|
Der
Verlauf von Sam Raimis Regie-Karriere lässt sich mit Fug und
Recht als kurvenreich bezeichnen. Nachdem er mit seinem Langfilm-Debüt
"The Evil Dead" gleich einen Horror-Meilenstein abgeliefert
hatte, verlor er sich mit seinen nachfolgenden Werken ein wenig
im Niemandsland der Mitternachtsfilme, die nur selten mehr als ein
vergleichsweise eingeschränktes Genre-Publikum erreichen konnten.
Nach seinem ebenfalls eher zwiespältig aufgenommenen Western
"The Quick and the Dead" war dann auch ein deutlicher
Bruch zu erkennen: Raimi verzichtete bei seinem nächsten Film
"A Simple Plan" komplett auf das wilde Kameragewirbel
und die sonstigen formalen Spielereien, die längst zu seinem
Markenzeichen geworden waren. Stattdessen konzentrierte er sich
ganz auf die Figuren und die Geschichte des hervorragend konstruierten
Thrillers und konnte prompt mal wieder einen größeren
Erfolg verbuchen. Für den Nachfolger, das Kevin-Costner-Baseball-Drama
"For the Love of the Game", wollte sich das angestrebte
Mainstream-Publikum hingegen kaum begeistern. Trotzdem erhielt Raimi
die wohl größte Chance seiner bisherigen Karriere: Ihm
wurde angeboten, Regie bei der "Spiderman"-Verfilmung
zu führen, die im kommenden Jahr beim Blockbuster-Rennen ganz
vorne mitmischen soll. Vor seinem mit Abstand aufwändigsten
Projekt realisierte Raimi jedoch noch "The Gift", der
wiederum so gar nicht wie die Visitenkarte eines Eventmovie-Regisseurs
wirken will.
Die
junge Witwe Annie Wilson (Cate Blanchett), die mit ihren drei Söhnen
in einer Kleinstadt im Süden der USA lebt, verfügt über
leicht übersinnliche Fähigkeiten und legt einigen ihrer
Mitbürger gelegentlich die Karten. Dass sie sich mit diesen
Diensten im Ort jedoch nicht nur Freunde macht, merkt sie spätestens,
als Donnie (Keanu Reeves), der gewalttätige Ehemann ihrer Freundin
Valerie (Hilary Swank), sie besucht und ihr den Kontakt zu seiner
Frau verbietet, da er - nicht ganz zu Unrecht - befürchtet,
Annie würde ihr raten, ihn zu verlassen. Doch damit fangen
ihre Probleme erst an: Als sie von der Polizei um Hilfe bei der
Suche nach einer vermissten jungen Frau gebeten wird, muss Annie
erkennen, dass ihre besondere Begabung sie in Regionen führt,
die sie freiwillig niemals betreten hätte...
Ganz offensichtlich hat sich Sam Raimi mit "The Gift"
wieder an "A Simple Plan" orientiert, denn er verzichtet
auf formale Extravaganzen und gibt seinen Darstellern ausreichend
Raum, ihre Figuren mit Leben zu füllen. Besondere Erwähnung
verdient an dieser Stelle natürlich die großartige Cate
Blanchett, die in der Hauptrolle jederzeit beeindruckt, egal ob
sie gerade mutig das Wohl ihrer Kinder verteidigt oder sich voller
Furcht den Konsequenzen ihrer übernatürlichen Entdeckungen
stellen muß. Auch Keanu Reeves brilliert als tumber Redneck
und wirkt hier vor allem um ein Vielfaches bedrohlicher als bei
seinem eher peinlichen Auftritt als smarter Serienkiller in "The
Watcher". Auch der Rest des Ensembles kann - mit Ausnahme des
gewohnt blass agierenden Greg Kinnear - voll überzeugen und
erleichtert dem Zuschauer den Zugang zum Mikrokosmos der in "The
Gift" dargestellten Kleinstadt.
Wenn
der Film nämlich auch in erster Linie als Mystery-Thriller
vermarktet wird und diese Vorgabe dank einiger unheimlicher Momente
auch durchaus erfüllt, funktioniert er ebenso gut als atmosphärisches
Südstaaten-Portrait, das nach einiger Zeit sogar vorübergehend
die Züge eines Gerichts-Dramas annimmt. Dank Raimis Zurückhaltung,
die seiner souverän-eleganten Inszenierung sehr angemessen
erscheint, wirkt "The Gift" auf gar nicht unangenehme
Weise altmodisch und unspektakulär, allerdings stören
das eine oder andere zu klischeehafte Handlungs-Motiv und der etwas
zu verkitschte Schluss das Gesamtbild dann doch ein wenig. Bezogen
auf das Gesamtwerk des Regisseurs bleibt hier jedenfalls ein solider,
wenn auch nicht wirklich aufregender Eintrag zu konstatieren, dem
im nächsten Jahr dann hoffentlich der ganz große Wurf
folgen wird.
|