Wie in der Welt-, so kommen auch
in der Filmgeschichte Revolutionen meistens dann, wenn ein Staat (bzw.
seine nationale Filmkultur) am schwächsten ist und in einer tiefen
Krise steckt. Für die amerikanische Filmindustrie begann ihre
größte Malaise in den 1950er Jahren: Zunächst machte
das sich immer weiter verbreitende Fernsehen den Lichtspielhäusern
die Zuschauer abspenstig, dann wurde schließlich von einem Anti-Trust-Urteil
des Verfassungsgerichts das Studiosystem aufgelöst (bis dahin
hatten die großen Studios ihre Filme selbst produziert, vertrieben,
und in eigenen Kinos aufgeführt - eine "vertikale Integration"
aller Aspekte der Filmvermarktung unter einem mächtigen Dach).
Hatte
die amerikanische Filmindustrie in ihrer Hochzeit in den 30er und
40er Jahren noch über 40 Millionen Menschen pro Woche in die
Kinos gelockt, blieben die meisten Anfang der 60er zuhause. Die geschwächten
Produktionsfirmen verharrten in alten Mustern und hatten dem neuen
"Feind" Fernsehen nur formelle Neuerungen entgegen zu setzen:
Breitbild- und schließlich Cinemascope-Format wurden als Reaktion
aufs Fernsehen entwickelt, um ein größeres visuelles Erlebnis
präsentieren zu können als die Flimmerkiste in 4:3. Inhaltlich
klammerte man sich risikoscheu an Bewährtes, und versuchte letztlich
fast ohnmächtig die Protz- und Glamour-Schraube immer weiter
anzuziehen (was zu spektakulären Hohlgefäßen wie dem
legendären Mega-Flop "Cleopatra" mit Elizabeth Taylor
führte). Das Publikum antwortete mit Desinteresse.
Das System am Ende, die Mächtigen ratlos - die Zeit war reif
für eine Revolution. Sie kam in Gestalt einer Bewegung, die mit
dem nahe liegenden Namen "New Hollywood" in die Filmgeschichte
einging. Ab Ende der 60er Jahre schafften wagemutige Produzenten die
Möglichkeiten für rebellische junge Filmemacher, neues Terrain
zu erkunden, mit den alten Strukturen und Konventionen zu brechen
und dem amerikanischen Kino ein völlig neues Gesicht zu geben.
Regisseure wie Martin Scorsese, Robert Altman, Dennis Hopper, Francis
Ford Coppola, George Lucas und Steven Spielberg zählen zu den
Erneuerern der "New Hollywood"-Bewegung. Sie alle folgten
einem neuen Weg, den vor allem ein Film maßgeblich frei getrampelt
hatte: Arthur Penns "Bonnie und Clyde".
Die
längst legendäre Gangsterballade um das reale Ganoven-Paar
Clyde Barrow (Warren Beatty) und Bonnie Parker (Faye Dunaway), die
in den 30er Jahren zusammen mit Clydes Bruder Buck (Gene Hackman),
dessen Frau Blanche (Estelle Parsons) und dem Automechaniker C.W.
Moss (Michael J. Pollard) als "Barrow Gang" den von der
großen Depression geschüttelten Südwesten der USA
unsicher machten, ließ in Penns Leinwand-Fassung schon mit
ihrer Erzählung die Sicherheit des Altbekannten hinter sich:
Der Regisseur entwickelte aus den faktischen Vorgaben (Herkunft,
"Karriere" und Ende von Bonnie und Clyde) eine freie Interpretation
des Gangster-Pärchens, die gar kein Interesse daran hat, ein
realgetreues Abbild der echten Ganoven zu schaffen. Sein enormer
Erfolg und Einfluss lässt sich auch daran absehen, dass das
populäre, romantisierte Image von Bonnie und Clyde (kongenial
in der Werbezeile des Films zusammengefasst: "Live hard. Die
young. Love eternally.") direkt zu diesem Film zurückverfolgt
werden kann.
Romantisierung des Gangsterlebens: Auch hier beging Penn einen filmhistorischen
Tabubruch. Die ambivalenten, tragischen Titelhelden sind Räuber
und Mörder, und trotzdem die Sympathieträger in diesem
Film, dessen wahre Schurken ein zusammengebrochenes Wirtschaftssystem
und hinterhältige Staatsdiener sind. Bonnie und Clyde folgen
einer gänzlich naiven Sehnsucht nach Aufregung und Abenteuer,
einem Weg raus aus ihrem perspektivlosen Kleinstadtleben ("If
you come with me, you won't have a minute's peace" warnt Clyde
seine Bonnie zu Beginn. Ihre Antwort: "You promise?").
Ihre Serie von Raubüberfällen auf Tankstellen und Banken
beginnt mit einer spontanen Mutprobe, und wird von den beiden auch
im Folgenden eher wie ein "Trau dich doch"-Spiel betrieben
- bis sie zum ersten Mal jemanden erschießen.
Und schon kommt der nächste Bruch mit den alten Konventionen.
Gemeinsam mit den Western von Sam Peckinpah
revolutionierte Penn die Darstellung von Gewalt im amerikanischen
Kino: Frontal, direkt, blutig, teilweise sogar ästhetisiert
("Bonnie und Clyde" gilt als der erste Film, der Gewalthandlungen
in Zeitlupe zeigte). Seinem ersten Opfer schießt Clyde durch
eine Autoscheibe direkt ins Gesicht. Für das damalige Kinopublikum
ein unerhörter Schock.
Und es blieb nicht der einzige: "Sex & Crime" bilden
auch hier ein untrennbares Paar. Von Beginn an, wenn Bonnie erregt
über Clydes Pistole streichelt, durchzieht "Bonnie und
Clyde" eine prägnante sexuelle Metaphorik. Raubüberfälle
werden zum Vorspiel, dem der Höhepunkt versagt bleibt: Clyde
ist impotent (eine nie direkt ausgesprochene, aber offensichtliche
Tatsache). Während
Bonnie von Aufregung und Abenteuer genug "angeturnt" wird,
kann sich Clyde erst dann von seinen psychischen Komplexen befreien,
als er die Gewissheit hat, berühmt geworden zu sein - und damit
einem bedeutungslosen Leben entkommen ist. Dass Bonnie und Clyde
tatsächlich für einen kleinen Moment ihr Glück (auch
sexuell) finden, wird nur minimal angedeutet. Kurz danach stirbt
das Paar in einem wiederum beispiellos blutigen Kugelhagel der Polizei
- mit wilden Zuckungen, die manche Leute schon als orgiastisch bezeichnet
haben.
Zur inhaltlichen Revolution gesellte sich bei "Bonnie und
Clyde" auch eine stilistische: Mi tiefen Zoom-Effekten, visuellen
Filtern und Jump Cuts setzte sich der Film über die Bildsprache
des klassischen amerikanischen Kinos hinweg, die mit klaren Anschlüssen,
einem "unsichtbaren" Schnitt und stringenter perspektivischer
Logik immer versucht hatte, dem Zuschauer möglichst gar nicht
aufzufallen. Die Regisseure des "New Hollywood" begannen,
offensiv mit den Möglichkeiten der Bildgestaltung und der modernen
Kameratechnik zu experimentieren, und verliehen damit dem amerikanischen
Kino eine völlig neue Dynamik und psychologische Tiefe.
Zu seiner Zeit ein ungeheures Wagnis, wäre "Bonnie und
Clyde" beinahe an den alten Strukturen gescheitert, die er
aufzubrechen versuchte. Hauptdarsteller Warren Beatty nahm als Produzent
große Risiken auf, um den Film überhaupt herausbringen
zu können, und die alteingesessenen amerikanischen Kritiker
verrissen "Bonnie und Clyde" zunächst. Bis sich die
parallel zum "New Hollywood" entwickelnde Avantgarde der
US-Filmkritiker (angeführt von der "New Yorker"-Autorin
Pauline Kael) zu Wort meldete und den Film zum Meisterwerk erklärte.
Und schließlich stimmte auch das Kinovolk mit seinen Füßen
zugunsten von "Bonnie und Clyde" ab - der Film wurde ein
gigantischer Triumph. Warren Beatty und Arthur Penn hatten bewiesen,
dass man alle Gesetze brechen und trotzdem davon kommen kann. Im
Gegensatz zu "Bonnie und Clyde", deren Aufbegehren gegen
das System scheiterte, entzündeten Beatty und Penn eine Revolution,
die Hollywood innerhalb des nächsten Jahrzehnts von Grund auf
erneuern sollte.
Angesichts
der historischen Leistung von Penn und den denkwürdigen Vorstellungen
von Beatty, Faye Dunaway, Gene Hackman (die hier jeweils den Grundstein
für ihre Weltkarriere legten) und Michael J. Pollard ist es
geradezu ironisch, dass bei zahlreichen Nominierungen (unter anderem
waren alle fünf Hauptakteure für einen Darstellerpreis
vorgeschlagen) lediglich die Kameraarbeit und Nebendarstellerin
Estelle Parsons mit einem Oscar ausgezeichnet wurden - obwohl man
sich bei Parsons' kolossal hysterischer und nerviger Darstellung
beizeiten einen gesonderten Aus-Knopf für ihre Tonspur wünscht.
Trotz aller bahnbrechenden Neuerungen und filmhistorischen Relevanz
gehört "Bonnie und Clyde" aber vor allem deshalb
zu den größten und bekanntesten Klassikern des Kinos,
weil er auf seine ganz eigene Art eine der tragischsten Liebesgeschichten
aller Zeiten erzählt. Die Geschichte von zwei vom Leben geschlagenen
Adrenalin-Junkies, von zwei naiven Träumern, die der einzigen
möglichen Erfüllung des amerikanischen Traums nachliefen,
die in den Zeiten der großen Depression überhaupt realisierbar
war - einem Leben als berühmte Gesetzesbrecher.
Kriminelle waren die großen Helden der Boulevard-Presse jener
Zeit, Namen wie Ma Baker oder John Dillinger sind bis heute legendär.
Bonnie und Clyde waren - zumindest in der Interpretation von Arthur
Penn - keine "richtigen" Gangster. Sie waren fasziniert
von den toughen Sprüchen und Posen, vom Leben am Limit und
auf der Überholspur, geblendet von einer medialen Image-Inszenierung,
wie ihr auch heute alle verfallen, die oberharte Rap-"Gangster"
bewundern (bezeichnenderweise stammt der aktuell letzte Pop-Song
mit dem Titel "Bonnie & Clyde" vom HipHop-Superstar-Paar
Jay-Z und Beyoncé Knowles). Sie wollten das Mehr in ihrem
Leben, in einer Zeit, in der man sich das Mehr stehlen musste, weil
es nicht genug davon gab, und man dafür mit dem Leben bezahlte.
Vor allem deshalb sind Bonnie und Clyde die ultimativen Popkultur-Ikonen
der romantischen Rebellion, der Liebe, die sich durch nichts aufhalten
lässt: Abgesehen von Romeo und Julia gibt es wohl kein Paar,
das derart denkwürdig für- und miteinander in den Tod
gegangen ist. Live hard. Die young. Love eternally.
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