Der Vermarktungsgrundsatz
"Jeder Zielgruppe ihr eigener Film" erreicht einen neuen
exotischen Höhepunkt, denn "Besessen" ist eine Lovestory
über und damit für Literaturwissenschaftler. Als Abschreckung
oder gar Warnung sollte man das allerdings nicht verstehen, denn gerade
weil Regisseur Neil LaBute ("Nurse
Betty") in seinem neuen Film
in die Welt des schönen Wortes und dessen leidenschaftlicher
Erkundung eintaucht, ist "Besessen" eine Romanze von seltener
Genauigkeit und Gefühlsstärke, amüsanter Wortgewandtheit
und erfreulich einfallsreicher Struktur.
Basierend auf dem 1990 erschienen und mehrfach preisgekrönten
Roman der Engländerin A.S. Byatt beginnt "Besessen"
mit dem aufstrebenden, aber auf einer ziemlich unbefriedigenden Assistenz-Stelle
dahindarbenden Literaturwissenschaftler Roland Michell (Aaron Eckhart),
ein Amerikaner spezialisiert auf das Werk von Randolph Henry Ash,
dem Lieblingspoeten von Königin Victoria. In einem alten Buch,
dass dem Versmeister gehörte, findet Roland eine unvollendete
Notiz, die sich wie ein zaghafter Liebesbrief an eine neue Bekannte
anhört - ein potentiell spektakulärer Fund, nahm die Fachwelt
doch bis dato an, dass Ash seiner Ehefrau ein Leben lang treu ergeben
war und sie als einzige Muse für seine romantische Lyrik diente.
Einem Hinweis nachgehend, dass die adressierte Dame vielleicht die
emanzipierte (und angeblich lesbische) Dichterin Christabel LaMotte
gewesen sein könnte, schmiedet Roland ein Zweckbündnis mit
der unterkühlten und biederen LaMotte-Expertin
Maud Bailey (Gwyneth Paltrow). Gemeinsam macht sich das wissenschaftliche
Pärchen nun an die Zusammensetzung eines 150 Jahre alten romantischen
Puzzles, und mit der steigenden Zahl an Beweisen für eine tatsächliche
Liebesaffäre zwischen Ash und LaMotte beginnt auch die romantische
Spannung zwischen den beiden Forschern zu entflammen.
Manch einer mag sich fragen, warum das mögliche Techtelmechtel
zwischen zwei lange verstorbenen Engländern so eine große
Nummer sein soll, und zumindest für das Verständnis dieses
Steins des Anstoßes ist eine gewisse Kenntnis der Literaturwissenschaft
hilfreich. Denn für die emsig jedes Detail aus dem Leben der
literarischen Großmeister zusammensuchenden Analysten ist
eine bis dato unbekannte Liaison (zumindest im Falle anständiger
viktorianischer Dichterfürsten) in der Tat reines Dynamit -
geht es doch darum, das Werk des betreffenden Autors und seine Inspiration
besser zu verstehen. Dass es sich beim geschilderten Fall in der
Tat um ein (natürlich fiktives) wissenschaftliches Großereignis
handelt, ist auch die Inspiration für einen leider etwas arg
konventionell geratenen und eher unnötigen Subplot um einen
konkurrierenden bedeutungsgeilen Professor und einen intriganten
Assistenten, die den beiden Protagonisten ihre Entdeckung abspenstig
machen wollen.
Ohne
diese oft ablenkende Nebenhandlung wäre "Besessen"
eine vollkommen runde und beanstandungsfreie Romanze, die jedoch
auch so ihre außergewöhnlichen Stärken zu entfalten
weiß. Mit spielerischer Leichtigkeit wechselt der Film zwischen
seinen zwei Zeitebenen hin und her, einerseits den beiden immer
neue Erkenntnisse hervorbringenden Wissenschaftlern, andererseits
den 150 Jahre zuvor stattfindenden tatsächlichen Ereignissen
zwischen Ash (Jeremy Northam) und Christabel LaMotte (Jennifer Ehle).
Die eleganten, fließenden Übergänge von einer Ära
in die andere machen effektvoll die Parallelen zwischen den Liebesgeschichten
der beiden Paare heute und damals deutlich, mehr noch: Die verschiedenen
Etappen in der Beziehung zwischen Ash und LaMotte spiegeln sich
konsequent in der knospenden Zuneigung zwischen Roland und Maud.
Die vorsichtige Annäherung ebenso wie die ängstliche Distanzierung,
Glück und Unglück scheint sich an denselben Orten trotz
eineinhalb Jahrhunderten Zeitunterschied zu wiederholen. Ebenso
geschickt wie beeindruckend lässt Regisseur Neil LaBute hier
das Bild von wirklich Zeit transzendierender Liebe entstehen, als
würden Maud und Roland vom romantischen Geist der Dichter von
anno dazumal gefangen. Wahrhaft poetisch.
Doch
auch über die Umsetzung dieses deutlich literarischen Motivs
hinaus erweist sich "Besessen" als ein intelligent unterhaltender
Film, der sich vor allem LaButes besonderes Talent zur Schaffung
treffender Mann/Frau-Dialoge zu Nutze macht. Süffisant legt
er seinen Figuren trockene Spitzen in den Mund, die ebenso verdiente
Lacher ernten wie einige ehrliche Momente typischer geschlechtsbezogener
Unzulänglichkeiten. Wenn sich die emanzipierte Maud gegen ihre
eigenen Emotionen wehrt, weil sie diese als Hereinfallen auf männliche
Verführungskünste sieht, oder Roland beim Äußern
seiner inneren Gefühle nur unbrauchbares Gestammel hervorbringt,
trifft das zielgenau ins Schwarze typischer Beziehungsunsicherheiten
unserer Tage.
Auch jenseits seines detailverliebten Literaten-Settings funktioniert
"Besessen" so blendend als tagesaktuelle Beziehungskiste,
die mit einem ordentlichen Schuss klassischer Romantik gehörig
aufgewertet wird. Eine fabelhaft gelungene Romanadaption, welche
das extrem seltene Kunststück schafft, die große Liebe
zum geschriebenen Wort auf die Kinoleinwand zu transportieren, und
schon deshalb die Mini-Zielgruppe der Literaturwissenschaftler besonders
erfreuen wird. Und das restliche Publikum sicherlich auch.
|