Steven
Soderbergh ("Erin Brockovich",
"Ocean's Eleven") ist längst
ein etablierter und seit "Traffic"
auch Oscar-dekorierter Hollywood-Regisseur. Würde er sein Regiedebüt
"Sex, Lügen und Video" (1989) noch einmal drehen,
sähe es laut Soderbergh seinem neuesten Werk "Voll Frontal",
sehr ähnlich. Und genau diesen Anschein erweckt "Voll
Frontal", der wie ein Independent-Film daher kommt. Soderbergh
scheint sich hier den Wunsch einer nostalgischen Reise zurück
zu den Anfängen eines Jungregisseurs zu erfüllen, dem
kaum Geld, aber jede Menge unkonventionelle Ideen zur Verfügung
stehen. Die künstlerische Freiheit, letztere umzusetzen, kann
sich Soderbergh im Kommerzorientierten Hollywood erst als etablierter
Regisseur leisten. Oder er konnte - ketzerisch gedacht - damals
noch nicht bei seinen dänischen Kollegen abgucken. Bei denen
heißt das, was Soderbergh in "Voll Frontal" erfolglos
versucht, nämlich Dogma, wurde einige Jahre nach "Sex,
Lügen und Video" entwickelt und ist seinerseits längst
etabliert.
"Voll Frontal" wurde innerhalb von 18 Tagen vorwiegend
in digitaler Videotechnik abgedreht. Die Darsteller - darunter David
Duchovny und Julia Roberts - wurden von Soderbergh ausdrücklich
zur Improvisation aufgefordert. Vor Drehbeginn erhielt jeder von
ihnen ein Regelwerk von zehn Punkten, das ihnen u.a. einen eigenen
Wohnwagen untersagte, ihnen die alleinige Verantwortung für
Make-up und Garderobe übertrug und den Fahrdienst zum Set abschaffte.
Ob Mega-Diva Julia Roberts sich daran gehalten hat, darf bezweifelt
werden. Die Darsteller sollten jedenfalls so das zentrale Thema
des Films, zwischenmenschliche Beziehungen, so intensiv als möglich
erfahren und so wenig wie möglich agieren.
Angesiedelt
in der Filmbranche verwischen in "Voll frontal" Film und
Realität ohnehin - was u.a. ein Cameo-Auftritt von Brad Pitt
unterstreicht. Im Mittelpunkt stehen sieben Menschen während
eines Zeitraumes von 24 Stunden, die auf verschiedene Weise miteinander
verbunden und alle am Abend zum 40. Geburtstag des erfolgreichen
Produzenten Gus (David Duchovny) eingeladen sind. Lee (Catherine
Keener) ist eine erfolgreiche, aber unzufriedene Karrierefrau, die
sich entschließt, ihren Mann Carl (David Hyde Pierce) zu verlassen
und ihren Frust in demütigenden Kündigungsgesprächen
mit ihren Mitarbeitern ablässt. Carl wird zeitgleich selbst
gefeuert und erwacht erst aus seiner Lethargie, als er seinen Hund
beinahe mit einem Haschkuchen umbringt. Calvin (Blair Underwood)
und Francesca (Julia Roberts) spielen derweil einen erfolgreichen
Schauspieler und eine Reporterin, die sich an einem Filmset treffen.
Lees Schwester Linda (Mary McCormack) arbeitet als Masseuse und
trägt sich mit dem Gedanken, nach Tucson zu fliegen, um dort
eine ihr völlig fremde Internet-Bekanntschaft zu treffen. Und
dann ist da noch Hitler (Nicky Katt), Hauptdarsteller des mäßig
erfolgreichen (und ebenso mäßig witzigen Regie-Einfalls)
"The Sound and the Führer".

In ihren verzweifelten Bemühungen, mit anderen Menschen in
eine Beziehung zur treten, bewegen sich die Figuren durch Theater-im-Film
oder Film-im-Film-im-Film oder einfach nur durch die Lobbies von
Luxus Hotels, immer aufs Neue enttäuscht, und realisieren nicht,
dass das, worauf sie warten, vielleicht in genau diesem Moment passiert
ist.
Grobkörnige Aufnahmen und gewollt nachlässig zurechtgemachte
Hollywood-Stars sollen dem Ganzen Authentizität und den leicht
naiven Charme eines Independent-Films verleihen. Überzeugend
ist dieser Versuch in keiner Weise. Erschlagende Symbolik (Lees
Spiel mit der aufblasbaren Weltkugel) und ermüdende Dialoge,
die nach Soderberghs selbst ernannten Regeln jeweils nur von zwei
Charakteren pro Szene geführt werden dürfen, wirken bemüht
und dem Spiel mit dem Film im Film fehlt jegliches satirische Element.
Soderberghs zehntes Gebot an seine Darsteller lautete: "Du
wirst Spaß haben, ob du willst oder nicht". Der Zuschauer,
der ihn gern gehabt hätte, ist leider meilenweit davon entfernt.
Soderberghs krampfiger Naturalismus schafft es, auch schauspielerisch
gelungene Szenen verblassen zu lassen und jegliche Sympathien für
eine der Figuren im Keim zu ersticken. "Voll Frontal"
ist voll daneben.
kleine Werbepause
Voll frontal
Bilder: Copyright


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