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Vorsicht Sehnsucht

Vorsicht Sehnsucht
drama , frankreich 2009
original
les herbes folles
regie
alain resnais
drehbuch
alex reval, laurent herbiet
cast
andre dussolier,
sabine azema,
matthieu almaric,
emmanuelle devos,
anne cosigny, u.a.
spielzeit
104 Minuten
kinostart
22. April 2010
homepage
http://www.lesherbesfolles-lefilm.com
bewertung

8 von 10 Augen

 

Große Meisterregisseure lassen sich gut in zwei Kategorien einteilen (nicht, dass sie das selber wollen würden). Die einen bleiben aktiv bis sie den Eindruck haben, alles gesagt zu haben, was sie sagen wollten. Dann hören sie auf zu drehen. So haben es unter anderem Ingmar Bergman, Krzystof Kieslowski oder auch Michelangelo Antonioni gemacht. Die andere Gruppe filmt und filmt, so lange ihre Lebensenergie reicht. So hielt es der gerade erst verstorbene Eric Rohmer, oder auch Jean Luc Godard und natürlich auch der bereits 102-jährige Portugiese Manoel De Oliveira, dessen neuster Film gerade erst nach Cannes eingeladen worden ist. Zur letzteren Gruppe gehört sicherlich auch Alain Resnais, dessen letztes Alterswerk "Herzen" bei uns eher auf wenig Gegenliebe stieß. Vielleicht deshalb, weil kitschige Schneeblenden und klebrige Chansons irgendwie von Vorgestern sind. Umso erfreulicher ist es zu sehen, dass Resnais' neuster Film "Vorsicht Sehnsucht" vor jugendlicher Experimentierlust geradezu nur so sprudelt.

Das fängt schon damit an, dass man sich hier sehr schwer tut überhaupt eine besondere Geschichte herauszufiltern. Der Film beginnt mit einer gestohlenen Handtasche inklusive Brieftasche und führt zwei Menschen zusammen, die irgendwie nicht zusammen gehören. Das beklaute Opfer heißt Marguerite (ohne Worte: Sabine Azema). Der andere heißt Georges (einfach nur göttlich: Andre Dussolier), ist Pensionär und findet die Brieftasche. Als wohl erzogener älterer Herr mit zu viel Freizeit sieht er es als seine Pflicht an, die Brieftasche ihrer rechtmäßigen Besitzerin persönlich zurück zu geben. Doch irgendwie packt diesen Mann - wie aus dem nichts - die komplette Wut, als Marguerite sich nicht großartig bedankt, sondern einen förmlichen Telefonanruf als genügend erachtet.

An dieser Stelle muss auch schon die rudimentäre Inhaltsangabe enden, denn so könnte man ohne Weiteres den ganzen Film erzählen. Man muss "Vorsicht Sehnsucht" sehen, um diese eleganten Tempowechsel zu erleben. Renais springt von romantischer Komödie zum Thriller und wieder zurück. Dann stellt er eine unfassbare Leichtigkeit unter Beweis, in dem er einige der lustigsten Slapstickszenen seiner Karriere dreht. Im Mittelpunkt steht da ein trotteliger Polizist, verkörpert von Mathieu Almaric. Der Film springt ohne Rücksicht auf irgendwelche Konventionen oder Genreregeln wild herum, entwirft dabei betörende Gefühlspanoramen, die im leicht verwischten Neonlicht erstrahlen. Man muss, wenn man dieses ungewöhnliche Werk genießen möchte, von Anfang an loslassen. Man sollte nicht versuchen bekannte Kinomuster in das Leinwandgeschehen hineinzuprojizieren - Renais macht sowieso was anderes. Die gewohnten Halteseile wirken bei einem Film wie "Vorsicht Sehnsucht" nicht mehr. Das kann man sehr doof finden, aber es kann auch große Freude bereiten, diesem 88 Jahre alten Mann dabei zu zusehen, wie er mit reinen Kinomitteln Phantasie und Freiheit definiert. Hier ist alles möglich.

Mit sichtlichem Spaß operieren auch die Darsteller, die in jedem Moment dieses Geschichtenmosaiks - das aber immer den Anschein einer Ganzheit erweckt - immer glaubhaft bleiben. Andre Dussolier dabei zu zusehen, wie er im inneren Monolog ständig zwischen Wahn und Verzweiflung, Lust und Lustlosigkeit pendelt, gehört zu den aufregendsten Erlebnissen dieses Films. Bei so vielen narrativen Loopings versucht man dann doch irgendwann - vor allem am Ende - einen Schlüssel zu diesem wild wucherndem Werk zu finden. Vielleicht steckt er ja in der schönsten Dialogzeile des Films. Als George aus dem Kino kommt und mit Marguerite die einsame Straße entlang schlendert, sagt er zu ihr: "After the cinema, nothing surprises you. Everything is possible." Resnais kennt diese magische Fähigkeit des Kinos, alles möglich zu machen, ganz genau, und zum Glück setzt er sie auch mit 88 immer noch so gekonnt in großartige Bilder um.

Patrick Wellinski

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