Man sagt, was den Urlaub angehe,
gebe es grundsätzlich nur zwei Arten von Menschen: Die einen
fahren immer wieder in die Berge oder irgendwohin, wo sie ihre sportlichen
Ambitionen beim Wandern, Bergsteigen, Klettern, Elefantenreiten, Rucksacktrampen,
Marathonshopping oder mit tagelangen Busfahrten durch den Dschungel
befriedigen können; die anderen zieht es Jahr ums Jahr ans oder
aufs Meer, weil sie nur dort (sofern sie nicht zwei Wochen in der
prallen Sonne durchbraten wollen) jene Weite finden, ohne die sie
auf Dauer glauben, nur schlecht oder kaum leben zu können.
John Huston, der Regisseur von "Moby Dick", muss wohl dem
zweiten Typ angehören - jedenfalls eröffnet sein Film uns
immer wieder ein so grandioses Panorama auf die See und einen so tiefen
Einblick in die Sehnsucht derer, die sich wie magisch von ihr angezogen
fühlen, dass man sich der Faszination des
unendlichen Horizonts, des wiegenden Schaukelns der Schiffe und der
ehrfurchtgebietenden Naturerfahrung kaum entziehen kann. Huston hatte
mit Melvilles "Moby-Dick, oder: Der Wal" von 1851 aber auch
eine Buchvorlage, die gemeinhin als unverfilmbar galt, eben weil ihre
Perspektive so weit ist (und weil keine einzige wirkliche Frauenrolle
vorkommt, was für Hollywood eher noch schlimmer war). Darüber
hinaus zeichnet uns Hustons "Moby Dick" mit seinen wie in
Stein gehauenen Figuren nicht weniger als ein gewaltiges Drama der
menschlichen Existenz - der weltberühmte Plot im Vordergrund
ist dafür nicht viel mehr als der Aufhänger.
Die Geschichte dürfte eine der bekanntesten überhaupt
sein: Das Walfangschiff Pequod sticht 1841 vom neuenglischen New
Bedford aus in See, unter dem Befehl des von Rachegelüsten
getriebenen Kapitäns Ahab (Gregory Peck), und mit den Freunden
Ismael (Richard Basehart, der Erzähler) und Queequeg (Friedrich
von Ledebur als idealtypischer "edler Wilder") an Bord.
Ahab missachtet seinen Auftrag, möglichst reibungslos möglichst
viele Wale zu erlegen, um das aufstrebende Amerika mit Öl und
Tran für seine Lampen zu versorgen. Stattdessen trachtet er
Moby Dick nach dem Leben, einem riesigen weißen Pottwal, der
ihm vor Jahren das linke Bein weggerissen und ihn so zum Krüppel
gemacht hat.
Einmal aufgespürt, zeigt Moby Dick jedoch, dass alles menschliche
Streben ihm wenig anhaben kann: Die ganze Besatzung bis auf Ismael
kommt um; die Pequod versinkt, vom Wal gerammt, jämmerlich
im Südpazifik. - "Moby Dick" ist damit der direkte
Vorläufer von Steven Spielbergs "Weißem
Hai", denn das tiefe
Unbehagen am Meer wird hier wohl zum ersten Mal greifbar inszeniert.
Allerdings ist der Wal 1956 keineswegs das gefräßige
Monster, wie 20 Jahre später sein scharfzahniger Vetter, der
um jeden Preis vernichtet werden muss, sondern mehr Werkzeug der
unausweichlichen Katastrophe: "Moby Dick" ist viel eher
eine Charakterstudie als ein Mega-Action-Trickfilm.
Der Film steht mit seiner Aufwändigkeit aber trotzdem auch
in einer Reihe mit den anderen großen Produktionen der Traumfabrik
aus jenen Jahren, Cecil B. DeMilles "Zehn Geboten" etwa
aus demselben Jahr, oder William Wylers "Ben Hur" von
1959. Huston verbrachte Jahre mit dem Projekt - so lange, dass sein
Vater Walter, der eigentlich den Ahab spielen sollte, darüber
starb und durch Peck ersetzt wurde. Das jedoch erwies sich rein
filmtechnisch als Glücksfall: Gregory Peck schauspielert hier
wohl auf der Höhe seines Könnens, mit genau dosierter
Mimik und Sprachgewalt und doch mit einer Unmittelbarkeit, die direkt
unter die Haut geht.
Schon all das setzt John Hustons Meisterwerk an eine sehr prominente
Stelle der Filmgeschichte, dürfte aber kaum dazu reichen, "Moby
Dick" zu einem der Meilensteine des Kinos zu machen; dazu braucht
es mehr, und indem Regisseur und Autoren (Ray Bradbury wurde später
selbst mit "Fahrenheit 451" zu einem weltberühmten
Schriftsteller) reichlich aus dem tiefen Brunnen der literarischen
Vorlage schöpfen, laden sie die Räuberpistole vom Weißen
Wal und Kapitän Ahab, die sich gegenseitig verfolgen, mit einer
geradezu erschreckenden Wucht auf, die kaum kalt lassen kann.
"Moby Dick" wird oft belächelt als ein klassischer
Hollywoodschinken der 50er inklusive gemalter Bühnenkulissen
und Pappwal - was er auch ist, daran gibt es nichts zu deuteln.
Die Tricks wirken im Zeitalter der Computeranimation bestenfalls
amateurhaft, die deutsche Synchronisation ist manchmal mehr als
drollig, an Pathos dagegen lässt es Huston in getreuer Nachfolge
Melvilles nicht fehlen. Eben hier
aber liegt der Ansatzpunkt: "Moby Dick" will auch viel
mehr sein als nur eine Geschichte vom Walfang und von der Rache
eines Besessenen. Das zeigt sich schon in der Namengebung - Ahab
war auch ein biblischer König, und zwar einer der bösen;
Peleg, Bildad (die Eigner des Schiffs), Elias (der den Untergang
der Pequod und Ahabs vorhersagt), Ismael sind allesamt Gestalten
des Alten Testaments; die biblische Legende von Jonas im Bauch des
Wals kommt im Film ebenso zur Sprache wie die Geschichte von der
am Himmel festgenagelten Sonne.
Überhaupt ist der Bruch denkbar scharf zwischen dem gottesfürchtig-puritanischen
Leben der neuenglischen Quäker an Land, dessen Hauptvertreter
die Schiffseigner Peleg und Bildad sind, und der Atmosphäre
von Auflehnung, Herausforderung, Verzweiflung, Überheblichkeit,
Depression und schließlichem Untergang an Bord der Pequod.
Starbuck (Leo Genn), der Erste Offizier und besonnene, tiefgläubige
Christ, den Ahabs Rachepläne erst beunruhigen, dann anwidern
und schließlich anstecken, verklammert diese beiden gegensätzlichen
Welten in seiner Person. Dabei hat aber der Kapitän die Mannschaft
auf seiner Seite, denn Ahab ist nicht nur verwundet an Körper
und Seele, sondern auch (deswegen?) ein charismatischer Führer.
Seinem Bass kann sich niemand entziehen, seine Lockungen und Beschwörungen
fesseln auch die sonst so nüchternen Seefahrer stets aufs Neue.
John Huston hat bei alldem die klassischen Regeln der Spannungserzeugung
gut verinnerlicht: Bis Ahab nicht nur akustisch und in den dunklen
Erzählungen der Seeleute, sondern auch visuell auftritt, vergehen
mehr als 30 Minuten, und der von ihm so furchtbar gehasste Wal ("ein
riesiger marmorner Grabstein") kommt sogar erst rund anderthalb
Stunden nach Start ins Bild. Zuvor wird der Untergang fein und
unerbittlich vorbereitet, mit einer Eröffnung an Land - der
große Orson Welles als Father Mapple legt das theologische
Fundament - und dem Auslaufen des Schiffs auf die große Fläche
des Ozeans, der noch unübersehbare Zuspitzungen für die
Pequod und ihre Besatzung bereithält.
Dieser Ahab nun ist eine ebenso unerhörte Kreatur wie Moby
Dick selbst und natürlich die Hauptfigur des Werks. Der Wal
ist nicht mehr als ein Instrument - Mittel zur Zerstörung des
anmaßenden Kapitäns und zuvor Projektionsfläche
seines verzweifelten Hasses. Dabei ist Ahab kein Gottloser. In seinen
Monologen, die er aus dem narbenzerfurchten Gesicht mit verzerrtem
Mund hervorpresst, ruft er immer wieder Gott an - nicht zuletzt,
um die aberwitzige Jagd auf den Riesensäuger zu rechtfertigen:
"Gottes Zorn soll uns alle treffen, wenn wir nicht Moby Dick
jagen bis in seinen Tod." Und als Starbuck sich endlich halbwegs
zum Handeln durchgerungen hat und drauf und dran ist, ihm sein Kommando
zu entziehen, speit er ihm entgegen: "Merken Sie sich eins:
Es gibt nur einen Gott, der die Welt regiert, und nur einen Kapitän,
der hier befiehlt!" So spricht kein Wahnsinniger, der die gesamte
überkommene Ordnung aus den Fugen heben will. So spricht vielmehr
einer, der all das, was diese Ordnung ihm zur Verfügung gestellt
hat - Schiff, Besatzung, Zeit, Geld und Befehlsgewalt -, für
eine unheilige Mission einzusetzen gedenkt. Er weiß Starbucks
Worte schon ganz richtig einzuordnen, als dieser ihn warnt, mit
der Abkehr von der gottgefälligen, weil gemeinnützigen
Tran-Fabrikation beschwöre er den Zorn Gottes auf die Pequod
herab; wahrscheinlich stimmt er ihnen sogar zu. Und doch will er,
kann er nicht anders. "Ist Ahab Ahab?" - solche wissenden
und zugleich schrecklich unwissenden Fragen stellt er sich in seinen
Grübeleien, weil er erkannt hat, dass er Treibender und Getriebener
ist, Subjekt und Objekt der Katastrophe, in die er sich immer tiefer
verstrickt. Kapitän Ahab ist mit seinem zweiflerischen Fragen
schon ganz in der Moderne angekommen, anders als seine Schicksalsgenossen
auf demselben Schiff.
Das
ist die Tragik, die Ahab ins Gesicht geschrieben steht: Zu wissen,
dass er sich gleich zweifach gegen das Schicksal auflehnt (durch
die Vernachlässigung seiner Pflicht und durch das Aufbegehren
gegen das eigene Geschick), und dennoch sich weiter auflehnen zu
müssen. Das mündet zwangsläufig im Hader mit Gott,
mit dem, der das ganze Welttheater in Gang hält und der seinen
Geschöpfen das ewige Fressen und Gefressenwerden verordnet
hat. Moby Dick avanciert für Ahab zur Maske des absolut Bösen
und doch Gottgegebenen, zum Bild all dessen, was die Menschen seit
Urzeiten quält, sie ins Unglück stürzt, gegeneinander
aufhetzt und was uns als Krone der Schöpfung zu eigentlich
entsetzlich erbarmungswürdigen Wesen macht. Ahab hegt ein zutiefst
pessimistisches Weltbild, dem nur die persönliche Rache Sinn
verleihen kann, auch wenn darüber das eigene Seelenheil zugrunde
geht.
Die erschreckende Sonderlichkeit des Befehlshabers der Pequod zeigt
sich erst in der zufälligen Begegnung mit zwei Kollegen auf
hoher See. Während Kapitän Boomer, ein saufender, plappernder,
fröhlicher Londoner, schnell das Weite sucht, als er Ahabs
blasphemische Entschlossenheit bemerkt, erkennt Kapitän Gardiner,
gleichfalls aus New Bedford, Ahabs Frevel, als dieser ihm Hilfe
bei der Suche nach Gardiners Sohn verweigert, der von Moby Dick
verschlungen worden ist. Aber Ahabs Kurs steht fest - "ich
würde sogar die Sonne angreifen, wenn sie mir etwas zuleide
täte."
Wer sich derart gegen die Natur erhebt, muss zerstört werden,
zerstört sich selbst - und wie es kommen muss, so kommt es
schließlich auch. Ahab reißt die ganze Mannschaft mit
ins Verderben, bis auf den einen, der übrig bleibt, davon zu
erzählen, und der am Ende, als Schiff und Wal und alle Kameraden
verschwunden sind, als Waise auf dem Meer treibt und ausgerechnet
von einem Sarg über Wasser gehalten wird - bis ihn gerade Kapitän
Gardiners Schiff aufliest.
Wem das alles zu hoch ist, wer mit großen Tieren, rachedurstigen
Kapitänen, frommen Offizieren und göttlichem Verhängnis
nicht viel anfangen mag, der erinnere sich an seinen letzten Urlaub
am Meer. Kennen wir beim Blick auf die See nicht alle die verwirrende
Mischung aus dem Glück des obersten Ausgucks der Pequod, dem
das Meer und scheinbar die ganze Welt zu Füßen liegen
(James Cameron lässt grüßen!),
und der unendlichen Traurigkeit jener Einwohner von New Bedford,
die das Auslaufen der Pequod nicht mit patriotischem Hurrageschrei,
sondern mit tiefem Schmerz verfolgen? Es ist dies der anrührendste
Moment eines an großen Emotionen wahrlich nicht armen Films:
zu sehen, wie sich die Zurückbleibenden still in ihr Schicksal
fügen, während Ahabs Schiff zu seiner unheilvollen letzten
Fahrt aufbricht, die eben dieses Schicksal herausfordert.
Wer also das unbestimmte Gefühl der befreiten Beklemmung nachvollziehen
kann, wenn er am Meer steht, dem hat "Moby Dick", dieses
Drama des heutigen Menschen, eine Menge zu sagen - darüber,
dass der feste Boden, auf dem wir stehen, bloß ein Viertel
dieses Planeten ausmacht; darüber, dass man sich in diesem
gewaltigen Spiegel des Ozeans stets neu selbst entdecken kann; darüber,
dass wir alle Ahabs sind, die sich auflehnen gegen das Unvermeidliche,
unter welcher Maske es auch daherkommt; darüber schließlich,
dass wir mit all unserem großartigen Wissen letztlich genauso
hilflos sind wie der auf dem Sarg treibende Ismael nach dem Untergang
der Pequod, mit nichts als einer Wüste aus Wasser um sich herum.
Packender, ergreifender, besser als in dieser mächtigen Hymne
auf das Meer ist unser aller Zerrissenheit zwischen optimistischer,
moderner Begeisterung über unsere Fähigkeiten und tiefer,
ebenso moderner Skepsis über unsere demütigende Unzulänglichkeit
nie umgesetzt worden. "Moby Dick" - großes Kino
in jeder Hinsicht, ein epochales Epos vom Ozean, vor allem aber
ein beunruhigender Blick in unsere Seele.
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