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Horror als Sinnerfahrung - Das Kino des Dario Argento

Zwei Worte fassen die Emotionen des Zuschauers eines Films von Italiens Horrormeister Dario Argento zusammen: Faszination und Frustration. Kaum ein anderer Regisseur stimuliert die Sinne seiner Zuschauer wie Argento, gleichzeitig frustriert er ihren Intellekt mit absurden Plots, bizarren Dialogen und hölzernen Darstellern. Argento ist in erster Linie ein visueller und auraler Regisseur, dem Bildkompositionen, Musikuntermalung und Gesamtstimmung wichtiger sind als kohärente Geschichten oder tiefsinnige (oder auch nur sinnige) Dialoge.
Phenomena - TürenDennoch ist Argento Italiens wichtigster Genreregisseur - und seine Werke lassen sich auch nur im Kontext des italienischen Genrefilms fair bewerten. Denn im mediterranen Genrekino - egal, ob nun der Horrorfilm oder der Western - ist das set piece alles und der Plot nichts, oder zumindest nicht viel. Auch die unbestrittenen Meisterwerke des großen Sergio Leone ("Zwei glorreiche Halunken" und "Spiel mir das Lied vom Tod") etwa sind nicht für ihre Dialoge oder Geschichte berühmt geworden, sondern hauptsächlich für ihre visuelle Brillanz und den unnachahmlichen Stil des Regisseurs. Wer sich also mit der Episodenhaftigkeit von "Zwei glorreiche Halunken" anfreunden kann, dem darf man auch zum Anblick eines Argento raten. Dennoch ist der Horror-Virtuose definitiv eine Geschmackssache, an die man sich erst gewöhnen muss, und macht es darum auch dem Filmkritiker schwer, denn solch klassische Bewertungskategorien wie Stimmigkeit der Geschichte, Intelligenz der Dialoge und Leistung der Darsteller fallen weg, dafür muss man auf unsicherere Kategorien wie visueller Einfallsreichtum, Bildsprache, Spannungsmoment und Komposition zurückgreifen.
Doch auch wenn Plots für Argento eher ein notwendiges Übel sind, um seine extravaganten visuellen Ideen umzusetzen, so sind seine Filme was Story und Dialoge betrifft nicht komplett wertlos. Im Qualitäts- und vor allem Originalitätsarmen Horrorgenre ist er damit noch immer im gesicherten Mittelfeld zu finden. Frustration herrscht daher auch hauptsächlich durch "Was-wäre-wenn"-Szenarien, denn was für ein Meisterwerk wäre der ohnehin brillante "Suspiria", wenn Argentos Script besser und sein Darstellerensemble ohne Schwächen wäre.

Auch Darstellerleistungen sind allerdings bei Argento-Filmen schwer fair zu bewerten, denn wie im italienischen Film bis Ende der 80er Jahre üblich wurde der Film komplett nachträglich vertont. Argento behält diese Taktik übrigens bis heute bei, da er während der laufenden Takes gerne wortreiche Anweisungen gibt oder lautstarke Musik laufen lässt, um den Schauspielern die Reaktionen zu entlocken, die er sich vorstellt. Die aus diesem Vorgehen resultierenden Tonfassungen, besonders die englischsprachigen, sind leider meistens recht schwach (im Falle von "Opera" ist die Fassung so schlecht, dass sie Stimmung und Atmosphäre des Films deutlichen Schaden zufügt) und lassen durch unpassende Stimmen oder überzogenes Sprechen viele Darstellerleistungen schlechter dastehen, als sie eigentlich sind.
Leider sind aufgrund des hierzulande immer noch reichlich pingeligen Jugendschutzes diese Fassungen quasi die einzig zugänglichen, denn im Fernsehen laufen Argentos Filme so gut wie nie und wenn, dann nur in zensierten Fassungen (die einzigen jemals im Fernsehen vom Autor gesichteten Argento-Filme waren sein Erstling "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe", der übrigens des öfteren im öffentlich-rechtlichen Nachtprogramm läuft, und eine um fast 20 Minuten (!) gekürzte Rumpffassung von "Opera" namens "Im Zeichen des Raben") und auch die Verfügbarkeit auf Videomedien lässt sehr zu wünschen übrig. Da bleibt nur der Import und ergo die oft schwachen englischen Tonfassungen.
Argentos Kampf mit - nicht nur deutschen - Zensurmedien und internationalen Vertriebsfirmen ist sowieso eine unendliche Geschichte. Unwillens, den Irrwegen von Argentos bizarren Plots zu folgen oder fürs italienische Kino durchaus übliche Schwankungen im Ton, etwa humoristische Einschübe, zuzulassen, haben internationale Vertreiber Argento-Filme oft eigenmächtig in zum Teil massiv gekürzten Fassungen ("Phenomena" etwa lief in den USA als der 25 Minuten kürzere "Creepers") dem Publikum zugänglich gemacht, denen dann im Ernstfall von eifrigen Zensoren noch zusätzlicher Schaden zugefügt wurde. Kein Wunder also, dass Argento - der in seinem Heimatland als einer der ganz großen Regisseure verehrt wird - in den meisten Teilen der Welt als obskurer Kultregisseur wahrgenommen wird.

Obskur oder nicht, Plotschwächen hin oder her - die besten Argento-Filme sind immer noch Großtaten des Genres und selbst die schwächeren beinhalten oft noch mehr originelle Ideen als ein Dutzend US-Slasher zusammen. Argento, der aus einer Filmfamilie stammt (sein Vater Salvatore war erfolgreicher Filmproduzent und ermöglichte Darios erste Filme, die danach von seinem Bruder Claudio produziert wurden) gelang der Durchbruch bereits mit seinem Erstlingsfilm, dem 1969 erschienenen "L'uccello dalle piume di cristallo" (International: "The Bird with the Crystal Plummage") . Im Deutschen bekam der Film im Rahmen des sich gerade am Ende befindlichen Edgar-Wallace-Zyklus den sehr Wallaceschen Titel "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe". Zuvor hatte sich Argento seine Sporen als Filmjournalist und Drehbuchschreiber verdient. Als Drehbuchschreiber arbeitetet er vornehmlich im Westerngenre, seine bekannteste Arbeit ist die Mitwirkung am Drehbuch von "Spiel Mir das Lied vom Tod", zusammen mit dem Genrefremden Bernardo Bertolucci und Regisseur Sergio Leone selbst. "Von Sergio lernte ich, dass Filme im Grunde aus Zeit und Rhythmus bestehen" erklärt Argento den besonders im visuellen Inszenierungsstil unübersehbaren Einfluss Leones.

Für sein eigenes Filmdebüt wandte sich Argento dem giallo zu, dem speziell italienischen Hybrid aus Kriminal- und Slasherfilm. Als Erfinder dieses nach der gelben Umschlagsfarbe der in Italien erschienenen (Schund-)Kriminalromane benannten Genres gilt Italiens anderer großer Horrorfilmregisseur Mario Bava ("Die Stunde, wenn Dracula kommt"), der die Themen und Motive Anfang der 1960er in "La ragazza che sapeva troppo" und "Blutige Seide" verdichtete. Die Hitchcock-Anspielung im Schwarze Handschuheerstgenannten Film (deutsche Übersetzung: "Das Mädchen, das zuviel wusste") ist kein Zufall, denn sowohl Bava als auch Argento berufen sich in diesen Spannungsfilmen auf Motive und Vorgehensweisen des britischen Suspense-Großmeisters. Ein Motiv Hitchcocks, das Bava und besonders Argento von ihm übernommen haben, ist der Ausländer, der in einem fremden Land in mysteriöse Ereignisse gezogen wird.

So ist auch der Protagonist in "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" ein amerikanischer Autor, der eines Abends zufällig Zeuge eines Mordanschlags wird und daraufhin auf eigene Faust eine Mordserie an jungen Frauen untersucht, die schließlich auch ihn und seine Freundin in Gefahr bringt. Der Film ist - anders als viele spätere von Argento verfasste Filme - ausgesprochen gut geschrieben, von kleineren, allzu bequemen Zufällen ("Es gibt nur ein Exemplar in ganz Italien") mal abgesehen. Diverse inhaltliche und thematische Elemente, die Argento im Verlauf seiner über 35 Jahre andauernden Karriere immer wieder aufgriff, sind bereits hier in embryonaler Form zu erkennen: Sein Interesse am Voyeurismus etwa, welches sich in den ebenso typischen sadistischen set pieces äußert, oder das für seine Protagonisten typische Vergessen von wichtigen Informationen plus das Erinnern in einer wichtigen Szene kurz vor Schluss. Außerdem gibt er seinem ersten Filmkiller zwei Merkmale auf den Weg, die in vielen Argento-Filmen wieder auftauchen und sie als solche kennzeichnen: die subjektive Kamera aus dem Blickwinkel des Killers und dessen vom Handfetischisten Argento stets prominent ins Bild gerückte schwarzen Lederhandschuhe (die hier, anders als der deutsche Titel suggeriert, trotzdem kein wirkliches Geheimnis haben). Der Film wurde wie gesagt zum großen - sogar weltweit vertriebenen - Hit, der den giallo den (Spaghetti-)Western als Italiens Film-Exportartikel Nummer Eins ablösen ließ und eine Reihe von Nachahmern auf den Plan rief.

Argento selbst drehte in den beiden folgenden Jahren zwei weitere gialli im ähnlichen Stil, "il gatto a nove code" ("Die neunschwänzige Katze"/"Cat o' nine tails") und "4 mosche di velluto grigio" ("Four Flies on Grey Velvet"). Für den ersteren konnte er gar zwei amerikanische B-Stars (Karl Malden und James Franciscus) gewinnen, trotzdem kommen beide Filme nicht an die Dichte seines Erstlings heran. Seine Plots beginnen die später üblichen Schwächen zu zeigen, etwa unwichtige und manierierte Nebenfiguren, unsinnige und später plötzlich fallengelassene Plotstränge oder die Auflösung der Identität des Mörders, die oftmals wenig Sinn macht (so nach dem Motto "ach ja, einer muss es ja gewesen sein, wen nehmen wir denn?").

Nach einem Abstecher ins TV und dem Dreh einer historischen Komödie kehrte Argento 1975 zum giallo zurück und drehte "Profondo Rosso" ("Deep Red"), der allgemein als stilistischer Quantensprung und sein künstlerischer Durchbruch gilt. "Profondo Rosso" vereint im Guten wie im Schlechten alle Merkmale des Deep RedArgentoschen Schaffens. Überzeugende und hochspannende set pieces wechseln sich mit langen Strecken purer Langeweile voller merkwürdiger Dialoge ab. Stilistisch findet Argento hier nach dem Schielen auf US-Sehgewohnheiten in den vorherigen Filmen seinen ureigenen Stil voller bizarrer Großaufnahmen, einer sich ständig in Bewegung befindlichen, die Protagonisten ‚bedrohenden' Kamera, einer ausgefeilten Bildkomposition und der Musik der hier auch erstmals eingesetzten Progrocker "Goblin", die als Argentos ‚Hausband' ihre größten Erfolge feierte.
Aber sonderlich viel Sinn macht die Mörderhatz hier wieder mal nicht, der Film ist mit über zwei Stunden ein gutes Stück zu lang und die Auflösung wieder recht schwach. Als geschickte Reminiszenz an Antonionis "Blow Up" besetzte Argento David Hemmings in der Hauptrolle, der hier ebenfalls als eigentlich Unbeteiligter in einen diesmal aber eindeutigen Mordfall gezogen wird. Auch aufgrund solcherlei filmischer Intertextualität steht "Profondo Rosso" bei vielen Filmkritikern hoch im Kurs, kann aber die hohen Erwartungen nicht so recht erfüllen.

Davon mal abgesehen ist dieser Film aber zumindest für zwei weitere Dinge erinnerungswürdig: Zum einen als Auftakt von Argentos ‚goldener Ära', einer guten Dekade voll faszinierender Filme, zum anderen als der Film, bei dem er Daria Nicolodi kennenlernte. Nicolodi (die hier eine vorwitzige Reporterin spielt) wurde in den folgenden Jahren zu Argentos wichtigster Partnerin, sowohl beruflich als auch privat. Beruflich wurde sie nicht nur zur wichtigen Inspiration - sie schrieb an den beiden folgenden Filmen mit und war verantwortlich für den Wechsel zum okkulten Mysteryhorror - sondern auch zur Stammschauspielerin, die Argentos Filme von "Inferno" (1980) bis "Opera" (1987) begleitete. Wichtiger nur noch ihre private Bedeutung, denn nur wenige Monate nach dem "Profondo Rosso"-Dreh brachte sie ihre gemeinsame Tochter Asia zur Welt, die mittlerweile selbst Regisseurin und gefragte Schauspielerin ("xXx") ist. Nicolodis Filmrollen spiegeln auch den Stand ihrer Beziehung zu Argento wider, denn je schlechter die private Beziehung der beiden seit Anfang der 1980er wurde, umso gewaltsamer wurden ihre Filmtode, bis sie beim Dreh ihres Filmtods in "Opera", ihrer letzten Involvierung in einem Argento-Film, nach eigenen Angaben fast wirklich zu Tode kam.

Aber zurück zu glücklicheren Zeiten. Denn im Jahr 1977 war nicht nur das Familienglück perfekt, sondern auch die Karriere, denn mit "Suspiria" lieferte Argento nicht nur einen seiner erfolgreichsten Filme ab, sondern auch den von Kritikern und Fans wohl meistgeliebten. In Umfragen nach dem besten Horrorfilm aller Zeiten landet Suspiria"Suspiria" zumeist auf vorderen Plätzen, und dies zurecht. Es ist als reiner Film - Film als Sinnerfahrung und künstlerisches Statement - der beste und ausgefeilteste Film, den Argento je gedreht hat. Was er hier mit Bildkompositionen, Musikuntermalung, Kamerabewegungen und Architektur anstellt ist brillant, Kino in reinster Form. Schwachstellen bilden wieder mal ein recht dünnes Script und die variierenden Darstellerleistungen. Aber dies macht Argento locker mit seinem mittlerweile fast barock zu nennenden, extravaganten visuellen Stil wieder wett. Einzelne Sequenzen sind unvergesslich, so etwa die Anfangsviertelstunde mit einem Overkill an visuellen und auralen Reizen, kulminierend in einer zurecht legendären Mordszene.
Zwei Dinge erwähnt jede Besprechung von "Suspiria", also auch diese: das außergewöhnliche, durch Filmkopien im damals schon obsoleten (weil teuren) Technicolor-Verfahren erreichte, im wahrsten Wortsinne einzigartige Farbspektrum und der pulsierende Soundtrack der italienischen Prog-Rock-Gruppe Goblin. Jene veredelten ein Jahr später den von Argento als Produzent für den europäischen Markt gestrafften "Dawn of the Dead" ("Zombie") mit einem fast ebenso klassischen Score, aber die Untermalung von "Suspiria" ist der Höhepunkt ihrer Karriere. Die stringente Farbdramaturgie kombiniert Argento nicht nur mit den unglaublichsten Kameraperspektiven, sondern einer einzigartig genutzten Architektur. Die Tanzakademie in Freiburg, die sich nach Recherchen einer amerikanischen Gasttänzerin als Hexendomizil entpuppt, ist ein mit perfektionistischem Eifer ersonnenes Filmset, das viel zur märchenhaften Atmosphäre beiträgt.
Jene von Argento hervorgehobene Konstruktion des Films als Märchen für Erwachsene (komplett mit märchenhafter Einleitung) darf man denn auch als Entschuldigung für den laxen Umgang mit narrativer Logik annehmen, bei "Rotkäppchen" fragt schließlich auch keiner genauer nach, wieso dieses den Wolf im Großmutterkleid nicht gleich erkennt. Extrem kunstvoll in nahezu jeder Einstellung macht der Film Plot- und Darstellerschwächen ohne weiteres wett und zeigt beeindruckend, wie man auch eines der inhaltlich anspruchslosesten Filmgenres zur hohen Kunst machen kann. Für Kino als Sinnerlebnis braucht man nicht weiter suchen als diesen einzigartigen Film.

Nachdem "Suspiria" von Publikum und Kritik so hervorragend aufgenommen wurde, machten sich Argento und Nicolodi an das Script für "Inferno" (1980), den nächsten Teil der sogenannten "Drei Mütter"-Trilogie, der die Geschichte von "Suspiria" bedeutend erweitert: "Inferno" erklärt mehr über die drei Hexen Mater Tenebrarum, Mater Suspiriorum und Mater Lachrymarum, die die Welt von ihren drei Domizilen in Freiburg, Rom und New York mit Dunkelheit, Seufzen und Tränen beherrschen. InfernoNachdem der Zuschauer in "Supiria" mit Mater Suspiriorum Bekanntschaft gemacht hat, trifft er hier ihre beiden Schwestern. Argento, der das Thema Hexerei anders angehen wollte als in "Suspiria", wurde nach diversen Disputen zwischen ihm und Nicolodi (welche auch den Anfang vom Ende der Privatbeziehung bedeuteten) schließlich als alleiniger Autor gelistet. Geholfen hat es nichts, denn "Inferno" hat das wohl schwächste Script von allen Argento-Filmen und ist eine immer konfuser werdende Mischung aus mehr oder weniger gelungenen Einzelszenen.
Die gute Nachricht ist, dass die guten Szenen zu den besten Sequenzen in Argentos Kariere gehören. Die schlechte, dass etliche lahme Szenen dabei sind und das Ganze auch äußerst ungünstig verteilt ist. Denn während "Inferno" wie "Suspiria" gleich durchstartet und für die ersten 50 Minuten spannend und atmosphärisch ist, verliert der Film mit dem verspäteten Auftauchen seines uncharismatischen Protagonisten viel an Eleganz und kurz darauf komplett den dünnen narrativen Faden. Auch das Ende enttäuscht mit einer äußerst kläglichen Enthüllung von Mater Tenebrarum (für die in seiner letzten Filmarbeit der schon erwähnte legendäre Mario Bava verantwortlich ist), so dass "Inferno" ein nur ziemlich genau zur Hälfte gelungener Film ist.
Verantwortlich dafür ist wie gesagt die unglückliche Wahl des Hauptdarstellers mit dem hölzernen Leigh McCloskey sowie - noch viel schlimmer - seine komplett uninteressante Rolle, denn Mark ist eine Hauptfigur, die dem Geschehen immer drei Schritte hinterher hängt und folglich beim Publikum wenig bis kein Interesse rechtfertigt. Zudem ist auch der Score von Keith Emerson (Emerson, Lake and Palmer) nach dem großartigen Score von Goblin im Vorgängerfilm eine echte Enttäuschung, welche gar einige Schlüsselszenen (die an "Suspiria" gemahnende Taxifahrt, die Verfolgung Roses und natürlich die überzogenen Chöre bei Marks finaler Entdeckungsreise durch das Haus) eher demontiert als unterstützt. Aber allein für die legendäre Unterwasserszene und Sarahs Besuch in der Bibliothek - die zwei klassischen Sequenzen des Films - kann man sich "Inferno" schon anschauen.

Nach dem eher durchwachsenen Erfolg von "Inferno" bei Publikum und Kritik, wo der Film nicht ganz zu Unrecht als der schwächere kleine Bruder des grandiosen "Suspiria" galt, zog es Argento wieder zum giallo. Das Ergebnis war einer der blutigsten Streifen seiner Karriere, "Tenebre" (1982), in dem Argento sich zum ersten Mal explizit mit der eigenen Rezeption als Horrorautor auseinander setzte.
Hier beginnen allerdings auch zum ersten Mal Argentos Fähigkeiten seinen Ambitionen hinterherzuhinken (dies fing, um ganz genau zu sein, vielleicht schon beim schwachen Abschluss von "Inferno" an). Argento erklärte, er wollte einen Film drehen, der "in der nahen Zukunft spielt. Die Menschheit ist dezimiert durch eine Katastrophe, an die sich keiner erinnern kann oder erinnern will." Was sich hier noch nach faszinierendem Sci-Fi-Konzept anhört, ist im Film auch beim besten Willen als solches nirgends zu erkennen. Zudem fällt der Film stilistisch durch sein ‚futuristisches' Konzept immens ab. Denn während Argentos Barockwerke gerade dadurch eine gewisse Zeitlosigkeit bekommen, wirkt sein ‚futuristischer' Look flach und heutzutage fast albern und gemahnt eher an eine amerikanische 1970er Jahre-Krimiserie als an, sagen wir mal, Godards "Alphaville". Entgegen dem Titel ist dies ein sehr heller Film mit ständiger Komplettausleuchtung, die aber wie gesagt nicht sehr attraktiv ist. Richten kann es dann auch weder das wieder mal in den Leistungen mäßige bis schwache Ensemble, noch die Geschichte, die interessante Ansätze zeigt, aber durch die eine oder andere Albernheit (was mache ich, wenn ich als junge attraktive Frau in einem einsamen Haus die Stimme eines mich bedrohenden Verrückten höre? Ganz klar, ich ziehe mich noch schnell um, wie nahe liegend!) immer wieder sabotiert wird. Einzig die wie immer kreativen Tötungsszenen attraktiver weiblicher Opfer halten bei Laune, und man wird für seine Ausdauer immerhin mit einem herrlich überzogenen Finale mit reichlich Kunstblut belohnt.

1984 drehte er dann seinen nach eigenen Angaben persönlichsten Film, "Phenomena" (1984). Was gerade an diesem Film so persönlich sein soll - gerade im direkten Vergleich zu der in "Inferno" ausgestellten kaum nachvollziehbaren Privatmythologie - bleibt schleierhaft, aber es ist definitiv einer der ambitioniertesten seiner Filme, vollgestopft mit zum Teil nur lose verbundenen Ideen. Der Amerikaner würde sagen, Argento habe alles reingeworfen außer dem Spülbecken. Was es hier alles gibt: Einen mysteriösen Killer mit schwarzen Handschuhen (mal ganz was Neues), telepathisch kontrollierte Insekten, schlafwandelnde Schulmädchen, ein dressierter Affe auf Rachefeldzug, ein mordendes Monster usw.
Eine bunte Mischung also, die Argento in einem geschickten Genremix aus übernatürlichem Horror und giallo zusammenführt. Der Film zeigt die wohl beste Ensembleleistung in einem Argento-Film (fast) ohne schwaches Glied und mit zwei hervorragenden Hauptdarstellern: Genreveteran Donald Pleasance ("Halloween") hat genug vom wirren "Er ist zurückgekommen"-Gebabbel und gibt eine entspannte und erfreulich zurückhaltende Vorstellung. Der wahre Schachzug ist aber Jennifer Connelly ("A Beautiful Mind") in der Hauptrolle, die zum fraglichen Zeitpunkt gerade mal 15 Jahre alt war, dafür aber eine exzellente Leistung ablieferte. Dazu kommt ein toller Score von Rolling Stone Bill Wyman, Brian Eno und anderen (leider in einigen Szenen auch Argentos Begeisterung für Grunzmetal) und eine ausnahmsweise durchgehend interessante Story. All dies macht "Phenomena" wenn schon nicht zum besten Film Argentos, dann zumindest zum am besten unterhaltenden. Und das vollkommen over the top gehende Ende ist ein herrlich wildes Sahnehäubchen auf diesem Grusel-Gourmetmenü der Güteklasse A.

Opera"Phenomena" kam allerdings zur Enttäuschung von Argento nur mittelgut an, und so verlegte er sich in den folgenden beiden Jahren aufs Produzieren von Lamberto "Ich bin Marios Sohn" Bavas "Demons"-Reihe, um dann 1987 mit "Opera" sein Comeback zu feiern. "Opera" geht wiederum zu giallo-Motiven zurück, mittlerweile eine klassische Reaktion auf Ablehnung seiner übernatürlichen Werke. Und wie in "Tenebre" stellt auch hier Argento seine Sicht seiner selbst und seiner Arbeit dar. Ian Charleson als Horrorfilmregisseur, der eine Opernaufführung von "Macbeth" inszeniert, ist natürlich ein Spiegelbild Argentos selbst und das Vorgehen des Killers, der die Protagonistin zwingt, sich die Morde an ihren Bekannten anzusehen, ist ein recht geschickter Kommentar zur Gewaltrezeption. Diese Abhandlung von seinem typischen sadistischen Voyeurismus wäre allerdings ohne den eingebrachten überdeutlich sexuellen Aspekt noch stärker, der den Killer letztlich nur als verrückten Sado-Maso-Typen dastehen lässt. Ansonsten ist "Opera" ein typischer Argento, randvoll mit irrwitzigen Kameereinstellungen - wie eine ‚freifliegende' Kamerafahrt im Inneren des Opernhauses - und überzogenen set pieces. Aber auch hier wollen Argentos theoretische Konzepte nicht aufgehen. Mit seiner Sichtweise, eigentlich wäre der Film doch ein Kommentar zum aufkommenden Problem AIDS, steht der exzentrische Regisseur wohl ganz alleine da. Ein überflüssiger zehnminütiger Epilog in der Schweiz lässt den Film leider höhepunktarm enden, so dass man von "Opera" zwar nicht hellauf begeistert sein kann, es aber dennoch der für eine lange Zeit sehenswerteste Film von Dario Argento wurde.

"Opera" war wie schon anfangs erwähnt der letzte wirklich wichtige Film Argentos, der Schlusspunkt seiner goldenen Ära. Seine Filme wurden in der Folge weniger extravagant, im wahrsten Wortsinne farbloser, was wohl auch zumindest zu einem Teil an kleiner werdenden Budgets lag. Viel schlimmer aber war die kleiner werdende Kreativität, die die 1990er zur enttäuschendsten Dekade für Argento werden ließ. Dies begann mit dem fehlgeleiteten Schritt nach Amerika, oftmals der Todesstoß für kreative, eigenwillige Regisseure (Wer daran Zweifel hat, der schaue sich nur mal die letzten John Woo-Filme an und weine ein wenig in sich hinein).
Konnte der mit dem alten Kumpel George A. Romero nach Motiven von Argentos literarischem Helden Edgar Allen Poe gedrehte Episodenfilm "Two Evil Eyes" (1989) zumindest halbwegs überzeugen (genaugenommen nämlich Argentos Teil), so war spätestens mit dem enttäuschenden "Trauma" (1993) klar, dass hier nicht Argentos Zukunft lag. Also drehte er wieder in Italien, leider mit ähnlich wenig überzeugenden Ergebnissen. "Trauma" war aber insofern ein besonderer Film, als dass Argento die weibliche Hauptrolle seiner Tochter Asia anvertraute und offenbar so zufrieden war, dass sie in den beiden anderen Filmen der Dekade erneut die Hauptrolle übernahm.

Stendhal SyndromNeben einer misslungenen und reichlich überflüssigen Neuauflage vom "Phantom der Oper" (1998) ist "The Stendhal Syndrome" der einzig erwähnenswerte Argento-Film dieser Zeit, wenn auch kein wirklich gelungener. Zumindest der verstörendste Film seiner Karriere steht hier zu Buche, was angesichts von Argentos Oeuvre auch schon eine Leistung ist. Allerdings ist die Gewalt hier wesentlich düsterer, brutaler und realer als in seinen extravaganteren Werken. Die Verbindung mit Sexualität sorgt da für zusätzliches Unbehagen, zumal Argento hier seine eigene Tochter gleich zwei recht derben Vergewaltigungsszenen aussetzte. Mit dem vom deutschen Exportbösewicht Thomas Kretschmann dargestellten Serienvergewaltiger und -killer präsentiert Argento eine wahrhaft widerwärtige Figur, die ihren Opfern eine Kugel durch den Kopf schießt während er bei der Vergewaltigung zum Höhepunkt kommt. Das ist schon ziemlich derbe und der so ziemlich einzige Argento, der einen schlechten Nachgeschmack hinterlässt.
Leider zeigt der Film auch wieder altbekannte Schwächen auf: Nachdem sich "The Stendhal Syndrome" nach einer Stunde von der Serienkillerjagd zum Psychogramm wandelt, ist die letzte halbe Stunde durchsichtig und vorhersehbar. Zudem zeigt sich Argentos mangelnde Aufmerksamkeitsspanne. Denn während die titelgebende Krankheit am Anfang des Films recht gut eingebunden wird, wird sie nach etwa der Hälfte des Films - ähnlich der Schlafwandlerthematik in "Phenomena" - einfach fallengelassen.

Das neue Jahrtausend begrüßte Argento mit einem nostalgischen Trip in die Vergangenheit. Nicht nur war "Sleepless" ("Non Ho Sonno") die Rückkehr zum giallo, der Film soll stilistisch und thematisch auch mutwillig an die ‚Tiertrilogie' zum Anfang seiner Karriere erinnern. Folgerichtig wurde dieser Film vielerorts als Rückkehr zur alten Form gefeiert, was angesichts der enttäuschenden Vorgängerfilme sicher verständlich ist. Dennoch ist "Sleepless" eher kompetent denn genial, ein spannender und erstaunlich gut geschriebener giallo, der jedoch nicht an Argentos Hauptwerke herankommt. Immerhin sorgt die Mitarbeit eines recht fähigen Co-Autoren (Franco Ferrini) für das wohl kohärenteste Drehbuch seit seinem Debütfilm, zudem hat er mit Veteran Max von Sydow einen wirklich guten Schauspieler für die Hauptrolle gewinnen können, und als Sahnehäubchen steuern die nach zwanzig Jahren reformierten Goblin einen wieder mal äußerst gelungenen Score bei. Einzig Argentos visuelle Originalität blitzt nur noch selten auf, und so hat man hier einen spannenden kleinen Krimi - nicht mehr, nicht weniger.

Wer nach "Sleepless" auf eine Renaissance des italienischen Regisseurs gehofft hatte, wurde schon mit seinem nächsten Film, "Il Cartaio" ("The Card Player") enttäuscht, der doch wieder an die unoriginelle Ware der 1990er erinnerte. Aber alle Hoffnung ist noch nicht verloren, dass sich Argento noch mal zu alter Brillanz aufrafft. Gerüchten zufolge soll er sich derzeit daran machen, endlich den dritten Teil der unvollendeten "Drei Mütter"-Trilogie in Angriff zu nehmen. Und da die ersten zwei Drittel zumindest in ihren besten Momenten zu Argentos inspiriertesten und besten Werken gehören, könnte tatsächlich noch mal ein überzeugendes Werk dabei herumkommen, wenn der Argento-Fan nach 25 Jahren nun auch das Schicksal von Mater Lachrymarum erfährt.

Simon Staake