kleine Werbepause
Anzeige

Tom meets Zizou - Kein Sommermärchen

Tom meets Zizou - Kein Sommermärchen
dokumentation , deutschland 2011
original
regie
aljoscha pause
drehbuch
aljoscha pause
cast
thomas broich,
christoph daum,
dick advocaat,
philipp lahm, u.a.
spielzeit
133 Minuten
kinostart
28. Juli 2011
homepage
http://www.tommeetszizou.com
bewertung

9 von 10 Augen

Selten wurde der Profifußball einer intimeren Langzeitbeobachtung unterzogen als in "Tom meets Zizou - Kein Sommermärchen". Regisseur Aljoscha Pause begleitete Thomas Broich über sieben Jahre hinweg auf seinem Weg durch den Profifußball, vom Jung-Star zum Bankdrücker und vom unzufriedenen frühreifen Kicker zum reflektierenden Erwachsenen. Was die Dokumentation auszeichnet ist nicht nur die lange Laufzeit und die tragischen Züge, die Broichs Karriere so interessant machen, sondern vor allem die direkten Einblicke und selbstironisch-distanzierten Kommentare, mit denen Broich im Nachhinein seine Zeit als kommender Star der Bundesliga einordnet.

Er war ein Phänomen, wurde gehypet als nächster Beckenbauer, als begnadeter Fußballer mit Geist und Spielwitz, und scheiterte letztlich am System Bundesliga und sich selbst. Zum Beginn seiner Karriere wurde Broich, der wegen seinem Faible für klassische Musik schnell den Spitznamen "Mozart" erhielt, in einem Atemzug genannt mit Schweinsteiger, Deisler, Lahm und Podolski, Mannschaftskameraden in der U21. Einer von mehreren jungen Spielern, die nach einer trostlosen Ära den deutschen Fußball zur Weltmeisterschaft im eigenen Land wiederbeleben sollten. Deisler scheiterte an der Erwartungen und beendete seine Karriere früh und unerwartet nach mehreren Verletzungen und anhaltender Depression, Broich nahm viele Anläufe bei verschiedenen Teams, nur um letztlich der Bundesliga und dem deutschen Profizirkus den Rücken zu kehren. Statt bei der WM im eigenen Land die Massen zu begeistern, schaffte er es nie über den Status des Hoffnungsträgers und ewigen Talents hinaus und fand letztlich in Australien fernab von Erwartungsdruck und Medienlandschaft sein Glück.

Die Dokumentation begleitet den jungen Spieler von 2004 bis zum Frühjahr 2011 und lässt die Zuschauer teilhaben an Triumphen und Niederlagen, an Zweifeln und Ausbrüchen aus dem System. Immer wieder werden Broichs Aussagen als Jungprofi konterkariert mit seinen Reflektionen von heute und Interviews von Mitspielern und Trainern. Was eigentlich die Erfolgsstory eines aufstrebenden Profis hätte werden sollen, wird zu einem Psychogramm eines nachdenklichen Talents und zu einem spannenden Lehrstück über die Mechanismen des Männergeschäfts Bundesliga. Platz für Nachfragen oder Zweifel gibt es dort nicht, das Geschäft ist hart und abgeklärt und ein Querdenker wie Broich stößt auf viele Hindernisse.
Immer wieder schwenkt der Film zum entspannten Thomas Broich von 2011, der gerade australischer Meister geworden ist und mit seinem besten Kumpel am Strand die Freizeit genießt, von den Medien unbehelligt ist und auch mal mit einer Flasche Wein im Urwald zeltet. Der Kontrast zwischen dem gestressten, unter Druck stehenden Hoffnungsträger und dem entspannten jungen Erwachsenen, der die Welt entdeckt, könnte größer nicht sein.
Die filmische Aufbereitung ist angesichts der Masse an Material, die über die Jahre zusammen gekommen sein muss eher klassisch. Rückblenden und Interviews wechseln sich ab mit nahezu Katalog-fähigen Australienaufnahmen: Broich auf dem Motorrad, beim Joggen am Strand, beim Gitarrespielen im Abendlicht. Im Laufe des Films tauchen bekannte Gesichter aus dem deutschen Fußballbetrieb auf; Berti Vogts oder Broichs Ex-Trainer Christoph Daum kommen zu Wort und wirken in ihren fußballsprachlichen Floskeln wie Karikaturen des Business, im Gegensatz zu Broichs eigensinniger Individualität. Im Rückblick ist er ironisch, sieht auch die eigenen Fehler, die Hybris, die einen jungen Star einnehmen kann, und seinen damaligen Willen, sich als "der andere Fußballer" zu etablieren, als er sich bereitwillig das Image als Schöngeist und Intellektueller der Bundesliga aufdrücken ließ.
Aber im direkten Kontrast wird auch sichtbar, dass ein nachdenklicher Mensch im Fußball eigentlich nicht glücklich werden kann. In einer Welt, die für Zweifel keinen Platz hat, fallen empfindsamere Gemüter durchs Raster, wie zuletzt medial thematisiert wurde im Falle des Nationaltorwarts Robert Enke, der sich nach langer unbemerkter Depression das Leben nahm. Soweit kommt es bei Broich nicht, doch die Reibungsstellen sind stets die gleichen: autoritäre Trainer, unnachgiebige Medien und ein trotziger Jungstar. Die witzigere Seite dieses Kontrasts ist im Film zu bemerken, wenn ehemalige Kollegen sich an Broich erinnern und kopfschüttelnd über seine Eigenarten sinnieren, z.B. Bücher zu lesen oder die Mannschaft zu einem Theaterbesuch von Brechts "Mutter Courage" zu bewegen. Natürlich mit wenig Erfolg und noch weniger gegenseitigem Verständnis.
"Tom meets Zizou - Kein Sommermärchen" ist eine sehr gelungene Darstellung eines aufgeblasenen Betriebs, mit all seinen Charakteren und Eitelkeiten und letztlich der Botschaft, dass Fußball nicht das Wichtigste im Leben ist. Bevor man also das nächste Mal im Stadion über die überbezahlten Legionäre meckert, sollte man sich vielleicht lieber einen Abend mit dieser Dokumentation gönnen.

Moritz Piehler

Hab Thomas Broich vor kurzem mal im sportstudio gesehen und war sofort sehr angetan! Er wirkte sehr besonnen und glücklich als hätte er den richtigen Weg für sich gefunden! Der Kritik nach zu urteilen erfüllt der Film genau meine Erwartungen, bin mal gespannt.. Jetzt muss ich nur noch ein Kino finden dass den Film ausstrahlt...

eine fantastische dokumentation über einen querdenker und freigeist in einer zumeist geistlosen branche und darüber hinaus ein beweis dafür, dass ein schritt zurück - wie es in dieser kapitalistischen gesellschaft bezeichnet werden würde - zeitgleich ein schritt nach vorn sein kann- für ein reflektiertes wesen wie thomas broich scheint es das gewesen zu sein.

vielen dank für den mut der filmemacher!

Kommentar hinzufügen

Freiwillige Angabe; die E-Mailadresse wird nicht angezeigt.
 
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
1 + 7 =
Diese einfache Rechenaufgabe ist zu lösen und das Ergebnis einzugeben, z.B. muss für 1+3 der Wert 4 eingegeben werden.