Wie schreiben das Jahr 1671. Ludwig
XIV., König von Frankreich von Gottes Gnaden, steht kurz vor dem Krieg
gegen die befeindeten Holländer. Der Prinz de Condé, kränklich und
hoffnungslos verschuldet, bemüht sich um die Gunst, dem König ein
letztes Mal als General
im
Kampf zu dienen. Alles hängt vom dreitägigen Besuch seiner Majestät
auf Condés Schloss Chantilly ab. Der Marquis de Lauzun, Sekretär Ludwig
XIV. und Diener seiner Selbst, gibt in einem Schreiben an den Prinzen
Anweisungen für den Aufenthalt des Hofstaats und die Ausrichtung der
Festlichkeiten: "Der König hat mich angewiesen, Ihnen mitzuteilen,
dass er keinen Wirbel wünscht, nur die einfachen Freuden einiger Tage
auf dem Lande. In anderen Worten, wenn sie Wert auf die Gunst ihrer
Majestät legen, dann werden sie der Extravaganz und der Originalität
des festlichen Anlasses keine Grenzen setzen."
Wenn die Festmahle misslingen, die zur Erheiterung des Königs von
Condés Haushofmeister François Vatel vorbereitet werden, würde das
das Ende der Condés bedeuten: "Einige meiner Diener sind seit sieben
Jahren nicht mehr bezahlt worden. Diese Tatsache bringt mich tatsächlich
in eine gewisse Verlegenheit." Eine Verlegenheit derer sich Kämmerer
Vatel (Gerard Depardieu), umgeben von unbezahlten Gehilfen, Händlern
und Schuldnern unlängst
bewusst
ist. Der König ist zu Besuch und die Herrschaft erwartet prunkvolle
Festmahle. Wieder wird Geld vorgestreckt; wieder in der Hoffnung,
dass Geld zurückfließt. Für Vatel, einem Mann des Volkes in ehrlichem
Respekt seinem Herrn ergeben, steht nun sein Ruf als Meisterkoch auf
dem Spiel. Und als wären Zeitdruck und eigener Ehrgeiz nicht schon
Problem genug für ihn, schwebt die ständige Bedrohung durch höfische
Machtspielchen und Intrigen über seinen Vorbereitungen.
Ausgerechnet im Moment so heikler Verantwortung entsteht ein zartes
Band zwischen Vatel und der Hofdame Anne de Montausier (Uma Thurman),
die der König selbst als seine nächste Mätresse auserkoren hat. Dem
intriganten Kuppler seiner Majestät, Marquis de Lauzun (Tim Roth),
bleibt diese Liebe nicht lange verborgen. Zumal der betrügerische
Höfling bereits in eigenem Interesse um die schöne Hofdame wirbt...
Die wahre Geschichte des François Vatel mochte unbedeutend sein für
den weiteren Lauf der Welt, doch eröffnet uns sein Leben einen beeindruckenden
Blick auf eine der exzentrischsten Epochen der Zeitgeschichte.
Für barocke Gesellschaftsverhältnisse ist das Entstehen eines so vielschichtigen
Charakters, wie der des Haushofmeisters Vatel, nicht verwunderlich:
Geboren und aufgewachsen in tiefer
Armut,
arbeitet er als der große Organisator üppig-dekadenter Vergnügungen
auf fürstlichen Schlössern. Ein Beruf, für den er am Ende mit seinem
Leben bezahlt.
Vatel war ein Künstler mit der ewigen Sehnsucht nach dem Absoluten
und nach Perfektion. Ein Multitalent, ein Dirigent mit überwältigender
Verantwortung. Doch er war auch ein verwirrter, ängstlicher Mann mit
einem steten Maß an Müdigkeit und Depression. François Vatels Ableben
war das eines Künstlers, eines Romantikers...
Wie man solch schweren historischen Stoff perfekt in Szene setzt,
weiß Regisseur Roland Joffé nach zwei sogenannten Kostümfilmen ("The
Mission", "Der scharlachrote Buchstabe") sehr genau. Den Kniff, dabei
nicht das Spiel seiner Darsteller unter dem Pomp und Prunk zu verschütten,
hatte er allerdings nicht so gut drauf. Vatels Zwang nach künstlerischer
Perfektion spiegelt sich zwar in jeder Sequenz Joffés berauschender
Detailverliebtheit wieder. Doch so faszinierend Vatels Wesen in der
Vergangenheit war, so leidenschaftslos erscheinen viele Gefühlsregungen,
wenn Gérard Depardieu den Meisterkoch darstellt. Wenn Depardieu in
der straff organisierten Küche umher rennt, um glasierte Früchte,
Sahnetorten und Pasteten herzurichten, ist er ganz Vatel. Aber in
Gegenwart der zarten Uma Thurman verschwindet der Kämpfer und leider
auch Gérards mimisches Spiel.
Dagegen scheinen Uma Thurman und Tim Roth geradezu in ihrem Element
zu sein: Thurman, ehemalige Gespielin von John Malkovich im Rokokospektakel
"Gefährliche Liebschaften", fühlt
sich
sichtlich wohl bei ihrer Rückkehr ins Historiengenre. Es ist wunderbar
mit anzuschauen, wie sie zwischen unschuldiger Koketterie und tiefgründigen
Selbstzweifeln wankt, und gleichzeitig versucht Haltung zu bewahren.
Tim Roths Bereitschaftsdienst als der Böse mit IQ und Charisma sieht
schon langsam gefährlich eintönig aus in seinem Lebenslauf. Aber verdammt,
er macht es einfach wirklich gut. Diese kalten Augen und schlaksigen
Gesten sprechen Bände. Mit einer winzigen Bewegung seines kleinen
Fingers kann er seine(n) Gegenspieler/ in entweder verführen oder
töten. Genial. Jeder für sich ein kleiner Vatel! Auf der Suche nach
der eigenen Perfektion. Doch Vatel selbst hat bewiesen, dass niemand
wirklich perfekt sein kann...
Wenn jene höfische Dekadenz und der übermäßige Luxus mit brutaler
Realität dargestellt wird, streift ein Hauch "Amadeus" über die Zuschauerreihen.
Ist Joffé am kompromisslosesten, ist er am besten. Eben das hätte
er auch in bezug auf die Länge der deutschen Filmfassung sein sollen
- hiesigen Kinobesuchern wird eine um 18 Minuten gekürzte "Vatel"-Version
geboten. Ist ja möglich, dass die französische Originalfassung noch
mehr der vermissten Gefühle versteckt hält...
kleine Werbepause
Anzeige
Vatel
Bilder: Copyright

Kommentar hinzufügen