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Interview mit Regisseur John Madden zu „Eine offene Rechnung“

Nachdem im Jahr 1997 ein wahrer Oscarregen auf seinen „Shakespeare in Love“ niederging wurde es danach erstaunlich still um den Regisseur John Madden und in vierzehn Jahren entstanden gerade mal drei kleinere Filme. Nun aber er mit einem völlig anderen Thema und einem Film zurück, der sich in seiner sehr ernsten Tonart stark von den meist leichteren Werken des Filmemachers unterscheidet. In Berlin, wo auch ein Großteil der drei Jahrzehnte umfassenden Handlung um drei israelische Mossad-Agenten spielt, sprach Filmszene mit John Madden.

Filmszene: Willkommen in Berlin, Mr. Madden! In Ihrem Film wird ja auch in der Originalfassung eine Menge Deutsch gesprochen.

John Madden: Ja, das ist vermutlich eine kleine Zumutung vor allem fürs amerikanische Publikum, musste aber so sein um die Geschichte möglichst authentisch erscheinen zu lassen. Jessica Chastains Deutsch ist sehr gut, glaube ich. Wie kommt Jesper rüber? 

Jessica hat nur einen minimalen Akzent und bei Jesper Christensen merkt man zu keiner Zeit, dass er Däne und Deutsch nicht seine Muttersprache ist. Aber Sie haben nicht in Berlin selbst gedreht, oder?

Nein, denn dafür reichten erstens unsere finanziellen Ressourcen nicht und außerdem war es für uns in Budapest viel einfacher Straßen und Plätze zu finden die heute noch nach den sechziger Jahren aussehen. Für die Innenaufnahmen haben wir dann ein Studioset in London gebaut.

Auf welche realen Daten und Erfahrungen beruht Ihre Geschichte?

Der offensichtlichste Einfluss für die Geschichte an sich sind natürlich die veröffentlichten Akten und Bücher zum Adolf Eichmann-Prozess, der ja 1961 ebenfalls von Israel entführt und anschließend verurteilt wurde. Zu den tatsächlichen Mossad-Akten bekommt man dagegen nicht so leicht Zugang, wie Sie sich denken können. Da es sich um einen Arzt handelt, der im KZ grausame Experimente durchführte ist aber auch eine Verbindung zu Josef Mengele erkennbar. Unsere Figur „Dieter Vogel“ ist im Prinzip nur ein Archetyp für diese Art Kriegsverbrecher. Wobei mein Film ja wiederum eine neue Version des israelischen Fernsehfilms „Ha-Hov“ von 2007 darstellt.

Es gab zur damaligen Zeit offenbar nur wenig internationale Kritik an diesen ja im Grunde doch völlig illegalen Aktionen Israels.

Das stimmt, da sieht sich der Staat heute sicher weitaus mehr Kritik ausgesetzt. Damals, als die Wunden des Krieges noch so frisch waren, gab es dagegen wohl ein weltweites Verständnis für solche Aktionen Israels. Während also die Kritik von außen fehlt, durchleben dafür aber die Figuren selbst ihr innerliches moralisches Dilemma, was dann auch das Hauptthema meines Films ist.

John MaddenUnd wieviel „Shakespeare“ steckt im Schicksal und Dilemma der Rachel Singer?

(lacht) Das ist natürlich die große Frage, nach der ich jeden potentiell interessanten Stoff bewerte. Aber in der Tat steckt in dem Stoff auch Shakespeare drin, er würde wohl in dessen Phase der „Problem Plays“ gehören, wie z.B. der „Kaufmann von Venedig“. Im Kern steht auch bei unserer Geschichte der moralische Konflikt und der Vorsatz seinen Idealen treu zu bleiben.

Ein paar Worte zu ihren beiden Hauptdarstellerinnen?

Mit Helen Mirren habe ich ja schon vor vielen Jahren zusammengearbeitet und das war auch diesmal wieder fantastisch. Sie ist nicht nur in allem was sie macht großartig, instinktiv und generös, sie ist auch im Vergleich zu früher noch viel entspannter und gelassener geworden. Und hat dabei trotzdem den Ehrgeiz sich an Dinge heranzutrauen, die sie noch nie vorher gemacht hat – was sie doch eigentlich gar nicht mehr nötig hätte. Und sie gibt all das Lob für die Entwicklung der Figur „Rachel Singer“ an Jessica Chastain weiter – die ich mir übrigens gezielt ausgesucht hatte weil ich unter anderem eine völlig unbekannte Darstellerin für die junge Rachel haben wollte. Tja, das ist dann wohl gründlich schiefgegangen, da mein Film zwar schon länger abgedreht ist, aber jetzt erst nach „The Tree of Life“ und „The Help“ herauskommt. Aber ICH hab sie entdeckt und als erstes ein großes Studio davon überzeugt sie zu besetzen, wie ich immer wieder gerne betone.

Wir haben es hier zweifellos mit einem starken Cast und einem ebenso starken Thema zu tun. Gleichzeitig ist es aber auch kein einfacher, angenehmer Film fürs Publikum sondern vielmehr ein sehr düsteres und vielleicht sogar verstörendes Erlebnis. Das ist ja nicht ganz ohne Risiko und durchaus mutig.

Dem ist ganz sicher so und natürlich weiß man nie, wie so etwas dann angenommen wird. Und das ist ja immer die ganz große und wichtigste Frage für einen Filmemacher: Ist das Thema interessant genug und kann die Art und Weise wie wir es präsentieren ein Publikum anlocken und bei der Stange halten? In unserem Film ist praktisch jede der Hauptfiguren ständig am Rande der Panik, was auch für einen Regisseur eine sehr reizvolle emotionale Erfahrung zum Arbeiten ist. Aber nach der ersten Testvorführung mit Publikum war mir ganz furchtbar schlecht, weil ich das Gefühl hatte es übertrieben zu haben und das Publikum zu quälen. Es ist ja kein Film der unbedingt laute, hörbare Reaktionen hervorruft während man ihn anschaut. Aber wie sich zeigte ist es zwar kein „angenehmer“ Film, aber trotzdem einer den man auf eine gewisse Art durchaus genießen kann und einer der Fragen aufwirft und zu Diskussionen anregt. Und es läuft ja ganz gut, denn für einen Film dieser Größenordnung spielt er bisher recht gutes Geld ein. Auch wenn man ihn in den USA als „Drama“ vermarktet hat, womit ich eigentlich nicht ganz glücklich bin.

Weil es sich eigentlich doch eher um einen Thriller handelt?

Genau, um einen vielleicht etwas altmodischen Thriller wie man ihn in den siebziger Jahren gemacht hat, politisch, das Publikum fordernd und eben auch etwas verstörend. Und nicht unbedingt mit der großen Action und dem Tempo das man heute vielleicht mit dem Begriff verbindet.

Zum Abschluss die Frage: Warum hat man in den letzten Jahren so wenig von Ihnen gehört? Sind sie so extrem wählerisch bei der Auswahl Ihrer Stoffe?

Aber nein, das bin ich eigentlich überhaupt nicht. Das lag einfach daran, dass ich einen langfristigen Vertrag mit der Weinstein Company bzw. Miramax hatte und diese dann in eine schwierige, unklare Situation gerieten. Da kam es dann halt vor, dass ein Projekt nur sechs Wochen vor Drehbeginn aus steuerlichen Gründen abgeblasen wurde, womit auf einen Schlag fast drei Jahre Arbeit umsonst waren. Ja, ich widme mich gerne jedem Film ausführlich und mit ganzem Herzen, aber es lag nicht immer an mir, wenn die Pausen etwas länger waren. Und ich kann hier versprechen, dass ich meinen nächsten Film bereits in wenigen Wochen fertig beim Studio abliefern werde. Er spielt in Indien und kommt im März 2012 heraus. In dem Tempo darf es auch gern weitergehen.

Volker Robrahn

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