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Filmszene-Special: Interview mit Synchronsprecherin Conchita Wurst

conchita 02014 war ganz sicher DAS Jahr im Leben von Tom Neuwirth und vor allem das der von ihm geschaffenen und verkörperten Figur „Conchita Wurst“. Nach dem überraschenden Gewinn des Eurovision Song Contest folgten sowohl begeisterte, als auch kontroverse Reaktionen aus zahlreichen europäischen Ländern. Aufgrund ihres engagierten Eintretens für Toleranz und Minderheiten durfte die bärtige Dame schließlich sogar vor dem Europäischen Parlament auftreten und traf sich auch noch mit dem Generalsekretär der Vereinten Nationen. Weit weniger politisch, aber dafür umso unterhaltsamer gerät nun ihr erster Auftritt als Synchronsprecherin in „Die Pinguine aus Madagascar“. Darüber sprach Frau Wurst mit Filmszene bei der Vorstellung des Films in Berlin.

 

Filmszene: Conchita, diese Schneeeule Eva ist Ihnen sehr schön gelungen, wie ich finde. Leider ist die Rolle nicht besonders groß, ich hätte gerne mehr davon gehört.

Conchita Wurst: Ich auch, das können Sie mir glauben! Mir ist irgendwann auch aufgefallen, dass die Eva tatsächlich recht wenig spricht. Was nicht unbedingt daran liegt, dass sie eine kleine Rolle hat sondern daran, dass sie selbst in den Situationen in denen alles drunter und drüber geht einfach wahnsinnig cool bleibt und sich die Lage meist einfach nur anschaut. Und ich wäre gern so cool wie sie  - denn in gewissen Momenten ist es einfach besser mal den Mund zu halten und abzuwarten.

conchita 1Wie kamen Sie denn überhaupt zu dieser Rolle?

Da gab es eine Anfrage an mein Büro und als mein Manager mir das dann mitteilte, rief ich spontan aus „Ja, machen wir“. Woraufhin er nachhakte, ob ich denn nicht erst einmal wissen möchte worum es überhaupt geht? „Ach so, ja natürlich“ war dann meine Antwort, aber ich war halt deswegen gleich so euphorisch, weil ich so etwas schon immer mal machen wollte. Es gibt ja so gewisse Dinge auf der „To Do“-Liste des Lebens, die man gerne abhaken möchte und einmal Synchronsprecher zu sein gehörte bei mir halt dazu.  Ich finde das total spannend und kann dabei dazulernen, vor allem in Sachen Sprachfehlern von denen man glaubt man hätte sie gar nicht. In diesem Fall kam dann als besonderer Reiz noch der russische Akzent dazu - und ich habe gelernt, dass es eben doch einen Riesenunterschied macht einen Akzent nur zu imitieren oder ihn glaubhaft zu sprechen.

Spielten bei dieser „Wunscherfüllung“ vielleicht auch Kindheitserinnerungen eine Rolle?

Auf jeden Fall, denn – Meine Güte, ich sage das so jetzt glaube ich zum ersten Mal – „als ich noch jung war“, da gab es ja diese Art von computeranimierten Filmen noch gar nicht. Da war ich aber immer ein ganz großer Fan von Arielle, der kleinen Meerjungfrau.  Das war eine wahnsinnig schöne Geschichte und ich habe besonders die Stimme der Meerhexe geliebt. Auch dadurch ist mir später klar geworden, wie viel so eine Stimme ausmacht und deshalb war es für mich dann so spannend das selbst mal zu machen. Wobei ich mich grundsätzlich wohl eher zu den Bösewichtern hingezogen fühle, die sind meist am Interessantesten.

conchita 2Der Eurovision Song Contest, die Ausflüge in die Politik und jetzt in die Filmwelt – das ist schon ein ziemlich bunter Mix. Was davon ist Ihnen am Wichtigsten und worauf konzentrieren Sie sich als Nächstes?

Das ist schwer zu beantworten, denn ich mache prinzipiell halt alles was mir Spaß macht. Ich verfolge dabei kein großes Konzept, ich mache gerne lustige oder frivole Dinge, führe aber andererseits auch gerne ein Vier-Augen-Gespräch mit Herrn Ban Ki-moon. Ich mag diese Vielfältigkeit aber Menschen tendieren leider gerne dazu einen in eine bestimmte Kategorie einzusortieren. Sicherlich passe ich „gesellschaftlich“ auch in eine bestimmte Kategorie, aber insgesamt betrachtet reicht eine Schublade für mich dann doch nicht aus. Was als Nächstes kommt kann ich daher auch gar nicht genau sagen, aber eines ist natürlich klar: Jemand man muss noch das Conchita Wurst-Album aufnehmen und gut, dann mach ich das eben.

Hat sich die Trennung, die Kluft  zwischen der Kunstfigur Conchita Wurst und der Privatperson Tom Neuwirth seit dem Eintreten des großen Erfolges verändert?

Ja, die Trennung ist seitdem interessanterweise viel klarer geworden. Einfach weil die Termine viel mehr wurden, nehme ich jetzt viel bewusster meine Perücke ab, wenn ich abends nach Hause komme. Frau Wurst geht auch kaum noch mit ihren Freunden in die Bars, denn dort erregen wir Aufsehen und meine Begleiter fühlen sich für mich verantwortlich. Das empfinde ich dann  als „Arbeit“ und kann ich nicht genießen. Daher gibt es mittlerweile eine deutlich schärfere Trennung zum Privaten, ja. Aber nehmen wir nicht alle nach einem langen Arbeitstag abends unsere Perücke ab?

Aber bei Ihnen  bleibt dafür der Bart auch abends noch dran.  

Ja, denn der ist wiederum essentiell um als Conchita Wurst Aufmerksamkeit und zumindest irgendeine Art von Reaktion der Leute zu provozieren. Und abgesehen davon, finde ich mein Gesicht mit Bart auch einfach viel schöner.

Beim Gedanken an die rund 300 Millionen Zuschauer des Eurovision Song Contest drängt sich einem zwangsläufig eine etwas abgegriffene Frage auf. Die lautet: „Was macht das mit Einem?

An den Moment selbst kann ich mich nicht erinnern.  Es klingt sicher merkwürdig, aber ich habe aus mir selbst heraus keine Erinnerung mehr an diesen Moment, weder an den Auftritt noch an den Moment des Sieges. Ich weiß wie es in der Halle und im Publikum aussah, aber nur weil ich dort ja vorher zigmal geprobt und gestanden habe. Der Moment an sich aber – ich habe keine Ahnung was ich gefühlt habe, ich sehe mir das auf Video ab und zu an und bin dann selbst überrascht und verwirrt.  Aber eines war in dem Moment auf jeden Fall da: Das Gefühl unglaublicher Freude.

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Conchita Wurst beim Interview mit Filmszene-Redakteur  Volker Robrahn

Ist seitdem mittlerweile etwas Ruhe eingekehrt oder reisen Sie aufgrund der vielen Anfragen nach wie vor durch den ganzen Kontinent? Und soll denn überhaupt mal Ruhe einkehren?

Doch, Ich reise nach wie vor sehr viel, die Anfragen sind da und dafür bin ich auch sehr dankbar. Denn in dieser Branche hat man ja keine Garantie, dass es so bleibt. Man kann einen Oscar gewinnen und bekommt vielleicht trotzdem nie wieder eine ähnlich tolle Rolle angeboten.  Das Showbusiness ist hart und deswegen arbeite ich kontinuierlich, ruhe mich nicht aus und überlege sehr genau welche Botschaft ich als Nächstes setzen möchte. Vor allem musikalisch, denn ich bin eigentlich schon gekommen um zu bleiben und nicht nur die Attraktion der Woche zu sein. Der Song Contest war natürlich der bisherige Höhepunkt meiner Karriere- er soll aber nicht der Einzige bleiben. Aus meiner Sicht war das nur der erste Schritt, der Türöffner für das was ich erreichen möchte und daraus ziehe ich meine Motivation.

Volker Robrahn

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