Auch
wenn er bisweilen zwischen zwei Filmen ein Jahrzehnt brauchte - effizienter
als Sergio Leone war trotzdem keiner. Denn wer bei einem Gesamtwerk
von nur sieben Filmen drei undiskutierbare Meisterwerke nebst einem
weiteren Genre-Meilenstein abliefert, der gehört ins Pantheon
der größten Regisseure aller Zeiten. Gerade im letzten
Jahrzehnt wurde man wieder an Leones ungebrochenen Einfluss erinnert,
denn Filmemacher wie Quentin Tarantino oder Robert Rodriguez beziehen
sich explizit auf den einzigartigen Stil Leones.
Dessen thematisches Augenmerk auf die negativen Aspekte seiner Protagonisten
war nicht nur wichtiger Impuls für die Entwicklung des modernen
Antihelden, sondern auch für den Western - dem Genre, in dem
Leone seine größten Erfolge feierte. Denn wer "Für
eine Handvoll Dollar" (1964) sah, wollte kaum glauben, was ihm
da als "Held" der Geschichte präsentiert wurde: Ein
unrasierter, schäbiger Typ auf einem Maultier, der gnadenlos
auf seinen eigenen Vorteil aus ist - dies sollte also die Identifikationsfigur
sein. Leones Film, Begründer des sogenannten "Spaghetti-Western",
machte schon durch die Wahl seines Helden klar, wodurch sich sein
Außenseiterblick auf den amerikanischen Mythos des Wilden Westens
von dem Hollywoods unterschied: Entromantisierung des sentimentalsten
aller Filmgenres, Verwischen der klaren Trennungslinie zwischen Held
und Schurke, Kommentar und Abwandlung der zu Genüge bekannten
Klischees.
Während
Leone in "Für eine Handvoll Dollar" und dem ein Jahr
später erschienenen "Für ein paar Dollar mehr"
(der, anders als sein Titel vermuten lässt, inhaltlich mit
dem Erstlingsfilm nichts zu tun hat) seinen Stil verfeinerte und
seine Vision vergrößerte (was sich an den stetig steigenden
Laufzeiten ablesen lässt), legte er dann mit dem Abschluss
der sogenannten "Dollar"-Trilogie sein erstes Meisterwerk
vor: "Il Buono, Il Brutto, Il Cattivo" (deutscher Verleihtitel:
"Zwei glorreiche Halunken", das englische "The Good,
The Bad and The Ugly" wird dem Originaltitel und dem Film aber
gerechter, denn eigentlich geht es hier ja auch um drei Halunken,
oder zumindest zwei Halunken und einen Überhalunken) machte
all das, was Leone schon in den Vorgängerfilmen gemacht hatte
- nur besser. Zumindest in der Meinung dieses Autors ist er Leones
bester Film.
"Zwei glorreiche Halunken" ist der epischste Film Leones
(und seit der Neuveröffentlichung auf DVD endlich auch in der
ungekürzten Fassung erhältlich), der die eigentlich recht
simple Geschichte von drei Banditen auf der Suche nach einem Goldschatz
vor dem Hintergrund des amerikanischen Bürgerkriegs in Szene
setzt. Die drei Banditen entsprechen in typisch unromantischer Leone-Manier
nur grob den Titelzuschreibungen. "Der Gute" Blondie (Clint
Eastwood) ist nur nominell gut', denn er achtet eigentlich
auch nur auf seinen Vorteil, zeigt aber immerhin in einigen prägnanten
Szenen Menschlichkeit. Heimlicher Sympathieträger ist "der
Hässliche" Tuco (Eli Wallach), vielleicht weil neben seinem
Humor seine Menschlichkeit (die in vielen negativen Aspekten hässlich
ist, jedenfalls passt dies besser zum Titel als seine rein physische
Erscheinung) durchscheint. Nur "der Böse" Angel Eyes
(Lee Van Cleef in seiner besten Rolle) ist wirklich abgrundtief
böse, ein durch und durch grausamer und verachtenswerter Charakter,
ähnlich dem anderen berühmten Paar blauer Engelsaugen
in einem Leone-Film - der brillant gegen sein aufrechtes Image besetzte
Henry Fonda als Killer Frank in "Spiel mir das Lied vom Tod".
Der
Bürgerkriegshintergrund der Geschichte sorgt nicht nur für
einige der wahnwitzigsten set pieces in des Maestros Karriere,
sondern lässt den Film in seinem Schlussdrittel, in dem eine
von Nord- und Südstaatentruppen umkämpfte Brücke
eine wichtige Rolle spielt, kurzfristig zum Kriegsfilm werden. Dies
kommt allerdings nicht überraschend: In einer Sequenz, in der
Blondie und Tuco in einem Konzentrationslager (!) der Yankees gefoltert
werden, lässt Leone bereits politische Subtexte aufblitzen.
Letztlich sind es aber andere Sachen, die in Erinnerung bleiben:
Ennio Morricones Musik etwa, die -wenn überhaupt - nur von
der für "Spiel mir das Lied vom Tod" übertroffen
wird. Das einen Kojotenschrei imitierende Titelthema ("A-a-a-a-aaaaa-wah-wah-wah")
kennen sogar Leute, die noch nie einen Western - geschweige denn
diesen - gesehen haben. Und natürlich Leones unglaubliche Bildkompositionen:
Niemand nutzte den Filmausschnitt besser als Leone, niemand hat
weitere oder räumlich tiefere Kompositionen als er. Die Dynamik
zwischen Weitwinkelaufnahmen und Nahaufnahmen - bereits in den ersten
Sekunden sehr effektiv eingesetzt - haben viele zu imitieren versucht.
Aber nur Leone schafft es, daraus mitreißendes Kino zu machen,
in dem selbst gut abgehangene Westernsituationen vollkommen neue
Spannungshöhen erreichen.
Besonderes Stilmittel Leones ist dabei immer die Verzögerung.
Ein Duell mag in wenigen Sekunden vorbei sein, aber der Aufbau dauert
gefühlte Stunden. Frei nach dem Motto "Der Weg ist das
Ziel" zelebriert Leone vor allem die angespannte Atmosphäre
vor dem Spektakel, und dies unnachahmlich. Zeit ist sowieso wichtigster
Faktor für Leone, denn er nimmt sie sich in allen seinen Filmen,
deren Laufzeiten dann auch selten zweieinhalb Stunden unterschreiten.
Einzelne Sequenzen laufen bei ihm ohne größere Not länger
als in jedem anderen Film, der vergleichbare Sequenzen hat - einfach
weil Leone den Rhythmus mag. Zusammen mit den genau abgestimmten
Kompositionen seines Stammkomponisten Morricone entsteht sehr stilisiertes
Kino, auf das man sich einlassen muss, dafür allerdings mit
Filmkunst in Reinkultur belohnt wird. Wenn Western umgangssprachlich
als Pferdeopern gelten, ist Leone der Mann, der die Oper dort hineingebracht
hat.
Eine
von Leones besonderen Fähigkeiten, die in den beiden hier besprochenen
Filmen besonders offensichtlich wird, war sicherlich auch, dass
er seine Schauspieler so geschickt einsetzte wie kaum ein zweiter
Regisseur. Durch die Aufteilung der Heldenrollen in einen Schweiger
und einen Schwätzer wurden auch mimisch eher minimalistische
Darsteller wie Clint Eastwood, Charles Bronson oder James Coburn
(der wiederum seine "Schweiger"-Rolle aus "Die glorreichen
Sieben", dem letzten großen Hollywood-Western, variiert)
durch das Zusammenspiel mit ihren gesprächigen Partnern perfekt
eingesetzt. Zeitgleich waren sie natürlich die coolsten Typen
der Welt, worauf Eastwood quasi seine Kariere aufbaute. Und wenn
man ihn so sieht - unrasiert, Zigarillo im Mundwinkel, zusammengekniffene
Augen - weiß man auch warum. Einzig die Chemie zwischen Leones
Darstellerpaaren variierte von Film zu Film, wobei Eastwood und
sein kongenialer Partner Eli Wallach als "Zwei glorreiche Halunken"
sicherlich die beste Paarung überhaupt waren, deren trockene
Wort- und Körpergefechte allein schon Eintritt in die Ruhmeshalle
der ewig coolen Leinwandcharaktere gewähren. Da können
auch Charles Bronson und Jason Robards aus dem Nachfolgerfilm nicht
gegen an.
Dieser
Nachfolgefilm sollte sowieso ursprünglich etwas ganz andres
sein. Eigentlich war Leone nach "Zwei glorreiche Halunken"
mit dem Western fertig, weil er das Gefühl hatte, mit diesem
Film alles gesagt zu haben was es in dem Genre zu sagen gibt. Und
in gewissem Sinne hat er das auch. So sollte Leones nächstes
Projekt eigentlich das Gangsterepos "Es war einmal in Amerika"
werden. Dieser Film wurde jedoch Leones weißer Wal - der Traum
eines Besessenen, dem er über ein Vierteljahrhundert hinterher
jagte, nur um ihn dann nachträglich zerstört zu sehen
(aber das ist eine andere Geschichte, die in
einer anderen Gold-Rezension erzählt wird). Anno 1967 wollte
niemand von Leone einen Gangsterfilm haben, und die Geldgeber baten
ihn, doch noch weitere Western zu drehen. Leone akzeptierte -und
konzipierte "Spiel mir das Lied vom Tod" als seinen letzten
Western (was er natürlich nicht wurde). Er wollte dem amerikanischen
Western in der Gesamtheit seiner Mythen Tribut zollen, und gleichzeitig
nicht nur seinen, sondern den letzten Western drehen. Was ihm in
gewisser Weise auch gelang, denn danach kam eigentlich kein einziger
großer klassischer Western mehr, der Genre-Revisionismus setzte
ein und sorgte mit seinem neuen Blickwinkel für einige der
größten Filme der Gattung ("The
Wild Bunch", "McCabe & Mrs. Miller", "Little
Big Man", "Heaven's Gate", "Erbarmungslos").
Aber "Spiel mir das Lied vom Tod" war, in seiner eleganten
Elegie, in der Tat das Ende einer Ära.
Schon
der Originaltitel "C'era una volta il West" ("Es
war einmal der Westen") verkündete in seiner Verwendung
der Märcheneinleitung die Auseinandersetzung mit einem Mythos,
dessen ultimative Abhandlung. Leone und seine Co-Drehbuchschreiber
(darunter die zukünftige Horrorfilmlegende Dario Argento und
Bernardo Bertolucci) gingen sogar so weit, ganze Dialogblöcke
aus klassischen amerikanischen Western zu übernehmen. Doch
egal, woher sie auch kommen mögen: Für Dialoge wie der
zwischen dem ominösen Rächer mit der Mundharmonika und
den Auftragskillern, die ihn am Anfang des Films umlegen sollen
( "Sieht aus, als hätten wir ein Pferd zu wenig gebracht."
"Nein, Ihr habt zwei Pferde zuviel dabei.") würden
manche Drehbuchschreiber töten.
Jedenfalls ist "Spiel mir das Lied vom Tod" durch seine
stilistischen Rückgriffe in Dialogen und Geschichte wesentlich
näher
am klassischen Western als "Zwei glorreiche Halunken",
was ihm ein wenig die Eigenwilligkeit des Vorgängers, jedoch
kein Stück Klasse raubt. Stilistisch ist er allemal auf Augenhöhe
mit "Zwei glorreiche Halunken", man denke da nur an die
zurecht legendäre, endlos lange und nur von Geräuschen
begleitete Anfangssequenz, die für sich allein als Zusammenfassung
von Leones eigenwilligem Stil schon reichen würde. Dazu die
ganzen anderen unvergesslichen Momente: Die tiefblauen Augen Henry
Fondas und sein Lächeln, während er ein Kind erschießt.
Ennio Morricones fantastischer Leitmotiv-Soundtrack und dessen Herzstück,
die klagende Mundharmonika, die das Lied vom Tod spielt. Die langen
Mäntel der Killer in der Eröffnungsszene, die lange vor
der Matrix zum Modephänomen wurden. Das niemals besser eingesetzte
kantige Gesicht von Charles Bronson als mysteriöser, übernatürlich
wirkender Rächer. Die Schönheit von Claudia Cardinale,
die niemals zuvor oder danach so betörend war wie hier. Es
gibt so viele wohlbekannte und ikonische Momente in diesem Film,
das man der Aufzählung müde wird.
Leones Filme der "Es war einmal"-Trilogie, die sich explizit
mit der Geschichte Amerikas und vor allem mit der Verbindung zwischen
Fortschritt und den gewalttätigen Mitteln, mit denen dieser
erreicht wurde, auseinandersetzen, kreisen dabei stets um die selben
Pole: Zeit und vor allem Zeitlosigkeit, sei es durch Unsterblichkeit
(in Erinnerung oder in Mythen) oder im Wissen um die eigene Sterblichkeit.
Dies ist sicherlich ein Grund für die eigentümliche Atmosphäre
von "Spiel mir das Lied vom Tod", der Hymne und Abgesang
zugleich ist. Das Lied vom Tod wird hier nicht nur für die
Charaktere, sondern vor allem fürs Genre gespielt. Wenn am
Ende der sympathische, menschliche Cheyenne stirbt und der unnahbare,
mythische (unsterbliche?) Mundharmonika-Spieler davon reitet, ist
der klassische Western so tot wie Cheyenne, und existiert nur noch
als Geist aus der Vergangenheit wie der Mann mit der Mundharmonika.
Daran konnte auch der eher schwächere Mittelteil der "Es
war einmal..."-Trilogie und Leones definitiv letzter Western
"Todesmelodie" nichts ändern. Würde man einem
Unwissenden nur zwei Western zeigen können, um ihm das gesamte
Genre nahe zu bringen - man bräuchte nur zu "Zwei glorreiche
Halunken" und "Spiel mir das Lied vom Tod" greifen,
und derjenige würde alles wissen, was er wissen muss.
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