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V wie Vendetta

V wie Vendetta
scifi-thriller , usa 2006
original
v for vendetta
regie
james mcteigue
drehbuch
andy wachowski, larry wachowski
cast
hugo weaving,
natalie portman,
stephen rea,
john hurt, u.a.
spielzeit
130 Minuten
kinostart
16. März 2006
homepage
bewertung

9 von 10 Augen

Die Wachowski-Brüder sind komische Käuze. Öffentlichkeitsscheu wie sonst kaum jemand in der Filmindustrie, hielten sie sich schon immer gern im Hintergrund. Mit der "Matrix" gelang ihnen ein innovativer und revolutionärer Geniestreich, doch anstatt sich dafür öffentlich von ihren Fans feiern zu lassen, spielten sie weiterhin das doppelte Phantom. Ihrem Kultstatus tat das freilich keinen Abbruch und mit den beiden "Matrix"-Fortsetzungen gaben sie ihren Jüngern neues Futter zum interpretieren, auch wenn sich dieses zusätzliche Material in den Augen vieler lediglich als hohle Luftblase erwies. Der Eindruck, dass die Brüder ursprünglich gar nicht vorhatten, das "Matrix"-Universum derart aufzublähen, wie es dann die kommerziellen Möglichkeiten schließlich geschehen ließen, ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen. Sich nach dem Abschluss dieser Monsterfranchise endlich einem Herzensprojekt zu widmen, das den beiden ehemaligen Comicmachern schon seit einem Jahrzehnt im Kopf herumspukte, war daher ein absolut nachvollziehbarer Entschluss. Doch was machen die beiden Unergründlichen dann mit ihrer Adaption des Comicromans "V wie Vendetta"? Sie schreiben ein feines Drehbuch und übereichen es ihrem bisherigen Regieassistenten mit den Worten "Ach, mach Du mal".

Alan Moore ist ein komischer Kauz. Der Mann, der die literarisch anspruchsvollsten Comicgeschichten der 80er und 90er Jahre schrieb, verkracht sich regelmäßig mit seinen Redakteuren und Verlagsleuten und schaut sich die Verfilmungen seiner Werke schon mal gar nicht an. Da vom Geiste der "Liga der außergewöhnlichen Gentlemen" genauso wie von seiner Jack the Ripper-Interpretation "From Hell" auf der Leinwand auch nicht allzu viel übrig blieb (obwohl beide Filme für sich genommen gar nicht so schlecht sind), kann man das ja auch irgendwo verstehen. Bezüglich "V wie Vendetta" verklagt Moore nun gerade jedes Land, in dem sein Name auf dem Plakat auftaucht. Das scheint Wirkung zu hinterlassen, spricht das deutsche Presseheft doch von einem Film "nach dem Comic von David Lloyd" und nennt damit lediglich den Zeichner der Vorlage. Moore wird es recht sein, denn je weniger Prozesse er führen muss, desto mehr Zeit kann der Zottelbart auf sein aktuelles Ziel verwenden, endlich ein guter Magier zu werden.

England in naher Zukunft. Nach dem Zusammenbruch der ehemaligen Weltmacht USA und einigen innenpolitischen Krisen hat die nationalistische Partei "Nordfeuer" mit ihrem Kanzler Sutler (John Hurt) die Macht übernommen und begründet ein faschistisches System, in dem für kritische Fragen kein Platz mehr ist und Minderheiten wie Ausländer oder Homosexuelle gnadenlos verfolgt werden. Die gleichgeschalteten Medien verbreiten ihre Propaganda über jeden Lautsprecher des Landes und die uniformierten Staatsangestellten nutzen ihre Macht rücksichtslos aus. Als die junge Evey (Natalie Portman) während einer Ausgangssperre von Ermittlern vergewaltigt zu werden droht, greift plötzlich ein maskierter Mann (Hugo Weaving) ein, der munter Shakespeare rezitiert und die Übermacht scheinbar mühelos außer Gefecht setzt. Noch in derselben Nacht wird Evey Zeugin, wie der Mann, der sich "V" nennt, mehrere staatliche Gebäude in die Luft sprengt. Die Regierung spielt die Ereignisse zwar herunter, intern herrscht allerdings große Unruhe. Inspektor Finch (Stephen Rea) wird auf die Sache an- und mächtig unter Druck gesetzt. Stück für Stück entwirrt er zwar die Hintergrundgeschichte des "Terroristen", nicht jedoch dessen Identität. Als V den staatlichen Fernsehsender besetzt und seine aufrührerischen Botschaften direkt ans Volk sendet, eskaliert die Situation.

Mit "V wie Vendetta" liegt einer der intelligentesten und vielschichtigsten Filme der letzten Jahre vor, und in dieser Hinsicht vielleicht sogar der beste im Mainstream-Bereich überhaupt. Er vertritt dabei zwar eine klare Kernbotschaft, nämlich die Forderung nach der unantastbaren Freiheit jedes Individuums, verklärt dabei aber keinesfalls seine Protagonisten und verfällt auch nicht ins simple Gut/Böse-Schema. Der Charakter des "V" ist von vornherein zwiespältig angelegt, denn es handelt sich hier in der Tat um einen Terroristen, der für die Verwirklichung seiner Ziele bereit ist, rücksichtslos zu töten. Und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er leidenschaftlich für Ideen kämpft, die wohl fast jeder für richtig hält. Gleichzeitig handelt es sich aber auch um einen persönlichen Rachefeldzug für erlittene Grausamkeiten, bei dem selbst mittlerweile geläuterte Verbrecher nicht verschont werden, wie in der berührendsten Szene des Films deutlich wird, bei der sich Täter und ehemaliges Opfer fast zärtlich auf den Tod des Einen einigen.
Die Figur "V" erscheint bei der perfekt durchkalkulierten Umsetzung ihrer Pläne dabei fast überlebensgroß, und das soll sie auch sein, denn die "Idee" für die sie steht, ist weit größer als der Mensch hinter der Maske. Die bleibt deshalb auch auf, und selten war es schwieriger etwas zur Leistung eines Hauptdarstellers zu sagen, dessen Gesicht man nicht sieht und dessen Stimme man dazu auch bisher nur in der deutschen Synchronisation hören konnte. Die Wachowskis griffen dabei auf Bewährtes zurück und besetzten die Rolle nach Einigem hin und her mit Hugo Weaving, der ihnen schon als "Agent Smith" in allen drei Matrix-Filmen gute Dienste geleistet hat. Weaving vermittelt tatsächlich auch mit Maske eine erstaunliche Präsenz, und für die deutsche Umsetzung der zahlreichen Wortspiele und Zitate von V kann man ebenfalls ein deutliches Lob aussprechen. Bei der Maske handelt es sich übrigens um ein Abbild des Revolutionärs Guy Fawkes, der im Jahre 1605 versuchte, das englische Parlament in die Luft zu jagen. Dieses Gesicht kennt in England tatsächlich jedes Kind.
Die Personen um V herum durchlaufen dagegen gewaltige Veränderungen ihrer Weltsicht. Die erstaunliche und anscheinend hoch motivierte Natalie Portman ließ sich nicht umsonst für diesen Film ihrer Haarpracht berauben, ihre Evey ist zuerst eine von der Regierung zwar nicht gerade begeisterte, aber politisch doch eher desinteressierte junge Frau, deren Persönlichkeit dann im Verlauf fast gebrochen und wieder neugeboren wird. Eine starke Leistung von Portman, wie auch von Stephen Rea, dessen Inspektor Finch sich ebenfalls entwickelt und plötzlich viele Dinge mit neuen Augen sieht. Lediglich die Person des Kanzlers wurde im Vergleich zur Vorlage stark simplifiziert und kommt hier deutlich eindimensionaler daher, als die von ihrer Weltsicht zutiefst überzeugte und in einer fast erotischen Beziehung zu ihren Überwachungscomputern lebende Figur des Comics.

Natürlich gibt es im Bezug auf eben diese Vorlage noch weitere Veränderungen, Abweichungen und auch zahlreiche Weglassungen. Andererseits hat man aber auch viele Szenen fast wörtlich übernommen, und dabei handelt es sich keineswegs nur um die für den Plot entscheidenden. Großartig, dass die Brüder die Poesie der kleineren, in die Handlung eingeschobenen poetischen Episoden erkannt und in ihr Drehbuch übernommen haben. Den "Geist" der Geschichte haben sie so optimal umgesetzt, die genommenen Freiheiten bei der Straffung von Charakteren machen durchgehend Sinn. Darüber, ob die zum Ende noch eingebauten splatterartigen Kampfszenen unbedingt nötig waren, darf aber gestritten werden, und auch das zukünftige London hätte man der Stimmung entsprechend gern noch etwas blasser und trüber präsentieren dürfen, dann wäre die beabsichtigte "Kälte" des Systems sicher spürbarer geworden.
Trotz dieser minimalen Mäkeleien ist "V wie Vendetta" aber eine höchst erfreuliche Angelegenheit, die man nach den zahlreichen Problemen und Querelen im Vorfeld der Dreharbeiten nicht unbedingt erwarten konnte. Wie groß der Anteil von Regisseur McTeigue daran nun auch sein mag oder ob er tatsächlich nur als "Strohmann" für die Wachowskis fungierte - im Zweifelsfall bescheinigen wir ihm hiermit einfach mal eine gute Lehrlingsleistung.

Etwas mehr als zwei Stunden höchst originelles und hoch spannendes Kino, mit einer klugen Geschichte, die hoffentlich auch die Massen interessiert und ins Kino lockt. Und vielleicht lockt ja auch jemand den alten Grantler Alan Moore aus seiner Höhle im Wald und zeigt ihm diesen Film. Er würde wohl positiv überrascht sein.

Volker Robrahn

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