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Hollywood, und damit auch die Oscar-Akademie, ist
erstaunlich politisch
in den letzten Jahren, und das schlägt sich auch auf die
Verleihung
der Gold-Jungs (und anderer amerikanischer Filmpreise)
nieder. Vor
vier Jahren bejubelte man den afroamerikanischen
Doppel-Oscar für
Halle Berry und Denzel Washington, letztes Jahr räumte
Clint
Eastwoods Euthanasie-Drama "Million
Dollar Baby" ab, und die Gala-Saison 2005/2006 mausert
sich zum Triumphzug von Filmen, die sich mit sexueller
Identität
auseinander setzen: Ang Lees Homosexuellen-Cowboydrama "Brokeback
Mountain" ist der große Oscar-Favorit dieses Jahres,
bei den männlichen Hauptdarstellern darf sich Philipp
Seymour
Hoffman als offen schwul lebender Schriftsteller "Capote"
berechtigte Hoffnungen auf den Sieg machen, und bei den
Damen setzen
die Buchmacher ganz klar auf Felicity Huffman.
Warum, diese Frage beantwortet sich beim Betrachten von
"Transamerica"
schon nach wenigen Minuten von selbst. Die bisher vor
allem durch
ihre Hauptrolle in der Hit-Fernsehserie "Desperate
Housewives"
bekannte (und dort neben ihren glamourösen Co-Stars Teri
Hatcher
und Eva Longoria immer etwas wenig beachtete) Huffman
verschwindet
hier auf so beeindruckende Weise vollkommen in ihrer
Rolle, wie
man es selten gesehen hat. Die spröde Hausfrau Lynette aus
dem Fernsehen ist komplett vergessen, sobald Huffman hier
als Bree
Osbourne zum ersten Mal ihren Lidstrich nachzieht. Bree,
die eigentlich
Stanley heißt, und von ihrer vollständigen
Geschlechtsumwandlung
nur noch eine einzige Operation entfernt ist.
Für diese OP benötigt Bree jedoch die Einwilligung einer
Psychologin (bissig etabliert der Film die amerikanische
Gesetzesregelung,
dass Transsexualität als geistige Störung diagnostiziert
werden muss, bevor zur "Behandlung" die nötigen
Operationen
erlaubt werden) - und als Bree erfährt, dass in einem New
Yorker
Jugendgefängnis ein Junge sitzt, der ihr leiblicher Sohn
ist
(Resultat einer experimentierfreudigen Nacht zu
Schulzeiten), verlangt
ihre Therapeutin, dass sie sich dieser Vergangenheit
stellt, bevor
sie die Erlaubnis zur OP bekommt. Mehr erzwungen als
erwünscht
sammelt Bree ihren Spross ein und gibt sich zunächst als
Christenlady
aus, die dem "verirrten Kind" (Toby hat ausgiebige
Erfahrung
als Stricher) den rechten Weg weisen möchte. Da Tobys
Mutter
vor kurzem verstorben ist, will der Junge nun seinen Vater
suchen
- und so begleitet ihn Bree auf einem Road Trip gen
Westen, auf
der Suche nach der Person gleich neben ihm.
Regisseur
und Autor Duncan Tucker gelingen wundervolle und lebendige
Charakterzeichnungen,
bis in die Nebenrollen hinein (Graham Greene als
indianischer Verehrer
von Bree ist ein stilles Highlight), und er entwickelt
seine Geschichte
gleichermaßen humor- wie bedachtvoll, ohne jedoch wegen
dem
sensiblen Thema Transsexualität die Samthandschuhe
auszupacken:
Für einige gepflegte Geschlechtsteil-Witze ist man sich
hier
nicht zu schade, Toby ist weder Drogen noch weiteren
schnellen Stricher-Dollars
abgeneigt, und wenn Bree und er gegen Ende auf Brees
Vorort-Familie
treffen, lassen die schrillen Verwandten und ihre
Reaktionen den
Film kurzzeitig ins Absurde abdriften (wo er während eines
Zwischenstopps bei einem Transen-Kaffeeklatsch ohnehin
schon mal
war). Trotz schwerem Thema also keine schwere Kost: Hier
gibt's
einiges zu lachen, und eine Menge zu schmunzeln.
Das alles kann allerdings nicht wirklich vertuschen, dass
es "Transamerica"
am gewissen Drive mangelt. Wie so viele Road Movies bleibt
auch
dieser episodenhaft, und die Grundkonstellation lässt nur
wenig
dramatische Höhepunkte zu. Wohl auch deshalb wollte Tucker
seine entscheidende Wendung (die Lüftung von Brees wahrer
Identität
gegenüber Toby) so weit wie möglich ausreizen. Und hat
sich
dabei etwas verzockt: das "Geheimnis" wird so lange
aufrecht
erhalten, dass man den guten Toby irgendwann für reichlich
unterbelichtet hält, weil er noch nicht selbst dahinter
gekommen
ist. Resultat ist ein ziemlich gemächliches Erzähltempo,
dem ein bisschen mehr Straffung gut getan hätte.
Doch das ist alles reichlich zweitrangig neben der
unglaublichen
Show, die Felicity Huffman hier abliefert. Dass sie in
Bree verschwindet,
ist nicht übertrieben: Sie sieht hier tatsächlich aus
wie ein Mann, der dabei ist eine Frau zu werden.
Manieriert und
nuanciert in jeder Bewegung, jedem Ton, jeder Reaktion,
präsentiert
Huffman hier eine unglaublich präzise und intensive,
schlichtweg
großartige Vorstellung. Die Unsicherheit, die Brees Leben
ausmacht, ihren Charakter quasi definiert, ist geradezu
fühlbar.
In jeder Sekunde verdeutlicht Huffman den schmalen Grat
zwischen
Selbstdisziplin und Nervosität, der für Bree der einzige
Weg durchs Leben zu sein scheint. Gerade wer dem TV-Star
eine herausragende
Filmrolle nicht zugetraut hätte, wird hier nachhaltig
staunen:
Wenn es die Definition des Schauspielberufs ist, eine
andere Person
zum Leben zu erwecken, dann hat wirklich niemand in
Hollywood seinen
Job dieses Jahr so gut gemacht wie sie.
Daher wäre es wenig überraschend, sondern nur konsequent,
wenn auch die Oscar-Akademie diese Leistung anerkennt und -
wie
schon die Kollegen von den Golden Globes - Frau Huffman
noch einen
Preis für den Kaminsims spendiert. Man kann die
Bild-Schlagzeile
schon fast sehen: ‚Homos und Transen regieren die Oscars! -
Werden im Kino jetzt alle schwul?'. Wenn dabei so gute
Filme und
derart beeindruckende Schauspielleistungen rum kommen, hat
wohl
niemand was dagegen.
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