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Ach, war das schön. Damals 1995 in
Wien. Der amerikanische Tourist Jesse (Ethan Hawke) trifft auf die
französische Studentin Celine (Julie Delpy) und überredet
sie, sich zusammen die Nacht um die Ohren zu schlagen, bis er am
nächsten Morgen nach Hause fliegt. Und so liefen sie durch
die österreichische Hauptstadt, redeten oder schwiegen und
fanden so allmählich zu einander. Und dann 2004? In Paris lebte
dieser sommerlich leichte Traum weiter. Neun Jahre nach ihrer Nacht
in Wien trafen sich Jesse und Celine wieder. Diesmal nicht mehr
ganz so ungezwungen,
aber immer noch mit dem gleichen verlangenden Funkeln in den Augen.
Langsam, unaufdringlich und auf seine Weise wunderschön exerzierte
Richard Linklater in seinen beiden Filmen "Before Sunrise"
und "Before Sunset" Billy
Wilders magische Kinoformel "Boy meets Girl" durch. Mit
Ethan Hawke und July Delpy waren nicht nur zwei tolle Darsteller
für die Geschichte gefunden, sondern auch zwei kreative Köpfe,
die zusammen mit Linklater die Charaktere und Drehbücher entwarfen.
Und was ist heute?
2007 sind es nicht mehr Celine und Jesse, die durch die Irrungen
und Wirrungen ihrer Gefühle taumeln. Diesmal heißen die
beiden Marion (Delpy) und Jack (Adam Goldberg) und sind schon länger
ein Paar. Beide wohnen in New York. Er ist Amerikaner und sie Französin.
Während ihres Urlaubs in Europa wollen die beiden Marions Eltern
in Paris besuchen. Der Besuch wird zur Zerreißprobe, denn
Jack fühlt sich sehr schnell als Fremder nicht nur in Paris,
sondern auch in der eigenen Beziehung. Er hat es auch wahrlich nicht
leicht: Die Schwiegereltern in spe sprechen kein Englisch und Jack
auch kein Französisch. Marions Vater (genial von Julie Delpys
Vater Albert Delpy verkörpert) ist ein Künstler und besitzt
eine Galerie, in der er gerne Gemälde sexuellen und phallischen
Inhalts ausstellt. Und dass an jeder Straßenecke ein ehemaliger
Geliebter
seiner Freundin auftaucht, mit dem sie dann auch noch sehr intensiv
redet, bringt Jack völlig aus der Fassung. "Wir haben
damals nur rum gemacht", sagt Marion dann und Jack versteht
die Welt nicht mehr. Seinen Partner kennt man wohl nie so richtig,
auch nicht nach einer langen Beziehung.
Nein, in diesem liberalen Umfeld fühlt sich der stark konservative
Jack nicht wohl. Jack ist voller Neurosen, bekommt schnell Migräne
und staunt nicht schlecht, als ihm Marions Mutter in schlechtem
Englisch sagt, dass sie einst mit Doors-Frontmann Jim Morrison eine
Affäre hatte.
Natürlich treffen hier nicht nur zwei Menschen aufeinander,
sondern vor allem zwei Kulturen. Die heutige amerikanische, voller
Selbstzweifel und immer mit dem Minderwertigkeitskomplex einer Weltmacht
versehen, die langsam ihren Status abgeben muss, und dem - spätestens
seit dem "Nein" zum Irakkrieg - neu emanzipierten Europa.
Das alles schwingt in den Wortgefechten zwischen Jack und Marion
mit und bildet einen Grundton dieser charmanten Komödie.
In diesem rundum gelungenen Film ist Adam Goldberg vielleicht die
größte Überraschung. Wer hätte dem Dauer-Nebendarsteller
in "bester Kumpel"-Rollen (z.B. in "Wie
werde ich ihn los in 10 Tagen") diese furiose Leistung
zugetraut? Es ist dieser leicht irritierte Blick, der sich manchmal
mit großen treuen und staunenden Augen abwechselt; der Drei-Tage-Bart
und die hängenden Schultern; das alles erschafft den liebevollen
Typen, den eigentlich keiner so richtig ernst nimmt. Außerdem
gibt es einen ungefähr 5-minütigen Gastauftritt von Daniel
Brühl, der einen ziemlich seltsamen Umweltaktivisten spielen
darf, der Fast-Food-Filialen in Brand steckt.
Aber
"2 Tage Paris" ist natürlich eigentlich voll und
ganz das Baby von Julie Delpy. Sie hat den Film geschrieben, gedreht,
geschnitten, produziert und natürlich spielt sie auch die weibliche
Hauptrolle, portraitiert Marion stark, durchsetzungsfähig und
ein wenig naiv. Eine Frau, die noch lernen muss, was eine Beziehung
wirklich ausmacht. Diesbezüglich gleicht ihre Figur der Celine
aus "Before Sunrise/Sunset". Doch wenn sie einen rassistischen
Taxifahrer auf erstaunliche Weise beleidigt, dann schimmert doch
auch ein anderer Charakterzug durch. Denn in Marion kann man die
Ängste und Befürchtungen von Menschen sehen, die wissen,
dass es langsam Zeit wird erwachsen zu werden. Die Gesetze und Regeln
von Beziehungen sollte man langsam begreifen. Die seelischen Abgründe
von Menschen Anfang 30 zu behandeln, das war bisher die Aufgabe
von "Scrubs"-Liebling Zach Braff ("Garden
State", "Der letzte
Kuss"). Die mittlerweile 37 Jahre alte Französin fügt
nun diesem Thema ihre eigene Sichtweise hinzu. Und wenn Marion sagt,
dass sie es cool findet ihre Ex-Freunde nackt mit Ballons an deren
Schwänzen zu fotografieren, dann meint sie das auch so.
Angesichts
von soviel Beziehungsproblematik ist es geradezu erstaunlich, wie
unheimlich witzig der ganze Film ist. Nach einer Viertelstunde liegt
man lachend am Boden und läuft Gefahr, durch das eigene Gejohle
den nächsten humoristischen Seitenhieb zu verpassen. Natürlich
schwebt der Humor von "2 Tage Paris" in einer ganz anderen
Sphäre als der Slapstick-Unsinn eines "Fantastic
Movie" und Konsorten. In den stärksten Momenten von
Delpys zauberhaftem Film scheint ein Witz durch, der es mit dem
von Woody Allen durchaus aufnehmen kann, ja, ihm sogar manchmal
ebenbürtig ist. So gesehen könnte man "2 Tage Paris"
als eine aktuelle Variante von Allens Meisterstück "Der
Stadtneurotiker" bezeichnen - mit der ganz speziellen,
unheimlich coolen Handschrift Delpys. Auf der Berlinale war dieser
Film jedenfalls Balsam für die vom öden Wettbewerb gelangweilten
Festivalaugen. So leicht und lustig kann Kino sein. Unaufdringlich,
luftig und einfach nur wunderbar.
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