Angel
(Carmelo Gomez) ist ein besonderer junger Mann. Für die Außenwelt
leidet er unter Schizophrenie. Er selbst weiß es besser. Er
ist ein Engel. Oder besser, ein Teil von ihm ist ein Engel. Ein
Teil, der ihm Ratschläge gibt, ihn ständig in Zwiegespräche
verwickelt und mehr als einmal in Probleme bringt. Probleme, die
ihm bei seiner Reise in eine abgelegene Weinregion Spaniens begegnen.
Dort trifft er auf die schüchterne Angela (Emma Suarez), die
mit dem grobschlächtigen Bauern Patricio (Nancho Novo) verheiratet
ist. Angel (oder besser: ein Teil von ihm) verliebt sich in Angela.
Angel (oder: der andere Teil von ihm) verliebt sich jedoch auch
in die junge, heißblütige Mari (Silke), das Flittchen
des Ortes, das eine Beziehung mit Patricio unterhält. Klar,
dass dieser auf jeden Nebenbuhler extrem eifersüchtig reagiert.
Aber um Angel herum geschehen Dinge, die keiner für möglich
halten würde. Das muss nicht nur Patricio feststellen. Jedoch:
Auch für Angel arbeiten die Dinge auf umschlungenen Pfaden...
Eine
Inhaltsangabe kann "Tierra" nur unzureichend gerecht werden,
denn zum Einen mag das jetzt nach banaler Sexposse klingen, was
es nun wirklich absolut nicht ist. Zum Anderen sind hier so viele
faszinierende (und absurde) Details versteckt, dass das in so komprimierter
Form erst mal sehr merkwürdig klingen muss. Aber auf seine
eigene verschrobene, zauberhafte, wundersame Art macht "Tierra"
enorm viel Sinn und verpasst dem geneigten Zuschauer cineastische
Freudenschauer. Das hat zum Großteil auch mit dem Stil von
Drehbuchautor und Regisseur Julio Medem zu tun, der mit gewollter
Naivität Filmlandschaften aus Sehnsucht, Leidenschaft, Melancholie,
Humor und Philosophie spinnt. Die Hauptfigur etwa heißt "Engel"
- und ist dann auch einer. Oder? Das Schöne dabei ist, dass
"Tierra" sich nie so ganz festlegt, wie eine verführerische
Frau, die plötzlich schüchtern den Schleier wieder übers
Gesicht zieht. Das Ende des Films könnte Erfüllung der
Sehnsüchte unseres Halbengels sein - oder einfach nur das Ende
der Schizophrenie, ausgelöst durch ein Trauma. Wer weiß?
Wer will es wissen? Zu diesem Zeitpunkt hat "Tierra" einen
so sehr in seinen Bann gezogen, dass es einem egal ist.
Was
besonders im Gedächtnis bleibt: Die im schönen Cinemascope
wunderbar abgelichteten Landschaften des ländlichen Spaniens,
die majestätisch und seltsam zugleich wie eine Mars-Szenerie
aussehen. So was sieht man nicht im Pauschalurlaub, wenn man es
denn überhaupt real irgendwo sieht. Medem gelingen Bilder faszinierender,
surrealer Schönheit: Wie die Pestizid-Verteiler in ihren weißen
Ganzkörperanzügen in einer Reihe über die rotbraunen
Felder marschieren, wie die Kamera sich an der Stromleitung zu Maris
Häuschen hinhangelt. Die absolut wunderschöne Sexszene
zwischen Angel und Mari, deren Einzelheiten gleichzeitig denkwürdig
und logisch sind. Schizophrenia is just a state of mind, you know.
Auch für den Zuschauer.
Wem
die Aussagen und Philosophie-Miniaturen in "Tierra" dubios
oder gar banal vorkommen, der möge erst mal bessere Antworten
finden. Und überhaupt: Wer sich, wie dieser Film, mit den ganz
großen Fragen auseinandersetzt (Leben, Tod, Liebe, Sex, Bestimmung,
Erinnerung, erdiger Wein), und das auf ganz und gar charmante, unprätentiöse
Weise, der geht genau den richtigen Weg. Dies ist die mutige und
gelungene Gratwandlung zwischen Metaphysik und Normalwelt, die "Die
Entdeckung des Himmels" nicht hinbekam.
Das alles klingt jetzt ganz fürchterlich nach Kopfkino, ist
es aber nicht. Ganz im Gegenteil: Dies ist Sinneskino, bei dem man
den erdigen Wein förmlich schmeckt, den Staub auf den trockenen
Äckern fast auf den Kleidern hat. Von der fiebrigen, lustvollen
Energie der Sexgöttin Mari mal ganz zu schweigen.
Ein Film von Träumern über Träumer. Ein Film über
vollautomatisierte Luxustraktoren, den Rand des Universums und wahrlich
vom Blitz Getroffene. Ein Film über steifgefrorene Schafe und
mysteriöse Holzläuse. Ein Film über einen Halbengel
auf der Suche nach menschlichem Kontakt und einer Sexgöttin
auf der Suche nach Liebe.
Hach, was kann man mehr wollen?


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