Die deutsche Produktionsabteilung der Columbia-Tristar
gehört zu den erfolgreichsten Start-ups des letzten Jahres.
Ihr erstes Projekt „
Anatomie“
avancierte vom Fleck weg zur erfolgreichsten inländischen
Produktion des Jahres, mit immerhin zwei Millionen Zuschauern.
Solch Erfolg macht mutig, und so kommt fast auf den Tag

genau
ein Jahr später der zweite Streich daher, wieder dem Rezept
„Amerikanische Filme auf deutschem Boden“ folgend. Nachdem letztes
Jahr der Teenie-Slasher dran war, versucht man es dieses Mal
mit einem Hightech-Thriller. Und wieder stellt sich das maue
Gefühl ein, daß längst Durchgekautes eher mittelmäßig
abgekupfert wird.
Daß die Produzenten des Films Deutschland eigentlich furchtbar
uncool finden, merkt man schon am Setting: Weil keine teutonische
Großstadt so richtig schön amerikanisch aussieht,
erfindet man einfach eine neue. So fliegen Hubschrauberpatrouillen
um das Wolkenkratzer-Hauptquartier der Althan AG, eingebettet
in eine richtig coole Skyline-Metropole, in der alle Autos Kennzeichen
mit dem Buchstaben „O“ tragen (was es nicht gibt). Da stolpern
die Charaktere durch Sets, die genau so artifiziell sind, wie
sie aussehen, und somit dem Film direkt das nehmen, was er gerne
hätte: Realitätsnähe. Protagonist des Ganzen
ist der Sicherheitschef der Althan

AG,
Robert Fernau. Der wird am Vorabend einer bahnbrechenden Präsentation
des Energieriesen, welcher mit umweltfreundlichen Kraftwerken
rund um die Welt Strom für eine Million Menschen erzeugen
will, fristlos entlassen, weil eine Gruppe dilettantischer rechtsradikaler
Terroristen (so etwas gibt es auch nur im Film) in das angeblich
einbruchssichere Gebäude eingedrungen sind und im Computerraum
etwas Sprühfarbe verteilten. Wie sich heraus stellt, war
das aber nur ein geschicktes Ablenkungsmanöver, um den
cleveren Fernau aus dem Weg zu kriegen und ihn leichter erpressbar
zu machen. Tatsächlich wird Fernau am Abend zusammen mit
der neuen Publicitychefin Laura Schumann von den Terroristen
entführt, die sein Know-how benötigen, um ins Gebäude
zu gelangen und den Hauptcomputer zu sabotieren, auf das die
Kraftwerke am nächsten Tag in die Luft fliegen. Während
Fernau nun mit zwei der

üblen
Gesellen die Fassade des Althan-Gebäudes erklimmt, um den
einzigen nicht alarmgesicherten Einstieg im 42. Stockwerk zu
erreichen, setzt sein väterlicher Freund Willi Konrad alles
daran, die Geiseln zu befreien. Denn ihn verbinden alte Bande
mit den wahren Hintermännern des Überfalls, die ganz
andere Interessen verfolgen, als ihre springerbestiefelten Handlanger.
Wenn „Anatomie“ sich schon heftig bei den Vorbildern aus der
neuen Welt bedient hat, so ist „Feindliche Übernahme“ der
endgültige Abgesang auf eigenständige Wurzeln. Der
nicht-reale Handlungsort ist da nur das offensichtlichste Indiz.
Ohne jegliches Kreativpotential spielt der Film mit grausam
abgestandenen Versatzstücken des Genres. Von der oberflächlich
eiskalten Business-Frau, die sich in der Gefahrensituation als
dankbare „Rette mich“-Puppe mit gefühlvollen Blicken erweist,
über eine ganze Wagenladung Klischee-Oneliner hin zu aus
Filmen wie „Broken Arrow“ längst verdauten Pseudo-Weisheiten
über Kampfgeist und Durchsetzungsvermögen. Dies alles
langweilt streckenweise kolossal und unterstreicht mit dickem
Stift den Auftragsarbeits-Charakter des Drehbuchs, in dem nicht
ein Tropfen Herzblut steckt. Geschweige denn, daß überhaupt
mal drüber nachgedacht wurde. Die Vorstellung rechtsradikaler
Terroristen ist ohnehin schon reichlich abwegig (verfolgen diese
Gruppen ihre Ziele doch für gewöhnlich mit anderen
Methoden), diese dem Klischee entsprechend dann auch noch als
strohdumm darzustellen ist der Geschichte in keinster Weise
behilflich. Der gesamte „ausgefeilte“ Plan der Hintermänner
erweist sich im Laufe des Films als löchrig wie ein Schweizer
Käse, bei dem völlig amateurhaften Verhalten aller
Beteiligten ist es nur den nicht weniger dämlichen „Guten“
zu verdanken, daß es die Handlung überhaupt bis zu
einem dünnen Showdown schafft.

Als
wäre er sich dem wenig packenden Gehalt seines Plots bewußt,
setzt Regisseur Schenkel alles daran, mit viel visuellem Aufwand
dem Ganzen wenigstens optisch Schwung zu verleihen. Das Resultat
ist eine überzogene Inszenierung, die den Eindruck vermittelt,
der Regisseur hätte sich zur Inspiration zwanzig Mal „M:I-2“
angesehen. Ohne wirklich dahinter zu kommen, was John Woo so
viel besser macht, um seinen Film noch so gerade vor der Mittelmäßigkeit
zu bewahren. Andererseits fügt sich Schenkel perfekt ins
Prinzip „Tun wir mal so, als wären wir amerikanisch“ ein:
1984 zu plötzlichem Ruhm aufgestiegen durch seinen grandiosen
Fahrstuhl-Thriller „Abwärts“, verdingt er sich seitdem
als Initiator halbwegs passabler B-Filme in den Staaten.
Was „Feindliche Übernahme“ aber tatsächlich an der
Kinokasse, auch trotz aufwendiger Werbekampagne, scheitern lassen
könnte, ist die Besetzungsliste, die sich liest wie ein
„Return to the 80s“-Revival. Da spielt Thomas Kretschmann, bekannt
geworden Ende 80er/Anfang 90er und seitdem wenig auffälliger
Haupt- und Nebendarsteller zahlreicher TV-Produktionen (und
letztes Jahr der Klischee-Deutsche im U-Boot-Abenteuer „
U-571“),
neben Désirée Nosbusch. Die war in den 80ern mal
das, was Jasmin Gerat heute ist: Wirklich nett

anzusehen
und ... ähh ... ja, das war’s eigentlich schon. Eine relativ
talentfreie Zone, an der man sich schnell satt gesehen hat.
Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, sie nach zehn Jahren
wieder aus der Versenkung der Moderation von Industrie-Events
zu holen, hat ihr zwar einen großen Gefallen getan, den
„Brandheiße Namen“-Faktor des Projekts aber fast auf Null
reduziert. Nosbusch sieht vielleicht besser aus als Franka Potente.
Aber die ist wesentlich mehr Leuten bekannt als den Stammzuschauern
von RTL anno 1987.
„Feindliche Übernahme“ ist mit hohem Aufwand produziert
und trotz seines löchrigen Skripts und der hyperventilierenden
Inszenierung immer noch problemlos konsumierbar. Dennoch wünsche
ich dem Film von ganzen Herzen eine Bauchlandung an der Kinokasse.
Denn es kann einfach nicht sein, daß alle größeren
deutschen Produktionen auf Teufel komm raus so aussehen wollen,
als kämen sie aus Hollywood. Ganz abgesehen von dem Innovationsstop,
den das zwangsläufig mit sich bringt, wird das auch dazu
führen, daß sich bald keiner mehr über die mangelnde
Qualität des deutschen Films beschweren wird. Den wird
es dann nämlich nicht mehr geben.