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Filmszene-Special: Interview mit "The Visit"-Regisseur M. Night Shyamalan

night 0Eine Karriere als Achterbahnfahrt – im Gespräch mit M.Night Shyamalan.

Er hat ohne Zweifel eine der bemerkenswertesten Hollywood-Karrieren der letzten Jahre hingelegt, wenn auch ganz sicher keine gradlinige. Etwas mehr als fünfzehn Jahre ist es nun bereits her, dass der indisch-stämmige Filmemacher M. Night Shyamalan mit dem Paukenschlag „The Sixth Sense“ auf der Bühne erschien. Damals entwickelte sich der eigentlich eher kleine Psycho-Thriller zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten und das Publikum zeigte sich verblüfft über die Art der Inszenierung und auch die Auflösung der Geschichte vom Jungen, der tote Menschen sieht. Die handwerkliche Qualität konnte Shymalan zunächst halten, doch machte sich auch eine gewisse Ermüdung hinsichtlich des von ihm gern verwendeten radikalen Wendepunkts am Ende der Handlung seiner Filme breit, denn bei „Unbreakable“ und vor allem „The Village“ ahnte man irgendwann schon von vornherein, das man dem Gezeigten nicht ganz trauen sollte und da sicher noch irgendetwas kommt. Etwas anders geartet war sein kommerziell zweiterfolgreichster Film „Signs – Zeichen“, der allerdings auch nicht nur zufriedene Gesichter zurück ließ als diese erkennen mussten, dass die etwas abgehobene Mär von der außerirdischen Kontaktaufnahme ziemlich ernst gemeint war.  Noch kruder, wenn auch sehr phantasievoll wurde es dann mit „Das Mädchen aus dem Wasser“, dem ersten echten Misserfolg von Shyamalan, bei dem ihm vor allem die professionelle Filmkritik übel nahm, dass sich der Regisseur (der bereits zuvor in seinen eigenen Filmen kleine Cameo-Auftritte absolvierte, was die gelegentlichen Hitchcock-Vergleiche nur bestärkte) darin selbst als eine Art Erlöser-Figur und Retter der Menschheit besetzte. Dass es über den Film zum Zerwürfnis mit einem der großen Hollywood-Studios (Disney) kam, während ein Anderes (Warner) seine Entscheidung den Film zu übernehmen später bereut haben dürfte, trug ebenfalls dazu bei, dass sich langsam das Bild vom „schwierigen Egomanen“  M. Night Shyamalan in der Öffentlichkeit festsetzte – zumal dieser sich auch nicht scheute immer mal wieder medienwirksam zurück zu keilen und in Richtung der „Bösen“ Studios auszuteilen.

Auch der auf den ersten Blick clevere Schachzug, sich durch Auftragsproduktionen, die vom Stil her nicht so sehr mit dem bisherigen Werk verbunden waren und die auch nicht vorrangig mit dem Namen ihres Regisseurs warben etwas aus der Schusslinie zu nehmen, ging schließlich nach hinten los, was einerseits schlicht auf die mangelhafte Qualität eines Werks wie „Die Legende von Aang“ zurückzuführen ist, beim SF-Familienfilm „After Earth“ jedoch in erster Linie an dem unterschwelligen Mitteilungsbedürfnis von Darsteller und Scientologe Will Smith lag. Der Ruf des Filmemachers M. Night Shyamalan war jedenfalls spätestens jetzt mehr als ramponiert und es stellte sich die Frage, wie es denn da überhaupt noch weitergehen könnte. Dieses Jahr nun taucht er an gleich zwei Fronten wieder auf, zuerst als Mastermind hinter der TV-Serie „Wayward Pines“. Der „Twin Peaks“-Klon wird dabei bisher recht positiv aufgenommen und das gilt - ein wenig überraschend – auch für den neuen Kinofilm den Shyamalan dann auch wieder selbst schrieb und inszenierte, zum ersten Mal seit „The Happening“ aus dem Jahr 2008. Auch kommerziell ist „The Visit“ ein ordentlicher Erfolg, nicht nur im Verhältnis zu den sehr niedrigen Kosten, denn der Filmemacher drehte und finanzierte den Film mit einer Riege unbekannter Darsteller im „Found Footage“ – Stil zunächst vollständig selbst, um ihn anschließend an das in diesem Bereich sehr erfahrene Studio von Blumhouse Productions („Paranormal Activity“, „Sinister“, The Purge“) zu verkaufen, welches ihn wiederum in seinen auf mehrere Jahre angelegten Deal mit dem Major-Studio Universal einbrachte.

m night 1Letzteres Studio ist dann auch der Grund, warum Shymalan für seinen Film nun doch in einer größere Marketing-Kampagne unterwegs ist und ihn somit auch in München vorstellt. Das Interesse daran ist nicht mehr so groß wie es bei ihm einmal war, was aber auch mit daran liegt, dass viele Kollegen sich zum Zeitpunkt der angebotenen Interviews auf der Biennale in Venedig befinden. Dies eröffnet aber erfreulicherweise die Gelegenheit zu einem etwas ausführlicheren Gespräch als es sonst oft möglich ist.  Und schon der erste Eindruck überrascht: Während man noch im Vorraum auf seinen Aufruf wartet, läuft Shymalan, der gerade vom Essen zurück kommt  den Hotelflur entlang und grüßt jeden der dort sitzenden Journalisten freundlich, fragt ob alles in Ordnung sei oder sie noch irgendetwas bräuchten. Das fragt wohlgemerkt kein Hotelpage sondern der „Star“ der Veranstaltung selbst. Und so geht es weiter. Die Begrüßung ist herzlich, die Begeisterung mit der der Mann über seinen neuen Film spricht jederzeit spürbar. Das soll der arrogante Egomane sein, von dem man so Einiges in dieser Richtung gelesen hat?

Wann und wie ich denn „The Visit“ gesehen hätte möchte Shyamalan wissen und ist sichtlich enttäuscht als die Antwort lauter „heute Morgen, in einer Sondervorstellung mit einer Handvoll Kollegen“. „So wirkt er nicht richtig. Du musst mir versprechen, dass Du ihn Dir auch nochmal mit Publikum anschaust. Es ist ja auch zu einem guten Grad eine Komödie, aber die funktioniert umso besser, je größer das Publikum ist“. Als ich einräume, dass ich den Humoraspekt sehr wohl erkannt habe, es in unserer Vorstellung aber in der Tat sehr ruhig war, sieht er sich prompt bestätigt. „Ich war in Vorstellungen, in denen sich die Leute den Arsch abgelacht haben“ erzählt Shyamalan und scheint sich geradezu diebisch darüber zu freuen. Und auf einen weiteren Aspekt ist er ebenfalls stolz: „Viele Leute haben mir erzählt, dass der Film eine längere Nachwirkung auf sie hatte als es sonst bei „Scary Movies“ der Fall ist. Ich glaube, das liegt daran, dass er keinen Score besitzt, keine Filmmusik im üblichen Sinne. Nichts gegen gute Filmmusik, aber ich finde die macht es dem Zuschauer oft viel zu einfach. Sie nimmt ihn nämlich quasi an die Hand und führt durch den Film. Wenn die Musik ansteigt und dramatisch wird, dann weiß man, dass gleich etwas passieren wird. Wenn Sie ruhig und melancholisch wird, dann soll man mit den Figuren mitfühlen. Es wird leider nur noch selten gemacht, aber indem ich ihm die Musik nehme, verlange ich vom Betrachter mehr Aufmerksamkeit, er muss stärker mitmachen denn er weiß nicht schon im Voraus was als Nächstes kommt. Speziell in diesem Film, der nicht immer nur schrecklich sondern eben manchmal auch einfach nur komisch ist – aber so weiß man nie in welche Richtung es gerade geht und ob nun was Schlimmes passiert oder nicht – das ist zumindest meine Theorie, aber ich glaube die funktioniert ganz gut, denn die Sinne sind so einfach wacher .“

night 3 Die Vermutung, dass es doch wohl eine ziemliche Einschränkung sei, nun plötzlich mit deutlich weniger Geld im Rücken arbeiten zu müssen weist Shyamalan von sich. „The Sixth Sense“ wäre auch mit einem 10 Millionen größeren Budget kein besserer Film geworden. Der Film war eher klein, aber die Mittel die wir  hatten haben völlig ausgereicht. Und ich mag das, ich bin nicht der Typ, der nach mehr Geld ruft und fordert „wir brauchen mehr Raumschiffe“.  Ich nehme lieber weniger Raumschiffe, weniger Locations und dafür mehr Sound Effekte oder sonst irgendwas. Ich mag die „Unvollständigkeit“ eines Films, das nicht unbedingt alles im Bild gezeigt werden muss sondern sich auf noch was im Kopf des Zuschauers abspielt“.  Er würde es vermutlich eh nicht zugeben, aber es wirkt einigermaßen glaubhaft wenn der ehemalige Hollywood-Liebling behauptet, dass ihm die Finanzkraft der großen Studios im Rücken nicht wirklich fehlt. Gute Argumente für seine Aussage „ich möchte doch einfach nur Filme machen“ liefern dabei die Erzählungen von seinen Anfängen als jugendlicher Filmemacher. Für seine ersten Werke aus dieser Zeit bescheinigt er sich selbst „dass diese aussahen als hätte ich wirklich Null Talent, da stimmte überhaupt nichts, furchtbare Versuche waren das. Ich hielt mich zwar für wahnsinnig clever als ich mit fünfzehn Jahren und mit der Kamera meines Vaters meinen ersten Horrorfilm im Wald gedreht habe. Ich nannte ihn damals „Freitag. Der 13., Teil 5“ was ich total genial fand,  da mir ja klar war, dass es die Reihe sicher niemals in echt so weit bringen wird, ähem. Das waren ein paar Minuten auf Super 8-Material und dann wurden irgendwann erste Videokameras erschwinglich. Schwere, unhandliche Dinger, aber das war mir egal, man konnte ein Band aufnehmen und im Recorder abspielen, das war großartig. Die Musik kam dann später noch vom parallel laufenden Cassettenrecorder dazu. Ich habe versucht alle möglichen tollen Filme auf diese Art irgendwie nachzumachen und jeder einzelne Versuch war Schrott, glaub mir“.

night 2 Auch die Einschränkung durch den gewählten Dokumentar-Stil bei „The Visit“ stets nur das im Bild zeigen zu können was die im Film verwendete Kamera sieht, sei eigentich keine gewesen meint Shyamalan. „ich fühlte mich dadurch nicht limitiert, nein. Im Gegenteil ich habe es geliebt und muss mich jetzt vermutlich erst wieder daran gewöhnen anders zu arbeiten und wieder mehr „tricksen“ zu können. Hier war die Kamera ja auch der Schauspieler. Ich habe also praktisch in einer Szene drei Leute geführt, den Jungen, den Großvater und den Mann der die Handkamera hält durch die wir alles sehen. Auch der gibt nämlich eine Performance, muss auf eine bestimmte Weise gehen und sich bewegen.  Jede einzelne Bewegung der Kamera war hier eine Performance die so eins zu eins im Film erscheint. Und die ist von entscheidender Bedeutung, denn wenn solche Filme nicht funktionieren, dann deshalb weil ich der Bewegung der Kamera nicht glaube, wenn einfach nur jemand planlos damit rumläuft und schlechte, unpassende Dialoge aufsagt. Wie den Klassiker „wir müssen raus hier, das Gebäude stürzt ein“  und dabei wird immer schön weitergefilmt. Auch in meinem Film kommen wir beim Finale an einen Punkt, wo es einfach nicht mehr glaubwürdig wäre, wenn eine der Figuren weiterhin filmen würde, also mussten wir uns da etwas Anderes einfallen lassen – und an dem Punkt hört es dann auch auf eine Dokumentation zu sein und wird tatsächlich zu „Found Footage.“

Angesprochen auf den religiösen Unterton einiger seiner Filme weist Shyamlan einen tieferen Bezug von sich. „Religion interessiert mich gar nicht besonders, wirklich nicht. Auch in „Das Mädchen aus dem Wasser“ ging es nicht um Religion. Womit ich mich beschäftige ist Spiritualität, also die geistigen Möglichkeiten. Da dann auch für Grenzbereiche, wie das Jenseits oder eventuelle höhere Mächte, aber nicht für Religion im klassischen Sinne. Ich mag es wenn Dinge für etwas Anderes stehen, im metaphorischen Sinne. Wie die Zombies im allerersten „Night oft he Living Dead“ oder auch die „Vögel“ bei Hitchcock. Das finde ich dann faszinierend und gruselig zugleich“. Einen persönlichen Hintergrund könnte man auch bei der Charakterisierung der jungen Hauptfiguren vermuten, die Beide große Schwierigkeiten haben sich selbst so zu akzeptieren wie sie sind. Shyamalan bestätigt diesen Verdacht. „Vorbild dafür waren die Kinder einer meiner besten Freundin, ja. Deren Vater hat sie verlassen und

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Filmszene-Redakteur Volker Robrahn  beim Interview mit M. Night Shyamalan

kümmert sich nicht mehr um sie. Er war eigentlich ein sehr liebevoller Vater, aber von einen auf den anderen Tag ist er abgehauen und das war eine sehr traumatische Erfahrung für die Drei. Sie fühlten sich lange wertlos und auch wenn sie heute sagen „mir geht es gut damit“, dann weiß ich doch, nein, es geht ihnen nicht wirklich gut. Aber sie kommen trotzdem alle zur Premiere in New York.“

Wo er an diesem Punkt in seiner Karriere steht, darüber mag sich M. Night Shyamalan dagegen nicht allzu viele Gedanken machen. „Ich habe nicht das Gefühl noch besonderen Erwartungen entsprechen zu müssen. Ich möchte die Leute aber gerne ab und zu überraschen. Indem ich zum Beispiel jetzt auch einfach mal eine Fernsehserie mache, ohne dass ich deshalb darin meine Zukunft sehe. Ich denke schon, dass ich auch weiterhin die Art Filme machen kann die mich reizt und das in relativer Unabhängigkeit. Damit bin ich sehr zufrieden.“ Inwieweit die Abkehr von den größeren Hollywood-Produktionen nun tatsächlich freiwillig oder doch etwas gezwungen wird sich nicht definitiv ergründen lassen in unserem Gespräch, dass damit auch zu Ende geht. Fest steht jedoch, dass wir ihn an diesem Tag nicht getroffen haben, den vermeintlich so selbstverliebten und schwierigen Filmemacher. Wer uns begegnet ist war dagegen ein unglaublich freundlicher und fröhlicher Mann, der für das was er beruflich macht definitiv immer noch brennt.

 

 

Volker Robrahn

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