"Ihr
wollt doch nur meinen Körper!" Diesem uralten weiblichen
Aufschrei - mal tragisch voller Entsetzen, mal nur kokett in gespielter
Empörung hingehaucht - kann sich Rosemary Woodhouse (Mia Farrow),
junge Gattin des (noch) erfolglosen Schauspielers Guy Woodhouse (John
Cassavetes), im Verlauf ihres ersten Jahres im neuen Heim nur vorbehaltlos
anschließen. Die ebenso geräumige wie alte Wohnung im Appartementhaus
Bramford Building ist soeben durch einen Todesfall freigeworden, und
nachdem der ganze Plunder der Vormieterin herausgeschafft ist und
sich Rosemarys Designdrang ausgetobt hat, ist daraus tatsächlich
eine helle, freundliche Bleibe für eine werdende Familie in bester
New Yorker Lage geworden.
Mit der Vergrößerung der Woodhouse-Sippe soll es aber
noch etwas Zeit haben, zumindest bis Gatte Guy über tragende
Rollen in öden Yamaha-Werbespots und in drittklassigen Theaterstücken
wie "Niemand liebt den Albatros" hinweggekommen ist. Auch
merkwürdige Gesänge aus der Nachbarwohnung, vermischt
mit eigenartig unmelodischem Flötenspiel, und finstere Gerüchte
über die dunkel-verbrecherische Vergangenheit des ganzen Hauses
können die Idylle der Jungvermählten zunächst noch
nicht trüben.
Aber
Polanski wäre nicht Polanski, wenn er nicht bald darauf die
Psycho-Daumenschrauben fest anziehen würde: Erst schreckt ein
Selbstmord der jungen Nachbarin Terry Gionoffrio (Victoria Vetri)
das junge Paar auf. Diese erste Störung ist aber bald vergessen,
entpuppt sich das schrullig-verschrobene alte Nachbarspärchen
Minnie und Roman Castevet (Ruth Gordon und Sidney Blackmer) doch
bald als rührend besorgter, freilich auch gnadenlos neugieriger
Elternersatz. Auch die Familienplanung wird jetzt nicht mehr auf
die lange Bank geschoben. Dummerweise ist Rosemary, die Mutter in
spe, in der fraglichen Nacht nach dem Genuss von Minnies Mousse
au Chocolat ein wenig unpässlich und verschläft offenbar
die eigene Befruchtung, wenn auch nicht ohne Alpträume mit
Visionen einer Vergewaltigung.
Was folgt, sind neun Monate Hölle: Rosemary ist schwanger-
Guy konnte die Finger anscheinend nicht einmal von seiner bewusstlosen
Gattin lassen. Aber diese Schwangerschaft ist erkauft mit dauernden
nagenden Schmerzen, die die junge Frau schließlich wie ein
gehetztes Gespenst statt wie einen sich zunehmend rundenden Wonneproppen
aussehen lassen. Das Verhältnis zu Guy wird auch nicht wirklich
besser, denn der profitiert von der plötzlichen Krankheit eines
Kollegen und kommt groß raus. Zudem gebärden sich Minnie
und Roman zunehmend aufdringlich, schwatzen Rosemary statt des knackigen
jungen Dr. Hill die alte Koryphäe Abe Sapirstein (Ralph Bellamy)
als Geburtshelfer auf, füllen sie mit angeblich vitaminreichen
Kräuterdrinks ab und vermachen ihr einen übelriechenden
Uralt-Glücksbringer. All das lässt die Unschuld vom Lande
mehr oder weniger stillschweigend über sich ergehen, bis der
alte Freund Hutch (Maurice Evans) Verdacht schöpft. Der scheidet
zwar bald durch einen Gehirnschlag als warnende Instanz aus, doch
Rosemarys Misstrauen ist geweckt, immerhin.
Kein Wunder also, dass sie in dieser Situation eine Verschwörungstheorie
über Satanisten entwickelt, die es auf ihr Baby abgesehen hätten,
um mit dessen Blut Schwarze Messen zu feiern. Aber mit dieser schon
reichlich alarmierenden Vermutung trifft Rosemary noch keineswegs
den Kern - die Wahrheit ist schlimmer, viel schlimmer.
Das
erfahren die junge Mutter und der Zuschauer aber erst ganz am Schluss,
nachdem alle Rätselspielchen und falsche Spuren in blinde,
dunkle Gänge geführt haben. Wer Mia Farrows Gesicht in
der Schlussszene des Films einmal gesehen hat, wenn sich auf ihren
Zügen ein namenloser Schrecken ausbreitet, ein hilfloses Entsetzen
gepaart mit verzweifelter Not, dem wird dieses Bild nicht wieder
aus dem Kopf gehen. Überhaupt setzt Roman Polanski seinen jungen
Star über die ganzen zwei Stunden hinweg so virtuos in Szene,
dass selbst die ausgeflippte Minnie Castevet gegenüber dieser
einnehmenden Leinwandpräsenz ziemlich verblasst.
Einen Themenkomplex wie Satanismus, Schwarze Magie und Hexerei,
mit dem sich "Rosemary's Baby" beschäftigt, könnte
dazu verführen, in Plattitüden und Phrasen abzudriften,
noch dazu wenn es außerdem um das uralte und enorm emotionsbeladene
Feld "Mutterschaft" geht. Die Liste von Regisseuren, die
dieser Verführung nicht standgehalten haben und aus der Kombination
der Gretchenfragen "Wie hältst Du's mit der Religion?"
und "Was wäre, wenn...?" entweder gnadenlos verkitschte
Happy-End-Schnulzen oder eklig pathetische Weltrettungsdramen zusammengefilmt
haben, ist leider schier endlo.; "Constantine" aus dem
letzten Jahr oder Polanskis eigener, wenig rühmlicher "Die
neun Pforten" von 1999 mögen als eher negative Beispiele
dienen.
Dreißig Jahre zuvor aber verstand Meister Polanski noch glänzend,
die existenzielle Frage nach Gott, der Welt und dem Teufel ohne
allzu große Offensichtlichkeit abzuhandeln. Traumbilder von
den Fresken der Sixtinischen Kapelle, das im Hintergrund dudelnde
Fernsehen mit den Berichten vom Besuch des Papstes in New York und
schließlich die Vision des Kirchenfürsten in Rosemarys
eigenem Traum sind neben ein bisschen einschlägiger Symbolik
schon alles, was der Film in Sachen Christ und Antichrist bemühen
muss, um eine unerträgliche Atmosphäre von sinistrer Paranoia,
unaufhaltsamem Vertrauensverlust und abgrundtiefer Angst herzustellen,
die in der Kinogeschichte ihresgleichen sucht.
Selten
vermischen sich auch düstere Filmwirklichkeit und bedrückende
Realität in so erschreckender Weise wie mit "Rosemary's
Baby" - was dazu führt, dass der übliche War-ja-alles-nur-ein-Film-Kinoeffekt
sich ins Gegenteil verkehrt: Es ist eben nicht nur ein Film, sondern
auch der Aufhänger für eine Reihe von ganz realen Dramen.
Nicht nur, banal genug, dass der Drehplatz Dakota Building, das
im Film Bramford heißt, 1980 Schauplatz des Mordes an John
Lennon wurde und damit eine eigene makabre Berühmtheit erlangt
hat; Roman Polanskis junge Ehefrau Sharon Tate (hier übrigens
in einer Gastrolle zu sehen als eine der Freundinnen auf der großen
Party) wurde ein Jahr nach dem Kinostart von "Rosemary's Baby"
durch die satanistische Bande Charles Mansons bestialisch abgeschlachtet.
Dass allerdings ein bekannter amerikanischer Satanist in persona
am Filmset mitgewirkt habe, ist nur ein böses Gerücht.
Aber wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden, würden
die Italiener jetzt sagen, und Recht haben sie.
Was macht einen bloßen Grusel- zum echten Horrorfilm? Wohl
kaum Fontänen von körperwarmem Blut und Berge von glitschigen
Eingeweiden, mit denen Splatter-Meisterwerke zu prunken wissen.
Schon viel eher ein geschicktes Understatement, das durch Andeutungen,
ergebnislose Spuren und häppchenweise Enthüllungen immer
nur einen kleinen Blick hinter den schwarzen Vorhang freigibt, hinter
dem sich allerdings wahrhaft Ungeheuerliches abspielt.
Schockeffekte? Nicht unbedingt; "Rosemary's Baby" hat
keinen einzigen. Die gnadenlose Spannung zwischen dem diesseitigen
Plot und dem großen, übernatürlichen Wurf der dahinter
steckenden Story mit ihrem unbeschreiblich gewaltigen Schrecken,
macht den großen Horrorfilm aus - und das ist Roman Polanski
in der höchst akkuraten Verfilmung von Ira Levins Bestseller
mit Filmgeschichte machender Souveränität gelungen. Die
Auflösung der quälenden Geschichte am Ende - man hat es
ja schon befürchtet, dass es so kommen muss - ist dann trotz
aller Vorbereitung ein Schock, und das Schlussbild, das natürlich
Rosemary zeigt, ist eine einzige Obszönität, ohne irgendwie
äußerlich anstößig zu sein.
Wenn es einem Regisseur und seiner Hauptdarstellerin gelingt, so
unmittelbar zu inszenieren und zu spielen, dass sich die sprichwörtliche
Gänsehaut ganz real einstellt, ohne dass die Leinwand von etwas
anderem erfüllt wäre als Mia Farrow im hellblauen Stepp-Bademantel,
mit einer Miene zufriedener, aber irgendwie abartiger Entspannung,
dann ist das eine Leistung, die sich ihr "Gold!" mit Leichtigkeit
verdient - ein historischer, mutiger Meilenstein des Horrorkinos,
mit dem Polanski in den USA zu Recht zum Weltstar aufstieg. Schreckliches
Kino im besten Sinne.
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