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Ein Vater-Sohn-Beziehungs-Road-Trip-Film. Da fangen viele an zu
gähnen, gab es doch in der Vergangenheit wahrlich genug davon
zu sehen. Doch seit einiger Zeit bläst ein frischer Wind durch
dieses abgenudelte Sub-Genre. Nachdem "Die
große Reise" die Annäherung zwischen einem gläubigen
muslimischen Vater und seinem atheistischen Sohn zeigte und in "Transamerica"
der Vater sogar
(fast) eine Frau war, handelt es sich in "Die Hausschlüssel"
um einen Vater, der mit seinem behinderten Sohn, den er bisher nicht
kannte, auf eine Reise geht. Wie schon die vorher genannten Werke
zeichnet sich dieser Film durch die minimalistisch-dokumentarische
und nicht auf die Tränendrüse drückende Erzählweise
aus, die den Zuschauer mitnimmt auf eine Reise zu seinen eigenen
Unsicherheiten und Vorurteilen gegenüber Behinderung.
In einem Zug nach Berlin trifft Gianni (Kim Rossi Stuart, "Romanzo
Criminale", "Pinocchio")
das erste Mal seinen fünfzehnjährigen Sohn Paolo (Andrea
Rossi). Als bei der Geburt die Ärzte sagten, dass seine Frau
gestorben sei und sein Sohn "einige Probleme" habe, lief
Gianni einfach davon. Der Sohn wuchs bei seinem Onkel Alberto auf,
der Gianni vor dem Wiedersehen mit seinem Sohn sagt, er habe diesen
nicht verdient, weil Andrea ein wunderbares Kind sei. Gianni, der
mittlerweile wieder geheiratet und eine Familie gegründet hat,
ist überfordert und weiß nicht, wie er mit diesem Kind
nun klar kommen und wie er ihn behandeln soll. Anfänglich tut
er so, als sei dies gar nicht sein Kind, doch im Laufe der Zeit
entwickelt er Gefühle der Zuneigung, die ihn erkennen lassen,
dass er diesen Sohn, der so gar nicht seinen Vorstellungen entspricht,
vielleicht doch lieben kann.
Der
Titel "Die Hausschlüssel" bezieht sich auf die Grenze
zwischen der Zeit, in der man noch ein Kind ist (und somit abhängig
von den Eltern) und der späteren Zeit, in der man erwachsen
genug ist, um Hausschlüssel zu verlangen und seine Autonomie
einzufordern. Obwohl Paolo stolz seine Hausschlüssel in die
Höhe reckt, weiß der Zuschauer ebenso wie Vater Gianni,
dass der Junge immer auf Hilfe angewiesen sein wird. Es kann kein
Happyend geben, da die Behinderung von heute auch morgen und übermorgen
und noch in Jahrzehnten mit ihm sein wird. Eine solche Geschichte
entzieht sich dem klassischen Schema, am dem am Ende alle glücklich
vereint und alle Probleme gelöst sind.
Doch genau das ist auch die Schönheit dieser Geschichte. Regisseur
und Co-Autor Amelio zeigt, dass es trotz Behinderung auch glückliche
Momente gibt und dass es so jeden Tag kleine Augenblicke geben kann,
von denen man zehrt, wenn alles wieder aussichtslos erscheint. Verdeutlicht
wird dies durch die Figur der Nicole (Charlotte Rampling, "Immortel
(ad vitam)", "Spy Game"),
die ihr Leben für ihre behinderte Tochter lebt und doch manchmal
davor steht zu verzweifeln. Nicole ist die wohl liebevollste Figur
im Film, daher sind ihre Aussagen über die Härte ihres
Schicksals umso verstörender. Rampling, die dieses Jahr als
Anerkennung ihrer großartigen Leistungen als Vorsitzende der
Berlinale-Jury fungieren durfte, füllt Nicole mit einer solchen
Präsenz, dass man der Frau ihre Liebe, aber auch ihre Verbitterung
glaubt.
Durch den Handlungsort Deutschland, wo Gianni und Paolo sich mit
niemandem außer Nicole auf Italienisch verständigen können,
werden beide in ihrer hilflosen Ausgestoßenheit aus der Gesellschaft
umso deutlicher gezeigt. Genau wie sein Sohn ist plötzlich
auch Gianni anders als alle um ihn herum und muss damit umgehen,
dass er seine Wünsche nicht klar deutlich machen oder einfach
umsetzen kann.
Eine
große Stärke dieses Films ist, dass der Zuschauer jederzeit
ganz nah dran ist an Gianni und seiner Hilflosigkeit. Ebenfalls
zentral ist, dass der in Europa vielfach preisgekrönte Regisseur
Amelio (Cannes, Venedig, Berlin etc.) einen behinderten Jungen für
die Rolle des Paolo auswählte und somit nicht á la "Rain
Man" eine Schwerpunktverlagerung dahin stattfand, wie toll
ein Schauspieler einen Autisten spielt. Dadurch erlangt "Die
Hausschlüssel" eine Authentizität, die Werke wie
"Gilbert Grape" wegen ihrer Darstellerwahl nicht erreichen
können.
Gianni Amelio bezeichnet den jungen Andrea Rossi sogar als einen
der Co-Autoren des Films, da er ihn über lange Zeit begleitete
und Andreas Besonderheiten und Ausrufe dadurch in den Film einflossen.
Gianni Amelio gab der Hauptrolle des Vaters sogar seinen eigenen
Vornamen, weil er genau solche Stadien der Hilflosigkeit und des
Unverständnisses bei seiner Arbeit an diesem Film an sich selbst
bemerkte.
Die
Schwäche des Films ist hingegen die extrem langsame Erzählweise,
die den Zuschauer manchmal zum Gähnen bringt. Da Amelio dem
"Narzissmus" der Kamera nicht nachgeben wollte, um nicht
von der menschlichen Wahrheit dahinter abzulenken (wie er selbst
sagt), wohnt dem Film mit seinem visuellen Minimalismus eine gewisse
Sprödigkeit inne, so dass man sich doch etwas mehr formale
Mittel gewünscht hätte, um die Szenen zu strukturieren.
Außerdem erscheint die Aussage, dass ein behindertes Kind
Liebe braucht und keine Ärzte, fragwürdig. Amelio lässt
seinen Paolo von einem Drachen von Krankengymnastin hin und her
jagen; ein Martyrium, das schier endlos dauert, so dass ihn Gianni
aus dieser Situation heraus aus dem Krankenhaus entführt. Als
Gianni dann noch Paolos Gehhilfe einfach über Bord der Fähre
wirft, ist der Zuschauer etwas irritiert, da die Behinderung des
Sohnes doch nicht dadurch verschwindet, dass man seine Hilfsmittel
entfernt.
Gianni Amelio sagt über "Die Hausschlüssel",
dass dies kein Film über Behinderung ist, sondern vom Gefühl
der Unzulänglichkeit und der Schwierigkeit erzählt, das
Verschiedenartige zu akzeptieren; etwas, das ein Vater empfinden
kann, wenn er merkt, dass sein Sohn nicht so ist, wie er ihn gewollt
hat. Sind auch die dafür gewählten filmischen Mittel nicht
immer optimal, so kann man doch sagen, dass "Die Hausschlüssel"
ein sehenswerter Film ist, besonders auch für Angehörige
behinderter Kinder, die solche Stadien genau kennen werden.
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