| Als der Film, an dem sich alle nachfolgenden
Detektivfilme messen lassen mussten, ging "Der Malteser Falke"
in die Geschichte ein. Der in Deutschland besser unter dem Titel "Die
Spur des Falken" bekannte Krimi war John Hustons erster Film
als Regisseur und machte aus Humphrey Bogart in seiner 42. Filmrolle
endlich einen Star.
Sam Spade (Humphrey Bogart) ist ein Privatdetektiv, zynisch, undurchsichtig
und dem Gesetz nicht so nahe, wie er sein sollte. Eines Tages spaziert
eine Frau (Mary Astor) in sein Büro. Unter dem Vorwand, sie
sei in Sorge um ihre Schwester, gibt sie Spade und seinem Partner
Miles Archer (Jerome Cowan) den Auftrag einen Tunichtgut namens
Thursby zu beschatten. Archer, angetan von der neuen Kundin, reißt
den Auftrag an sich. Doch schon in der ersten Beschattungs-Nacht
wird er erschossen und wenig später taucht auch
Thursbys Leiche auf. Spade, eigentlich daran interessiert, den Mord
seines Partners aufzudecken, gerät selbst in Verdacht, Thursby
erschossen zu haben. Er sucht die Auftraggeberin auf und stellt
fest, dass ihr wahrer Name Brigid O'Shaughnessy ist und sie ihn
belogen hat. Nur ansatzweise rückt sie mit der Wahrheit heraus,
woraufhin der misstrauisch gewordene Spade vorgeblich in ihrem Auftrag,
tatsächlich aber in eigenem Interesse anfängt, weiter
zu ermitteln. Dabei deckt Spade auf, dass es hier weniger um einen
simplen Eifersuchtsfall geht, sondern mehr um eine vielschichtige
Schatzjagd mit einer mysteriösen Falken-Statuette in ihrem
Zentrum, hinter der so ziemlich jeder her zu sein scheint ....
"Die Spur des Falken" eilt der Ruf voraus, der beste
Detektivfilm aller Zeiten zu sein. Darüber kann man spätestens
seit "L.A. Confidential"
streiten, jedoch wird "Die Spur des Falken" im Gegensatz
zu anderen, etwas angestaubten Klassikern seinem legendären
Ruf nach wie vor gerecht. Der Krimi basiert auf Dashiell Hammetts
berühmter Buchvorlage, welche zuvor schon in den 30iger Jahren
zweimal verfilmt wurde. Doch während man sich an die ersten
beiden Filme kaum noch erinnert, wird "Die Spur des Falken"
noch heut gerne herbeizitiert, wenn es um gute Detektivfilme geht.
Für die Rolle des kühl berechnenden und zynischen Detektivs
Sam Spade war anfangs der damalige Star George Raft vorgesehen,
doch er lehnte es ab mit einem jungen und unerfahrenen Regisseur
zusammenzuarbeiten, wodurch Hustons Freund und geheimer Favorit
Humphrey Bogart in die Hauptrolle schlüpfte. Der Part des Sam
Spade verhalf Bogey zur lang ersehnten Berühmtheit und begründete
den Detektiv-Archetyp des Film Noir, den Bogart mit dieser und anderen
markanten Vorstellungen wie in "Tote schlafen fest" prägte
wie kein anderer Darsteller seiner Tage. Tatsächlich gilt "Die
Spur des Falken" als historischer Startpunkt von Hollywoods
"Schwarzer Serie", die das Kino der 40er und frühen
50er Jahre dominierte, und ihren Anfang mit eben solchen Verfilmungen
der urbanen Halbwelt-Detektivgeschichten von Autoren wie Dashiell
Hammett oder Raymond Chandler nahm.
Bemerkenswert
an "Die Spur des Falken" ist vieles, insbesondere allerdings
die Darstellerleistungen. Ist die Rollenbesetzung immer wichtig,
so scheint ihr doch vor allem im Kriminalfilm-Genre eine noch höhere
Bedeutung zuzukommen, liegt es doch auch an der Fähigkeit der
Darsteller, durch ihre nuanciertes Spiel das Publikum gespannt zu
halten und weiter Rätsel raten zu lassen über die tatsächlichen
Beweggründe ihrer Charaktere (die großen Krimi-Meisterwerke
der Neuzeit wie "L.A. Confidential" und "Mystic
River" bezogen auch maßgeblich hieraus ihre Stärke).
Perfekt gewählt sind die Darsteller auch in diesem Fall und
füllen ihre Charaktere tadellos aus, wobei sie fast allesamt
eine ungeheure Leinwandpräsenz entwickeln. So interpretiert
Humphrey Bogart seine Rolle hervorragend und wurde durch diese Performance
zurecht zum Star. Gekonnt vermittelt er den undurchsichtigen Zyniker,
einen nüchtern denkenden Mann mit Prinzipien, der die Parteien
gegeneinander ausspielt, nur um seine eigene Haut zu bewahren und
dabei doch sympathisch wirkt. Daneben wirkt Mary Astor anfangs geradezu
unbeholfen und harmlos; ein Eindruck, der sich gegen Ende jedoch
grundlegend revidiert, wenn sie sich als herausragende Vertreterin
der gefährlichsten Art der Femme Fatale entpuppt. Für
zwischenzeitliche Schmunzler sorgt der vor allem mit "Casablanca"
und "M - eine Stadt sucht einen Mörder" berühmt
gewordene Peter Lorre als überadretter und wahrscheinlich schwuler
(zur damaligen Zeit musste man mit derlei Andeutungen im sauberen
Hollywood-Kino noch sehr vorsichtig sein) Gauner Joel Cairo, der
eine besonders erinnerungswürdige Vorstellung abliefert. Sydney
Greenstreet als ebenso hinterhältiger wie charmanter Gangsterboss,
mächtig im Körperumfang und in der Leinwandpräsenz,
und Elisha Cook Jr. als unfähiger, irgendwie bemitleidenswerter
Möchtegern-Killer komplettieren die außergewöhnliche
Besetzung perfekt und tragen mit dazu bei, dass der Film alleine
durch seine Besetzung länger in Erinnerung bleiben wird.
Gute Darsteller allein machen aus einem Film natürlich kein
Meistwerk. Wesentlich mehr Komponenten spielen da mit, wie auch
hier. Den modernen Sehstandards vermag der schon über 60 Jahre
alte Film auch heute noch zu genügen, da sich die Spannung
nicht durch seine Schockmomente oder -effekte definiert, sondern
über eine komplexe, intelligente und sich mit rasanter Geschwindigkeit
entfaltende Story. Neben den markanten und vielschichtigen Charakteren
bietet die Geschichte auch einige überraschende Momente und
Wendungen, und als Zuschauer ist mit angenehm gefordert, um mit
den verworrenen Details auf Schritt zu bleiben.
Es
sind die kleinen Gesten, die Blicke und die Wahl gewisser Worte,
die den Film so spannend und unvorhersehbar machen. In diesem Sinne
ist John Huston ein doppelter Geniestreich gelungen, der neben einer
tadellosen Inszenierung auch eine kongeniale, intelligente Buchumsetzung
in seiner Funktion als Drehbuchautor vorweisen kann. Nicht zuletzt
sind die beiden vorherigen Adaptionen von Hammetts "The Maltese
Falcon" schnell in Vergessenheit geraten, weil sie die Romanvorlage
bis zur Unkenntlichkeit abgeändert hatten.
Der Einfluss von "Die Spur des Falken" als historischer
Startpunkt des Film Noir spiegelt sich auch in der visuellen Gestaltung
wieder, findet man in den urbanen Szenarien von Kameramann Arthur
Edeson doch bereits erste Anlehnungen an den düster-alptraumhaften
Stil des deutschen Expressionismus, der im weiteren Verlauf den
Film Noir dominieren sollte. Die sich immer wieder in den Vordergrund
drängende Musik unterstreicht diese düstere Stimmung hervorragend,
sofern man die englische Version schaut. Denn Obacht, die berühmtberüchtigten
deutschen Synchronstudios haben den Film mit lockerflockigem, variationsarmem
Gedudel versaubeutelt. Das macht die zynisch-düstere Stimmung
zwar ziemlich zunichte, jedoch den Film nicht unbedingt kaputt,
da er auch abzüglich der Musik funktioniert und so mehr wie
eine schwarze Komödie wirkt, was im Grunde auch eine interessante
und gar nicht mal so abwegige Sicht auf die "Spur des Falken"
wäre.
"Die Spur des Falken" bietet alles, was das Herz eines
Krimi- und insbesondere Film Noir-Fans begehrt: einen zynischen
Antihelden, eine etwas andere Femme Fatale, markante Nebencharaktere,
ironische One-Liner, eine rätselhafte Story, einen gesunden
Schuss Nihilismus und eine düstere, dichte Atmosphäre.
Entstanden als B-Movie, gereift zum maßstabsetzenden Klassiker,
sollte dieser Film auch heute noch zum Pflichtprogramm eines jeden
Hobbydetektivs und Hollywood-Liebhabers gehören.
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