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Timbuktu

Timbuktu
drama , frankreich/mauretanien 2014
original
regie
abderrahmane sissako
drehbuch
abderrahmane sissako, kessen tall
cast
hichem yacoubi,
ibrahim ahmed dit pino,
toulou kiki,
abel jafri,
fatoumata diawara, u.a.
spielzeit
97 Minuten
kinostart
11. Dezember 2014
homepage
https://www.arsenalfilm.de/timbuktu/index.htm
bewertung

5 von 10 Augen
Timbuktu - Plakat

"Timbuktu“ hat sein Herz am rechten Fleck. Angestachelt von der Steinigung eines jungen Paares in Mali nahm sich der afrikanische Regisseur Abderrahmane Sissako die Einführung der Scharia im Jahre 2012 in Timbuktu zur Vorlage seines neuesten Films. Doch trotz guter Intentionen, überzeugenden Darstellern, exotischen Bildern und interessanten Einblicken in einen von den hiesigen Medien vernachlässigten Konflikt bleibt es am Ende bei einem etwas zwiespältigen Filmerlebnis. Denn so interessant manche Aspekte auch sein mögen, mangels überzeugendem Storyaufbau und Spannungsbogen bleibt es zu oft lediglich bei interessanten Versatzstücken, die den Zuschauer viel zu selten auch emotional packen können.

Leben in den DünenDabei ist die Ausgangssituation ziemlich faszinierend. Nicht unweit von Timbuktu geht Kidane (Ibrahim Ahmed dit Pino) mit seiner Frau Satima (Toulou Kiki), seiner Tochter Toya (Layla Walet Mohamed) und dem Hirtenjungen Issan (Mehdi AG Mohamed) in den Dünen seinem normalen Hirtenleben nach. Das in der benachbarten Stadt ein islamisches Terrorregime inzwischen selbst Musikhören und Fussballspielen unter Strafe stellt, hat noch scheinbar wenig Einfluss auf das Leben in der Wüste – bis eines Tages das Schicksal zuschlägt.


Wem bei den Worten “islamisches Terrorregime“ schon jetzt angesichts drohender Gewaltbilder ein Schauer über den Rücken läuft, dem dürfen wir Entwarnung zurufen. Zwar klammert der Film die körperliche Gewalt des Regimes nicht aus, doch spielt sie eher eine untergeordnete Rolle. Statt mit Brutalität Emotionen zu schüren, widmet sich der Film mehr dem alltäglichen Wahnsinn der Terrorherrschaft - immer wieder kontrapunktiert mit dem relativ “idyllischen“ Leben in den Dünen. Dass diese Stränge sich letztendlich kreuzen werden ist absehbar, auch wenn dies deutlich später passiert als man aufgrund der oberen Inhaltsangabe vielleicht glauben mag.
 

RebellStattdessen verbringt der Film sehr viel Zeit damit, den unterschiedlich geprägten Alltag der beiden Handlungsorte zu beschreiben. In den Dünen beobachtet der Film das einfache Leben unserer Hirtenfamilie, was dank charmanter Darsteller (hier sind insbesondere die beiden Frauenrollen hervorzuheben) und schöner Landschaftsaufnahmen durchaus seinen Reiz hat – auch wenn der Film hier relativ wortkarg vorgeht und sich wirklich sehr viel Zeit nimmt. Ganz langsam bröckelt zwar auch hier in der Wüste schon die einstige Freiheit ihrer Bewohner, von denen viele bereits geflohen sind, doch das ist kein Vergleich mit der beklemmenden Atmosphäre der Angst, die in der Stadt Einzug gehalten hat.
 

Regisseur Sissako wird bei der Beschreibung des Lebens in der Stadt vor allem nicht müde, die Doppelzüngigkeit der Islamisten herauszuarbeiten (ein Punkt, der durch das ständig herrschende Sprachgewirr unter den Terroristen wundervoll unterstrichen wird). Da wird sich leidenschaftlich über Fußball unterhalten, selbiger aber unter Strafe gestellt. Musik wird zwar verboten, aber die Leidenschaft zu Tanzen bricht später aus einem der Rebellen hervor. Gleichzeitig gewinnt der Film auch schon fast eine humorvolle Seite, wenn die Bewohner der Stadt die Verbote mit geradezu grotesken Maßnahmen umgehen. Eines der schönsten Bilder des Films ist dann auch ein Fußballspiel, bei dem die Spieler sich den konfiszierten Fußball einfach imaginär vorstellen – und die auftauchenden Rebellen nicht so wirklich wissen, wie sie mit dieser “Lösung“ der Stadtbewohner umgehen sollen.
 

Musik in TimbuktuSo faszinierend viele dieser kleinen Einblicke aber auch sind, ist es doch vor allem dieser Teil innerhalb der Stadt der dem Film letztendlich ein wenig das Genick bricht. Das fängt schon damit an, dass im Gegensatz zu unserer Wüstenfamilie hier ein klarer Protagonist fehlt. Am ehesten könnte man hier noch den Rebell Abdelkrim (Abel Jafri) bezeichnen, doch er ist meist viel zu passiv um wirklich als emotionaler Anker fungieren zu können. Dazu kommt, dass die Geschichte auch hier nur sehr langsam in Gang kommt, beziehungsweise eigentlich gar nicht richtig vorhanden ist. Es bleibt nämlich bei vielen kleinen Szenen, die oft aber gar nicht konsequent zu Ende gespielt werden. Bezeichnend ist hier der Anfang des Films, bei dem eine westliche Geisel zwischen zwei Rebellengruppen ausgetauscht wird, diese Geisel aber im kompletten Film später einfach nicht mehr auftaucht. So geht es vielen Szenen des Films, sie hängen einfach in der Luft. Eine Ansammlung kleiner Facetten des Lebens unter der Scharia, ohne zusammenhängende Geschichte und ohne Spannungsbogen. Es fehlt hier eine ordnende Hand, die den Zuschauer mit auf die Reise nimmt und für emotionale Tiefe sorgt.
 

Natürlich kann man sich nun fragen, ob ein solcher klassischer Aufbau wirklich nötig ist. Schreien wir hier nicht gerade förmlich nach einfachen Hollywood-Mechanismen und sollte man sich nicht lieber freuen, dass hier einmal solche Konventionen meist ignoriert werden? Diese Frage muss am Ende jeder selbst beantworten. Die Antwort dieser Kritik ist, dass dieses Fehlen leider mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Ohne richtigen Anker kann man nicht eintauchen, ohne Geschichte nur schwer die emotionale Tiefe erzeugen, welche die Situation der Protagonisten eigentlich verdient hat. Der Film ist auch einfach viel zu lange viel zu passiv um den Zuschauer wirklich am Herz zu packen. Eine reine Ansammlung von Alltagsbeobachtungen reicht eben nicht aus für wirklich bewegendes Kino. Dadurch das man nie so wirklich nah an die Figuren herangeführt wird, was durch die ruhige und sehr distanzierte Inszenierung nur noch verstärkt wird, fehlt die emotionale Bindung an das Geschehen. Viel zu spät besinnt sich der Film darauf, dass er ja auch noch eine Geschichte erzählen will. Erst in den letzten zwanzig Minuten wird diese emotionale Distanz aufgebrochen und der Film zu einem eher überhastet wirkenden Ende geführt.
 

Es ist schade um die Figuren, schade um manch faszinierenden Einblick in diese für uns so fremd erscheinende Welt. Am Ende bleibt aber die alte Erkenntnis, dass ein Film eben nur dann gut ist, wenn er mehr ist als die Summe seiner Bilder.

Matthias Kastl

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