunet.
Nachdem er Anfang dieses Jahrzehnts mit "Die
fabelhafte Welt der Amelie" den gesamten Kino-Globus im
Sturm eroberte, sah es ganz danach aus, als würden von nun
an große Dinge für den fantasievollen Franzosen ("Delicatessen",
"Alien - Die Wiedergeburt") folgen. Doch sein nächstes
Projekt "Mathilde - Eine große
Liebe" (wieder mit "Amelie" Audrey Tautou in
der Hauptrolle), als Leinwand-Epos im Oscar-Format geplant und mit
jede Menge Kohle aus Hollywood finanziert, erwies sich nach sehr
langer Produktionsgeschichte als höchstens mäßig
beeindruckend und auch nur sehr mäßig erfolgreich. Die
Regie für den fünften Harry Potter-Film, die im zwischenzeitlich
angeboten wurde, wollte Jeunet nicht übernehmen, und so hieß
es im
Jahre Acht nach Amelie dann zurück nach Hause, Schluss mit
internationalen Großproduktionen und wieder mal einen "kleinen",
eigenwilligen Film machen voller skurriler Ideen und schräger
Gestalten.
Klingt ein bisschen wie "Amelie", ist es aber leider
nur bedingt. Dafür hat sich Jeunet als Star seines neuen Films
den momentan heißesten Star von ganz Frankreich geschnappt.
Der Komödiant Dany Boon ist zwar kein Posterboy, hat aber den
Mega-Erfolg "Willkommen bei den
Sch'tis" zu verantworten und ist ergo von der Bretagne
bis ins Elsass so beliebt wie Will Smith und Adam Sandler zusammen.
In "Micmacs" spielt er Bazil, der als Kind zur Halbwaise
wird, als sein Vater in unschönen Kontakt mit einer Landmine
kommt, und 20 Jahre später ein unaufgeregtes Leben als Videothekar
führt, bis es vor dem Laden zu einer Schießerei kommt
und Bazil einen Querschläger in den Kopf kriegt. Die Kugel
wird von den Ärzten im Kopf gelassen um zu vermeiden, dass
Bazil zu wandelndem Gemüse wird. Zurück aus dem Krankenhaus
muss Bazil feststellen, dass er Job und Wohnung verloren hat und
nun ziemlich planlos dasteht. Schließlich findet er Anschluss
an eine wunderliche Gruppe von Gestalten, die unter der Obhut der
mütterlichen Cassoulet (Yolande Moreau) in einer Art Höhle
auf einem Schrottplatz leben. Als Bazil dann herausfindet, dass
die beiden Waffenkonzerne, welche die Vater-tötende Landmiene
sowie die Kugel in seinem Kopf hergestellt haben, ganz in der Nähe
angesiedelt sind, kann er sich bei der Umsetzung eines recht außergewöhnlichen
Rachefeldzugs auf die Mithilfe seiner neuen Freunde verlassen.
An sich ist hier alles, wie man es aus Jeunets besten Filmen "Delicatessen"
und "Amelie" kennt und liebt: Eine Welt mit sanftem Hang
zum Absurden, bevölkert von angenehm
schrägen Gestalten, von denen niemand wirklich schön,
aber alle durchaus liebenswert sind, und alle naselang hüpft
eine aberwitzige Idee oder ein skurril-amüsantes Detail durchs
Bild, einfach nur, weil es nett anzusehen und einfach mal was anderes
ist.
Doch während sich diese Mischung bei "Amelie" zu
einem genialen Gesamtkunstwerk der Glückseligkeit ergänzte,
bleibt "Micmacs" leider Stückwerk, das sich nicht
so recht zu einem runden Ganzen zusammenfügen mag. Das liegt
nicht zuletzt daran, dass es Jeunet und sein Co-Autor Guillaume
Laurant vor lauter Einfallsreichtum versäumen, ihren Hauptfiguren
klare Konturen zu geben. So wirkt Bazil weitestgehend wie ein Mensch
ohne echte Eigenschaften, der auch seinen Schicksalsschlägen
ziemlich stoisch begegnet, was wiederum nicht zu dem Rachefeldzug-Motiv
gegen die verantwortlichen Waffen-Konzerne passt. Die bunte Schrottplatz-Truppe
merkwürdiger Individuen bleibt geschlossen auf die ihre Schrägheit
begründenden Charakteristika reduziert, ihre potentiell Konturen
verleihende Hintergrundgeschichte (wo kommen sie alle her und wie
kam es dazu, dass sich die Gruppe an diesem Ort formte) bleibt im
Dunkeln. Es scheint fast so, als würden sich Jeunet/Laurant
jenseits der Skurrilität ihrer Figuren nicht weiter für
sie interessieren. Weshalb die Truppe letztlich zu einer oberflächlichen
(wenn auch liebevollen) Freakshow verkommt.
Am meisten steht sich "Micmacs" jedoch selbst im Weg,
weil er keinen seiner Ansätze so richtig zu Ende führt.
Hier wird viel angerissen und dann einfach liegen gelassen, der
bunte Strauß an verrückten Ideen und kuriosen Details
wirkt zum Teil vollkommen
beliebig und entsprechend konfus zusammengewürfelt. Aus dem
Aufhänger, dass Bazil eine Kugel im Kopf hat, die ihn theoretisch
jeden Moment umbringen könnte, wird zum Beispiel eigentlich
überhaupt nichts gemacht. In anderen Momenten reißt der
Film selbstironisch die Mauer zwischen Leinwand und Zuschauer ein,
wenn seine Helden diverse Male an Werbeplakaten für eben jenen
Film vorbeifahren, in dem sie gerade spielen, oder Bazil nach einer
erschütternden Nachricht aus einem Gebäude tritt, die
Soundtrack-Musik unheilschwanger hochfährt - und die Kamera
dann auf einer großen Treppe hinter Bazil ein komplettes Orchester
ins Bild rückt, das eben jene Soundtrack-Musik intoniert. Eine
an sich schöne Idee, die für sich allein stehend aber
einen Ton anschlägt, der im Rest des Films nicht weiter bespielt
wird, und mit ihrer ironischen Brechung der Filmrealität letztlich
nur die Distanz zwischen Zuschauer und Leinwandhelden noch weiter
erhöht.
Auch daran liegt es, dass einem die Abenteuer und Kapriolen von
Bazil und Konsorten letztlich ziemlich kalt lassen; ein halbgar
ausgeführter Liebessubplot wirkt wie uninspiriert und pflichtschuldig
dazu addiert, weil man irgend so was in die Richtung halt auch machen
muss; emotional mitgenommen wird man von diesem Film jedenfalls
nicht. So bleibt letztlich nur eine Menagerie an mal mehr, mal weniger
beeindruckenden Jeunet-Ideen, von denen manche zwar sehr nett, aber
auch alle zusammen kein überzeugender Grund sind, dafür
nun unbedingt ins Kino gehen zu müssen.
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