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Thumbsucker

Thumbsucker
komödie , usa 2005
original
thumbsucker
regie
mike mills
drehbuch
mike mills
cast
vincent d'onofrio,
tilda swinton,
vince vaughn,
lou tyler pucci, u.a.
spielzeit
96 Minuten
kinostart
5. Oktober 2006
homepage
bewertung

7 von 10 Augen

Es gibt viele Anti-Drogen-Kampagnen, die in der Öffentlichkeit schon einiges Aufsehen erregt haben. Sinn und Zweck ist es vor allem, Jugendliche von den illegalen Substanzen fernzuhalten. Dass die moderne Medizin inzwischen mit "Medikamenten" hantiert, die sich oft nur um wenige Moleküle von Kokain oder Heroin unterscheiden, findet bisher weniger Beachtung. Allzu oft werden alternative Behandlungsmethoden gar nicht beachtet oder wissentlich übersehen. "Thumbsucker" behandelt dieses Thema nicht im Stil eines schwerverdaulichen Dramas, sondern einer leichten Coming-of-Age-Komödie.

Jason Cobb (Lou Taylor Pucci) ist 17 und plagt sich mit den üblichen Problemen eines Teenagers herum. Niederlagen und Rückschläge kompensiert er, indem er sich auf der Schultoilette oder in seinem Zimmer versteckt und an seinem Daumen lutscht. Das bringt seinen Vater Mike (Vincent D'Onofrio) oft zur Verzweiflung, denn der findet das ganz und gar nicht männlich. Jasons Mutter Audrey (Tilda Swinton) lebt in ihrer eigenen Welt, in der sie den TV-Serien-Star Matt Schramm (Benjamin Bratt) anhimmelt. Als Jason im Unterricht immer häufiger abwesend erscheint, rät die Direktorin seinen Eltern zu Psychopharmaka. Doch unter dem Einfluss der Drogen wird aus dem Mauerblümchen Jason plötzlich der eloquente Chef des Debattierclubs.

Der Film ist ein wirklich zweischneidiges Schwert. Denn er kommt als wirklich nette und durchaus lustige Komödie daher, vermittelt aber auf der anderen Seite eine äußerst eigenartige Botschaft. Dabei versammelt Regisseur und Autor Mike Mills ein wirklich sehr gutes Schauspielensemble um sich. Lou Taylor Pucci muss man sicherlich gesondert hervorheben. Der junge Darsteller gibt hier sein Debüt, und das macht er zwar nicht grandios, aber immerhin so gut, dass er auf der Berlinale 2005 dafür den Darstellerpreis erhielt. Allerdings verblasst auch Pucci neben der grauen Eminenz des Arthouse-Kinos, Tilda Swinton. Sie verkörpert ihre Rolle einer von der Familie missverstandenen Mutter, die ihre ganze mütterliche Wärme einem TV-Serienhelden zukommen lässt, einfach nur herausragend. Außerdem hat Hollywoodstar Keanu Reeves einen kleinen aber feinen Gastauftritt als esoterisch angehauchter Zahnarzt.

"Thumbsucker" ist, wie es sich für einen anständigen US-Independent-Film gehört, mit einem wunderschönen Soundtrack (unter anderem mit The Polyphonic Spree und Big Star) ausgestattet, der vielleicht ein wenig zu oft eingesetzt wird und deshalb einige Szenen zu sehr dominiert. Dem Humor tut das allerdings kein Abbruch: Wenn Jason sich von einem Debattierpokal zum nächsten redet, offenbart der Film einige sehr lustige und humorvolle Stellen. Hier fängt der Film aber auch an, leicht problematisch zu werden. Jason bekommt mit Hilfe der Drogen seine bis dahin verlorene Jugend zurück. Mit seinem neuen Selbstvertrauen macht er sich auch sehr schnell neue Freunde. Er wird mutiger Mädchen gegenüber. Und das alles mit Hilfe der kleinen Pillen.
Ist das in Ordnung? Soll hier wirklich gepredigt werden, dass unter dem Einfluss von Psychopharmaka das Leben besser wird? Ist das denn nicht, wie es so schön heißt, moralisch fragwürdig? Zum Glück erkennt Jason das irgendwann auch, setzt die Pillen ab und steigt aufs Kiffen um. Ganz sicher ist das hier Ironie, doch nichtsdestotrotz bleibt es eine Gratwanderung, die das Drehbuch nicht immer ganz gewissenhaft erklären kann. Das ist eine Schwäche, über die man bei allem Charme, den der Film versprüht, nicht bedenkenlos hinweg sehen kann.

"Thumbsucker" ist ein sehr liebevoller und ironischer Film mit dem Mut zu einer latent amoralischen Botschaft: Auch Kiffer können mit schlechten Noten manchmal im Leben eine Chance haben, während gute Schüler den Leistungsdruck und mögliche Niederlagen oftmals nur mit Hilfen von kleinen medizinischen Freunden aushalten. Ein intelligenter, eigenwilliger Abgesang auf die Leistungsgesellschaft.

Patrick Wellinski

9

für mich ist dieser film mit 7 punkten noch unterbewertet.

hat mich von anfang an in seinen bann gezogen.

2

Kann bitte mal jemand den Kommentar von P. Wellinski durch den von Anna ersetzen? Denn letzterer trifft es ganz genau.

6

Habe "Thumbsucker" verspätet auf DVD gesehen, trotzdem ohne jedes Vorwissen. Zur Geschichte werde ich nichts sagen, weil die zu genüge beschrieben wurde.

Das Cover schien genau das auszustrahlen, was dieser Film auch ist: Ein "Lebensfilm", wie ich solche Geschichten gerne nenne, weder zu dramatisch noch zu locker, sondern eher eine schöne Mischung aus beidem. Ein kleiner Einblick in ein für die Weltgeschichte unbedeutendes Leben, das aber gerade durch die sehr persönliche Erzählweise interessant für uns wird.

Der Soundtrack ist richtig gut und unterstreicht die Szenen, in denen er eingesetzt wird, perfekt. Das sind auch mitunter die schönsten Momente des Films.
Auch die Schauspieler leisten gute Arbeit, vor allem weil das Drehbuch sehr viel von ihnen abverlangt. Fast keine Szene ist wirklich deutlich, viele Dinge bleiben unausgesprochen und man muss als Zuschauer selbst die Gedanken nachvollziehen, die der Charakter zu seiner Antwort führt, um die Reaktion als logisch zu empfinden. Gut dabei ist auch, dass unnötige Schritte übersprungen oder sehr schnell erzählt werden, weil es eben nicht darum geht.

Das ist gleichzeitig aber auch das größte Problem, das ich mit dem Drehbuch hatte: Natürlich haben Menschen Fehler und vor allem Teenager sind natürlich ab und an etwas zickig. Dass sich aber auch die Erwachsenen in "Thumbsucker" sehr oft völlig unlogisch verhalten und beleidigt den Raum verlassen, obwohl die Reaktion eindeutig überzogen wirkt, hat mein Mitleid mit den Problemen aller Beteiligten ziemlich getrübt. Und wieso nehmen die Charaktere das merkwürdige Verhalten ihrer Mitmenschen einfach so hin, ohne nachzufragen, was die Aktion gerade sollte?
Dass es natürlich darum geht, dass das Alter bei Konflikten keine große Rolle spielt und sich letztendlich jeder auch von harmlosen Sätzen angegriffen fühlen kann, ist mir klar - aber in manchen Szenen war ich eben doch ziemlich verwirrt und habe mich gefragt, wo jetzt eigentlich das Problem liegt und was sich denn so plötzlich geändert hat. Vor allem, wenn eine Geschichte durch unnötige Konflikte in die Länge gezogen wird, sehe ich das als Schwäche des Drehbuchs. Und das, obwohl der Film eine zusätzliche halbe Stunde durchaus vertragen könnte, solange er diese für die Charakterentwicklung nutzt und nicht für neue Konflikte (das geht hier nämlich nicht miteinander einher).

Ich kann der Rezension also teilweise zustimmen, verstehe aber auch die negative Kritik der anderen Leute. Das Einfühlen in die Charaktere fällt sehr schwer und nur dem Hauptcharakter eine tatsächliche Entwicklung zuzugestehen ist keine gute Entscheidung, wenn man eine Geschichte von mehreren Seiten zeigen möchte. So unspektakulär ist das Leben nämlich gar nicht, warum also so minimalistisch bleiben und tausend Fragen offen lassen?

Ich gebe dem Film sechs Augen, ohne mir sicher zu sein, ob er mit der Zeit wächst. Habe ihn eben nur ein Mal gesehen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich meine Ansichten beim zweiten Mal stark verändern werden.

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