"When I'm rushing on my run / And I feel just
like Jesus' Son..."
Aus einer Textzeile von Lou Reeds "Heroin" nahm Denis Johnson
den Titel für seine Sammlung von Kurzgeschichten, die jetzt
von Alison Mc Lean kongenial verfilmt

wurden.
Die relativ lose zusammenhängenden Geschichten kreisen um ein
und denselben Charakter und dessen merk- und denkwürdige Erlebnisse.
Der Gute hat es ja von Anfang an nicht einfach, wird er doch
von allen nur "Fuckhead" gerufen. Nicht zu unrecht. Fuckhead
(Billy Cudrup) ist ein Junkie und Verlierer, die Personifizierung
des
white trash im tiefsten Mittelwesten der USA, wo
der leicht unterbelichtete Taugenichts nicht die Ausnahme, sondern
eher die Regel ist. Nicht minder abgefuckt ist seine Freundin
Michelle (Samantha Morton), die ihn an die Nadel bringt und
später dann regelmäßig um den Verstand. Das Pärchen hat eine
chaotische Beziehung mit Zusammen- und Auseinandersein, mit
Streiten und Ficken und sich mit Heroin so volldröhnen, daß
nichts mehr geht. Während sich Fuckhead so durchschlägt und
dabei die skurrilsten Typen dutzendweise trifft, merkt er gar
nicht, wie sehr er und seine Freundin sich durch ihre Heroinsucht
im freien Fall befinden, dessen Aufprall zu hart sein wird.
Das Leben in der Überholspur - "when I'm rushing on my run",
in der Tat - wird von beiden seinen Tribut fordern...
"Jesus' Son" ist der perfekte Begleitfilm für Cameron Crowes
"
Almost Famous". Und das nicht
nur, weil beide Filme den großartigen Hauptdarsteller teilen.
Beide spielen in den USA der frühen Siebziger, und zwar nicht
aus reinem

Zufall.
Einer der größten Brüche in der Geschichte der USA bedeuteten
diese Jahre, in denen man sich dem Scherbenhaufen stellen musste,
der als hoffnungsvoller Traum der "Love Generation" begann,
zerschlagen durch Vietnam und die Attentate auf JFK, seinen
Bruder Robert und Martin Luther King.
The Dream is over.
Den Schmerz über das Zerschellen des großen Traums wurde bekämpft,
vernebelt, gedämpft durch das große H, das nun seinen Siegeszug
begann. Heroin löste die Joints und LSD-Trips ab, und sorgte
dafür, daß die große Depression begann, Leben einzufordern.
In "Almost Famous" wird dieses inmitten der leicht disney-esquen
sauberen Sentimentalität angeschnitten, hier gibt es nun die
dreckigere und intensivere Kehrseite. Auf der einen Seite also
die Rockstars, hier den unterprivilegierten Mann von der Straße.
Und in der mitreißenden, wie die Charaktere zwischen hohem Flug
und tiefem Fall schwankenden Geschichte entfaltet "Jesus' Son"
Qualitäten, die sich durchaus mit denen von Crowes Werk vergleichen
lassen.
Schlichtweg herausragend wieder die Leistung von Billy Cudrup.
Obwohl sich die Charaktere nicht unähnlicher sein könnten -
in "Almost Famous" der supercoole Gitarrengott, hier der leicht
gestörte Freak - hat Cudrup offenbar

besonderes
Gespür für seine Figuren in ihrem Umfeld, in seinem Gesicht
spiegelt sich stets die Mischung aus Optimismus und Pessimismus,
die für diese Geschichten in genau diesen Zeiten genau zu passen
scheinen. Seine Wandlungsfähigkeit noch extra hervorzuheben,
ist daher so unnötig wie dennoch gern getan, haben wir mit Cudrup
doch einen Jungstar vor uns, der dieses Wort wirklich verdient
und von dem in Zukunft noch einiges zu erwarten ist. Nicht minder
brillant: Samantha Morton (oscar-nominiert für "Sweet and Lowdown")
als seine zutiefst fertige Freundin.
Was aber den Film enorm aufwertet, sind die Stars, die sich
in ausgefallenen Cameo- und Kurzauftritten die Klinke in die
Hand geben. Und gegen deren Figuren die skurrilsten Charaktere
der Gebrüder Coen sich bisweilen wie Otto

Normalverbraucher
ausnehmen. Während Greg Germann (Richard Fish aus "Ally McBeal")
und Will Patton ("Armageddon") tatsächlich nur ein paar Sekunden
auftauchen, nehmen sich Holly Hunter ("Das Piano"), Dennis Hopper
("Easy Rider", passt als Ex-Junkie im Film und Ex-Junkie im
wirklichen Leben wie die Faust aufs Auge) oder Jack Black ("
High
Fidelity") etwas mehr Zeit. Gerade Jack Black als enorm
gestörter Krankenpfleger sollte man gesehen haben.
"Jesus' Son" ist traurig, lustig, bestürzend, einfallsreich,
abgefuckt, nachdenklich machend, intensiv und leichtfüßig. Dies
alles meist abwechselnd, manchmal gleichzeitig. Vielleicht das
nächste "Trainspotting", auf jeden Fall ein tolles Stück Kino.
Nicht für Jedermann und nicht als reines Vergnügen zu goutieren.
Dazu sind die Charaktere zu unangenehm und unkonventionell,
ist die Geschichte zu wenig linear. Der episodenhaften Struktur
des Films ist die Sprunghaftigkeit, das Lose der Vorlage jederzeit
anzumerken. Und bei normaler Erwartungshaltung mag man den ruhigen
Schluss, bei dem der Film fast stillsteht, durchaus als Antiklimax
erachten. Dies zu tun hieße freilich Erwartungen folgen, die
ein Film wie "Jesus' Son" nicht erfüllen kann und nicht erfüllen
will. Und so verlässt man diesen hervorragenden Film mit dem
tröstlichen Bild des seinem Platz im Leben durch Zufall entgegenstolpernden
Verlierers, in den Ohren eine fast hypnotisch intonierte Volksweise:
"Farther along, we'll know all about it / Farther along, we'll
understand why / Cheer up, my brother, live in the sunshine
/ We'll understand it, all bye and bye". Dem ist nichts hinzuzufügen.