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Vor ihren Augen

Vor ihren Augen
thriller , usa 2016
original
the secret in their eyes
regie
billy ray
drehbuch
billy ray
cast
chiwetel ejiofor,
julia roberts,
nicole kidman,
alfred molina,
michael kelly, u.a.
spielzeit
111 Minuten
kinostart
9. Juni 2016
homepage
http://upig.de/micro/vor-ihren-augen
bewertung

4 von 10 Augen

vor augen 1Als Ray Kasten (Chiwetel Ejiofor) eines Tages das Büro der Staatsanwältin Claire Sloan (Nicole Kidman) aufsucht, löst er damit bei ihr und auch ihrer Mitarbeiterin Jess Cobb (Julia Roberts) die Erinnerung an 13 Jahre zurückliegende Ereignisse aus. Damals hatten alle Drei in einem Mordfall ermittelt, dem ausgerechnet Jess jugendliche Tochter zum Opfer gefallen war. Obwohl es recht schnell gelang einen stark tatverdächtigen jungen Mann zu ermitteln, wurde dieser schließlich auf Anordnung „von Oben“ wieder frei gelassen, gehörte er doch als verdeckter Ermittler zu den wichtigen Informanten einer Anti-Terroreinheit, die in Folge der Ereignisse vom 11. September 2001 ins Leben gerufen wurde. Unfähig mit diesem Zustand abzuschließen, hatte sich Ray solange in die Details des Falles verbissen, bis er den aktuellen Aufenthaltsort des vermeintlichen Mörders ausgemacht hat. Gemeinsam mit Claire und Jess will er nun den Fall noch einmal neu aufrollen – doch vor allem die depressiv-antriebslose Jess vermag darin nur wenig Sinn zu erkennen.
 

vor augen 2Wem diese Handlung sehr vertraut vorkommt, der hat ihn vermutlich im Laufe der letzten Jahre gesehen, den überraschenden Oscar-Gewinner für den besten fremdsprachigen Film des Jahres 2009. Der argentinische Thriller „In ihren Augen“ gewann damals gegen „Das weiße Band“ von Michael Haneke, und was damals viele zunächst verwunderte, erwies sich nach dem Betrachten des Films dann als nachvollziehbare Entscheidung. Mit starken Charakteren, einer subtilen Inszenierung und einem kritischen Blick auf die Folgen der argentinischen Militärdiktatur gelang Regisseur Juan José Campanella ein herausragendes Werk.

Nach einer langen Entwicklungsphase, während der die ursprünglich vorgesehene Beteiligung Campanellas immer weiter zurückgefahren wurde, liegt nun doch noch das amerikanische Remake des Films vor. Von den Namen her erstklassig besetzt, sollte man mit dieser bereits bewährten Story dann auch einen aufsehenerregenden Thriller der A-Klasse erwarten. Oder vielleicht auch nicht, denn schließlich ist die Geschichte der Hollywood-Remakes von fremdsprachigen Filmen schon seit langem und immer wieder eine voller Enttäuschungen.

vor augen 3Bemerkenswert ist in diesem Fall aber schon, woran dieser Versuch scheitert. Es sind nicht die Änderungen innerhalb der Handlung, nicht die Verlagerung des Hintergrundes von der argentinischen Militär-Junta zu einer Anti-Terroreinheit nach 9/11. Auch das die Jahresabstände zwischen den Handlungsebenen hier nun andere sind wäre theoretisch sogar eher ein Vorteil, weil dadurch weniger Zeit zum „Heilen der Wunden“ blieb und so die Emotionen noch stärker sein dürften. Das alles könnte durchaus funktionieren, wenn nicht die Umsetzung unter der Hand des bisher vor allem als Drehbuchautor („Die Tribute von Panem“, „Captain Phillips“) aktiven Billy Ray so erschreckend lustlos und zudem auch noch handwerklich mangelhaft geraten wäre.

Da gelingt es nicht die beiden zeitlichen Ebenen so klar voneinander zu trennen, um Verwirrung, in welchem Abschnitt man sich gerade befindet, zu vermeiden. Weil man sich halt schon bei der Kleidung und der Maske der Darsteller kaum Mühe gegeben hat für entsprechende Unterschiede zu sorgen. Und dann wird auch der Schnitt immer mal wieder so willkürlich und unpassend gesetzt, dass man die nächsten 30 Sekunden damit verbringen darf das Geschehen richtig einzuordnen.

vor augen 4Die im Originalfilm mit herausragender Kameraarbeit eingefangene Tätersuche in einem Fußballstadion wird hier zwar in Baseball-Umgebung wiederholt, kann aber wesentlich weniger beeindrucken und kommt so uninspiriert daher, dass man sie nicht einmal erwähnen müsste, es sei denn eben als kläglichen Abklatsch der Vorlage. Dazu gesellen sich dann noch Darsteller, die hier entweder deutlich schwächere Leistungen abliefern als gewohnt, was auf jeden Fall für Chiwetel Ejiofor („12 Years a Slave“) gilt, der seinen Ermittler meist völlig überzogen anlegt, oder aber von vornherein komplett fehlbesetzt sind, wie Nicole Kidman in der Rolle der Staatsanwältin. Zu keinem Zeitpunkt gelingt es Kidman, ihrer angeblich so autoritären und charismatischen Figur irgendeine Art von Glaubwürdigkeit zu verleihen, stattdessen meint man „in ihren Augen“ stets die unausgesprochene Frage zu sehen, was sie eigentlich in dieser Umgebung (und in diesem Film) zu suchen hat. Fairerweise muss hier aber auch erwähnt werden, dass immerhin Julia Roberts als gebeutelte Mutter eine starke und überzeugende (und außerdem komplett Make-Up lose) Leistung abliefert.

Da stimmt und passt nicht viel und man muss sich schon sehr wundern. Dass es einem oft glattgebügelten US-Remake nur selten (als positives Beispiel sei hier „The Departed“ angeführt) gelingt den Geist oder die Wucht eines Originals einzufangen, sind wir ja nun gewohnt. Dass der Versuch aber schon auf der handwerklichen Ebene scheitert ist dann aber sogar fast schon wieder ein Alleinstellungsmerkmal. Wer das Original nicht kennt wird hier zwar immer noch mit einer starken Geschichte inklusive verblüffender Auflösung belohnt, aber angesichts aller sonstigen Minus-Faktoren gibt es wirklich keinen Grund sich für diese enttäuschende Version zu entscheiden.

Volker Robrahn

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