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| filmszene special: Interview mit Henry Selick zu "Coraline" |
Auch wenn der Name "Tim Burton" groß auf dem Plakat prangte, so war doch Henry Selick der Regisseur und der kreative Kopf des zum Klassiker gewordenen Puppen-Trickfilms "The Nightmare before Christmas". Auch "James und der Riesenpfirsich" ging auf sein Konto und nun liegt nach langer Pause mit "Coraline" wieder ein neuer Stop-Motion-Film von Henry Selick vor. Warum er diese Art Filme so liebt und weshalb es trotzdem nur so wenige davon gibt, verriet uns der bescheidene und zurückhaltende Regisseur beim Interview in Berlin. Filmszene: Henry, als was würden Sie Ihren Film selbst bezeichnen, als Kinder- oder doch eher als Horrorfilm? Henry Selick: Es ist natürlich ein Kinderfilm - aber nur einer für die Mutigen. Nein, dieser Film lässt sich natürlich nicht so einfach einordnen, denn er hat Momente des Horrors, aber auch einige Augenblicke der Komödie. Aber diese nur um ihrer selbst willen, also nicht um jetzt mal irgendwie einen Gag zu platzieren, sondern immer nur aus den Charakteren heraus. Wenn da am Ende eine klein wenig Angst machende Fantasy-Geschichte herausgekommen ist, dann ist es das worum ich mich bemüht habe. Mit einer konkreten Altersempfehlung des Regisseurs? Das wäre schwierig. Denn ursprünglich dachten wir, dass der Film für Kinder ab 9-10 Jahren geeignet wäre, aber bei den Testvorführungen stellten wir fest, dass auch Jüngere gut damit umgehen konnten. Letztendlich liegt das aber in der Verantwortung und Entscheidung der Eltern, denn es gibt Fünfjährige, die den Film genießen können genauso wie Neunjährige die damit Probleme haben. Ich lerne da immer ganz gut von meinen eigenen Kindern und denen der Verwandtschaft. Ihre Filme in der Stop-Motion-Technik sind mit Sicherheit nicht annähernd so teuer wie die vielen CGI-Produktionen im Animationsgenre. Warum werden sie dann aber nur so selten in Auftrag gegeben? Vielleicht weil sie nie den ganz großen Erfolg hatten, im Vergleich zu den computeranimierten Filmen. Meine Art Filme kostet zwar erheblich weniger und kann so auch bei viel weniger Einspiel profitabel sein, aber so denken die Leute, die das für die großen Filmstudios entscheiden, offenbar nicht. Als "Toy Story" herauskam hat das im Animationsbereich alles verändert. Dieser Film war ein unglaublicher Erfolg und er war ja auch sehr gut. Aber urplötzlich ließ daraufhin das Interesse an den zweidimensionalen Trickfilmen nach. Wenn ein Meisterwerk wie "The Iron Giant" (deutsch: "Der Gigant aus dem All") so wenig Beachtung findet, ist das doch ein Jammer. Für eine Weile war es aber so, doch nachdem die Leute jetzt so viele CGI-Filme gesehen haben, entsteht langsam auch wieder eine Nachfrage nach den traditionell gemachten Filmen. Für meine kleine Nebensparte ist es aber im letzten Jahrzehnt bestimmt nicht leichter geworden. "Coraline" ist ja aber nun mit seinem US-Kasseneinspiel von an die 100 Millionen Dollar schon als Erfolg zu bezeichnen. Könnte dies denn dazu führen, dass die Zeitspanne bis zu ihrem nächsten Film diesmal nicht ganz so groß sein wird? Oder anders gefragt: Wollen Sie gar nicht mehr Filme machen oder fehlt es einfach an finanzieller Unterstützung? Ganz klar Letzteres. Es war sowohl schwierig die Finanzierung für einen Stop-Motion-Film zu bekommen, als auch ganz speziell für einen Gruselfilm für Kinder. Zum Glück hat Neil Gaimans Buchvorlage weltweit mehrere Millionen Exemplare verkauft, damit hatten wir ein starkes Verkaufsargument. Das "Coraline" genau die richtige, geradezu optimale Geschichte für einen Film in dieser Technik darstellt, ist zwar meine tiefste Überzeugung, hätte da aber allein nicht genügt. Jetzt wo wir mit dem Film nicht nur gute Kritiken bekommen sondern auch noch Geld verdienen, hätte ihn natürlich jedes Studio gern produziert und spricht jetzt auch gerne mit mir. Aber so ist das halt, nicht wahr?
Welche besondere Herausforderungen gab es künstlerisch oder technisch bei diesem Film zu bewältigen? Als technisch am Anspruchsvollsten stellte sich der finale Kampf zwischen Coraline und ihrer "anderen Mutter" dar, die Sequenz in der diese sich als Spinne in ihrer erschreckendsten Form zeigt. Dazu die Verfolgungsjagd durch den Tunnel, das war alles sehr aufwendig und musste zudem ja auch noch dynamisch wirken. Rein visuell war die Darstellung des phantastischen Gartens mit all den Blumen, die vor Coralines Augen entstehen, die größte Herausforderung. Es hat Monate gedauert, bis wir das alles so hin bekommen haben wie wir es wollten. War es Ihre eigene Entscheidung, den Film in 3D zu drehen? Sagen wir mal so: Ich habe mich nicht dagegen gewehrt, weil ich die Entwicklung dieser Technik in den letzten Jahren beobachtet habe und da wirklich eine deutliche Verbesserung eingetreten ist, im Vergleich zu den alten Tagen mit den Rot/Grün-Brillen. Und weil ich durchsetzen konnte, dass wir nun nicht nur um des Effektes willen spezielle 3D-Momente einsetzen, sondern diese sich möglichst unauffällig und passend in die Handlung einbetten. Es wäre nämlich sehr schade, wenn dieses "Gimmick" unser Hauptverkaufsargument wäre, denn ich denke, wir haben da noch mehr und Interessanteres zu bieten. Um genau zu sein handelt es sich zu 95 % um handgemachte Animation und zu 5% haben wir uns mit CGI-Effekten beholfen. Sie haben vor einigen Jahren mit "Monkeybone" auch einmal einen Realfilm mit eingeschobenen Animationsszenen gedreht, der nicht besonders erfolgreich war. War das daher eine einmalige Erfahrung? Ja, das wird wohl eine einmalige Erfahrung bleiben, was aber weniger am mangelnden Erfolg des Films liegt als an mir selbst. "Monkeybone" sollte übrigens ursprünglich einen wesentlich größeren Animationsanteil haben, bevor der dann zurückgefahren wurde. Aber ich habe dabei festgestellt, dass es einfach nicht meine Sache ist, ein ganzes Set von Leuten zu kommandieren, bei dem alles nur an einem winzigen Moment hängt der dann funktionieren muss, sobald jemand "Action" ruft. Eine Armee von Menschen für eine einzige Szene! Wenn ich einen Stop-Motion-Film mache, ist es genau umgekehrt, da arbeiten meine Leute und ich immer gleichzeitig an 20-30 verschiedenen Sequenzen, jeder in seiner eigenen kleinen "Kammer". Ich habe einfach für mich erkannt, dass ich so viel lieber arbeite. Langsam und in kleinen Schritten (lacht). Wie war bei "Coraline" die Zusammenarbeit mit Neil Gaiman, dem Autor der Buchvorlage? Wir haben ja sehr eng zusammen gearbeitet und das hätte ich nicht getan, wenn es nicht eine sehr angenehme Zusammenarbeit gewesen wäre. Und ich brauchte seinen Rat, denn, ob Sie es glauben oder nicht, meine erste Drehbuchfassung war viel zu nah am Buch, und genau das hat Gaiman selbst kritisiert! Er hat mich dazu ermuntert, mich ein wenig davon frei zu machen und ein paar Veränderungen vorzunehmen, die für den Film sinnvoll sind. Ich hab dann z.B. den Nachbarsjungen dazu genommen, weil ich Coraline nicht ständig mit sich selbst diskutieren lassen konnte. Neils Geschichten spielen ja oft in Welten, die denen recht ähnlich sind, die ich auch in meinen Filmen bevorzuge. Von meiner Seite aus kann es also gerne in dieser Richtung weitergehen. Interview und Foto: V. Robrahn |