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Vatel

Vatel
historisches drama , frankreich 2000
original
vatel
regie
roland joffé
drehbuch
jeanne labrune, tom stoppard
cast
gérard depardieu,
uma thurman,
tim roth,
julian glover, u.a.
spielzeit
100 Minuten
kinostart
31. Mai 2001
homepage
bewertung

6 von 10 Augen

Wie schreiben das Jahr 1671. Ludwig XIV., König von Frankreich von Gottes Gnaden, steht kurz vor dem Krieg gegen die befeindeten Holländer. Der Prinz de Condé, kränklich und hoffnungslos verschuldet, bemüht sich um die Gunst, dem König ein letztes Mal als General im Kampf zu dienen. Alles hängt vom dreitägigen Besuch seiner Majestät auf Condés Schloss Chantilly ab. Der Marquis de Lauzun, Sekretär Ludwig XIV. und Diener seiner Selbst, gibt in einem Schreiben an den Prinzen Anweisungen für den Aufenthalt des Hofstaats und die Ausrichtung der Festlichkeiten: "Der König hat mich angewiesen, Ihnen mitzuteilen, dass er keinen Wirbel wünscht, nur die einfachen Freuden einiger Tage auf dem Lande. In anderen Worten, wenn sie Wert auf die Gunst ihrer Majestät legen, dann werden sie der Extravaganz und der Originalität des festlichen Anlasses keine Grenzen setzen."
Wenn die Festmahle misslingen, die zur Erheiterung des Königs von Condés Haushofmeister François Vatel vorbereitet werden, würde das das Ende der Condés bedeuten: "Einige meiner Diener sind seit sieben Jahren nicht mehr bezahlt worden. Diese Tatsache bringt mich tatsächlich in eine gewisse Verlegenheit." Eine Verlegenheit derer sich Kämmerer Vatel (Gerard Depardieu), umgeben von unbezahlten Gehilfen, Händlern und Schuldnern unlängst bewusst ist. Der König ist zu Besuch und die Herrschaft erwartet prunkvolle Festmahle. Wieder wird Geld vorgestreckt; wieder in der Hoffnung, dass Geld zurückfließt. Für Vatel, einem Mann des Volkes in ehrlichem Respekt seinem Herrn ergeben, steht nun sein Ruf als Meisterkoch auf dem Spiel. Und als wären Zeitdruck und eigener Ehrgeiz nicht schon Problem genug für ihn, schwebt die ständige Bedrohung durch höfische Machtspielchen und Intrigen über seinen Vorbereitungen.
Ausgerechnet im Moment so heikler Verantwortung entsteht ein zartes Band zwischen Vatel und der Hofdame Anne de Montausier (Uma Thurman), die der König selbst als seine nächste Mätresse auserkoren hat. Dem intriganten Kuppler seiner Majestät, Marquis de Lauzun (Tim Roth), bleibt diese Liebe nicht lange verborgen. Zumal der betrügerische Höfling bereits in eigenem Interesse um die schöne Hofdame wirbt...

Die wahre Geschichte des François Vatel mochte unbedeutend sein für den weiteren Lauf der Welt, doch eröffnet uns sein Leben einen beeindruckenden Blick auf eine der exzentrischsten Epochen der Zeitgeschichte.
Für barocke Gesellschaftsverhältnisse ist das Entstehen eines so vielschichtigen Charakters, wie der des Haushofmeisters Vatel, nicht verwunderlich: Geboren und aufgewachsen in tiefer Armut, arbeitet er als der große Organisator üppig-dekadenter Vergnügungen auf fürstlichen Schlössern. Ein Beruf, für den er am Ende mit seinem Leben bezahlt.
Vatel war ein Künstler mit der ewigen Sehnsucht nach dem Absoluten und nach Perfektion. Ein Multitalent, ein Dirigent mit überwältigender Verantwortung. Doch er war auch ein verwirrter, ängstlicher Mann mit einem steten Maß an Müdigkeit und Depression. François Vatels Ableben war das eines Künstlers, eines Romantikers...

Wie man solch schweren historischen Stoff perfekt in Szene setzt, weiß Regisseur Roland Joffé nach zwei sogenannten Kostümfilmen ("The Mission", "Der scharlachrote Buchstabe") sehr genau. Den Kniff, dabei nicht das Spiel seiner Darsteller unter dem Pomp und Prunk zu verschütten, hatte er allerdings nicht so gut drauf. Vatels Zwang nach künstlerischer Perfektion spiegelt sich zwar in jeder Sequenz Joffés berauschender Detailverliebtheit wieder. Doch so faszinierend Vatels Wesen in der Vergangenheit war, so leidenschaftslos erscheinen viele Gefühlsregungen, wenn Gérard Depardieu den Meisterkoch darstellt. Wenn Depardieu in der straff organisierten Küche umher rennt, um glasierte Früchte, Sahnetorten und Pasteten herzurichten, ist er ganz Vatel. Aber in Gegenwart der zarten Uma Thurman verschwindet der Kämpfer und leider auch Gérards mimisches Spiel.
Dagegen scheinen Uma Thurman und Tim Roth geradezu in ihrem Element zu sein: Thurman, ehemalige Gespielin von John Malkovich im Rokokospektakel "Gefährliche Liebschaften", fühlt sich sichtlich wohl bei ihrer Rückkehr ins Historiengenre. Es ist wunderbar mit anzuschauen, wie sie zwischen unschuldiger Koketterie und tiefgründigen Selbstzweifeln wankt, und gleichzeitig versucht Haltung zu bewahren.
Tim Roths Bereitschaftsdienst als der Böse mit IQ und Charisma sieht schon langsam gefährlich eintönig aus in seinem Lebenslauf. Aber verdammt, er macht es einfach wirklich gut. Diese kalten Augen und schlaksigen Gesten sprechen Bände. Mit einer winzigen Bewegung seines kleinen Fingers kann er seine(n) Gegenspieler/ in entweder verführen oder töten. Genial. Jeder für sich ein kleiner Vatel! Auf der Suche nach der eigenen Perfektion. Doch Vatel selbst hat bewiesen, dass niemand wirklich perfekt sein kann...

Wenn jene höfische Dekadenz und der übermäßige Luxus mit brutaler Realität dargestellt wird, streift ein Hauch "Amadeus" über die Zuschauerreihen. Ist Joffé am kompromisslosesten, ist er am besten. Eben das hätte er auch in bezug auf die Länge der deutschen Filmfassung sein sollen - hiesigen Kinobesuchern wird eine um 18 Minuten gekürzte "Vatel"-Version geboten. Ist ja möglich, dass die französische Originalfassung noch mehr der vermissten Gefühle versteckt hält...

Nadja Raweh

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