Die Prozesse gegen die amerikanische Tabakindustrie
häufen sich. Immer mehr Leute verlangen immer mehr Geld
als Schadensersatz für gesundheitliche Schäden, verursacht
durch jahrelangen Konsum der beliebten Glimmstengel. Und seit
einiger Zeit verliert die Tabakindustrie diese Prozesse auch
regelmäßig, die Schadenszahlungen gehen inzwischen
stramm auf eine Billion Dollar zu. Aber das war nicht immer
so. Vor einigen Jahren hat die Tabakindustrie diese Prozesse
mit schöner Regelmäßigkeit gewonnen, immer mit
der Ausrede, daß die berauschende Wirkung von Nikotin
nicht eindeutig bewiesen sei und sie darauf sowieso keinen Einfluß
hätten. Daß sie damit heutzutage nicht mehr davon
kommen, daran hat ein Mann namens Dr. Jeffrey Wigand entscheidenden
Anteil, und dessen Geschichte widmet sich der neue Film von
Michael Mann, sein erstes Werk seit dem legendären Großstadt-Krimi
„Heat“ von 1996.

Lowell
Bergman ist Producer für „60 Minutes“, das erfolgreichste,
beliebteste und beste TV-Nachrichtenmagazin der USA. Bei Nachforschungen
für eine Story kommt er eher zufällig in Kontakt mit
Dr. Jeffrey Wigand, der vor kurzem von seinem Posten als wissenschaftlicher
Abteilungsleiter beim Tabakriesen Brown & Williamson entlassen
wurde. Schnell merkt Bergman, daß hier eine ganz andere,
wesentlich interessantere Story lauert, doch Wigand ist durch
eine Verschwiegenheitserklärung gebunden, bei deren Bruch
seine Familie vor dem finanziellen und gesundheitlichen Ruin
stände. Bergman versucht, ein Schlupfloch zu finden, daß
es Wigand erlaubt, sein brisantes Wissen auszupacken, während
die Zigarettenindustrie nicht viel Zeit verliert und Wigand
mit allen Mitteln von einer Aussage abzuhalten versucht. Das
hat alles andere als den gewünschten Erfolg, doch vor Wigand’s
Gang an die Öffentlichkeit stehen plötzlich völlig
neue Hindernisse.

Zur
Erhaltung der Spannung soll der Plot nicht weiter erläutert
werden, und auch Wigand’s explosives Wissen bleibt hier unerwähnt,
auch wenn beides andernorts sicherlich ausgiebig wiedergegeben
wird. Aber letztendlich ist der Plot hier auch nicht das Entscheidende,
da der Ausgang für gut informierte Menschen sowieso bekannt
ist. Der Vergleich mit Brian de Palma’s „Die Unbestechlichen“
(über die Watergate-Affäre) ist zwar qualitativ nicht
ganz gerechtfertigt, trifft den Nagel aber in anderer Hinsicht
auf den Kopf: Obwohl das Endergebnis offensichtlich und bekannt
ist, ist der Film höllisch spannend und packt den Zuschauer
von Anfang bis Ende.
Das hat verschiedene Gründe. Beispielsweise die Tatsache,
daß „Insider“ rein inszenatorrisch betrachtet die Meisterleistung
ist, die man bei Michael Mann’s neuem Film nach „Heat“ erwarten
konnte. Der ehemalige kreative Kopf hinter „Miami Vice“ hat
in den letzten drei Jahren offensichtlich nichts verlernt, wie
schon bei „Heat“ trifft er die perfekte Balance zwischen Dramaturgie
und Konzentration auf seine Charaktere. Geniale Unterstützung
erhält er dabei von seinem Kameramann Dante Spinotti, dessen
sehr eigenwilliger, aber enorm wirksamer visueller Stil extrem
auffällig ist (dazu sei gesagt, daß eine Kollegin
gerade diesen Stil mit zunehmender Spielzeit als eher nervig
empfand. Persönlich finde ich es nur legitim, wenn man
so etwas auch komplett durchzieht, sonst bleibt die Konsequenz
auf der Strecke), und speziell bei der intensiven Studie der
Figuren sehr hilfreich ist. Durch die starke Konzentration auf
Gesichtszüge, speziell die Augen, wird in „Insider“ wahnsinnig
viel gesagt, ohne das es ausgesprochen wird.

Das
ist auch eine besondere Herausforderung an die Schauspieler,
und genau das sorgt in diesem Film für eine ganz besondere
Überraschung: Russell Crowe’s Darstellung als Jeffrey Wigand
ist in ihrer Vielschichtigkeit und verborgenen Tiefe eine der
aufregendsten Leistungen, die es in diesem Jahr bisher zu bewundern
gab. Was Crowe hier durch eine unglaublich dezente Körpersprache
transportiert, läßt sogar die spannenden Wortduelle
vergessen, die er sich mit Al Pacino liefert. Der hat es, wohl
zum ersten Mal in seiner gesamten Karriere, so richtig schwer,
zu bestehen: Pacino ist vor allem ein Mann der großen
Monologe, der in bester Form nicht mehr als zwei Minuten ungeteilte
Aufmerksamkeit braucht, um das Publikum begeistert aufschreien
zu lassen. Diese Szenen werden ihm hier nicht gegeben, und so
passiert das Unerwartete: Al Pacino wird an die Wand gespielt.
Das hat zuvor noch keiner geschafft, und das ist einer der Gründe,
warum dies wohl DAS Jahr des Russell Crowe werden dürfte:
Mit „Insider“ gewinnt er die Kritiker, mit „Gladiator“ wird
er im Sommer das Publikum gewinnen. Hier kommt der neue Superstar
2000.
Eine andere enorme Stärke von „Insider“ ist die mehrschichtige
Aussagekraft: Wir haben es hier nicht nur mit der Geschichte
eines Kampfes gegen die Tabakindustrie zu tun. Gleichzeitig
gibt es ein detailgetreues Charakterportrait, eine Auseinandersetzung
mit journalistischer Ethik, und vor allem eine sehr differentierte
Abhandlung über Moral. Dies ist kein Film der einfachen
Antworten, denn für (fast) jedes Dilemma gibt es hier zwei
vernünftige Lösungen, die ich als innere und äußere
Moral bezeichnen würde. Die innere Moral besagt,

was
das Beste für das persönliche Umfeld ist, für
die Familie, die Firma, die Freunde. Die äußere Moral
diktiert, was das Beste für die Gesellschaft an sich ist.
Wer „Insider“ sieht, versteht, warum diese beiden Möglichkeiten
nicht unter einen Hut zu bringen sind. Und muß leider
auch einsehen, daß unsere Gesellschaft gerade deshalb
vor so vielen Problemen steht, weil zu viele Menschen nur nach
der einen Moral handeln. Kant’s kategorischer Imperativ ging
mir beim Betrachten nicht mehr aus dem Kopf. Und was dieser
Film sagt, ist, daß dieses Konzept in unserer Welt nicht
mehr funktioniert: Der Ehrliche ist immer der Dumme. In dieser
Hinsicht ist „Insider“ ein sehr pessimistischer, aber gerade
deshalb auch sehr ehrlicher Film.
„Insider“ ist deshalb ein Exkurs in grandiosem Filmemachen,
weil durch das außergewöhnliche Können der Beteiligten
vor und hinter der Kamera eine an sich unspannende weil bekannte
Geschichte in eine spannungsgeladene und atmosphärisch
dichte Parabel über Moral und Gewissen verwandelt wurde.
Seine Oscar-Nominierungen für Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller,
Kamera und Schnitt hat er auf jeden Fall mehr als verdient.
Ein kleines bißchen zu lang geraten, aber ohne Frage ein
Film, wie man ihn nicht sehr oft zu sehen bekommt.
P.S.: Die Macher von „Insider“ haben sich einige künstlerische
Freiheiten bei der Dramaturgie erlaubt, so daß sich speziell
im letzten Drittel des Films ein paar Darstellungen finden,
die in der Realität nicht so abgelaufen sind. Wer an Hintergrundinformationen
interessiert ist, findet diese hier:
www.brillscontent.com/features/Real_1_0899.html