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The Wind that shakes the Barley

The Wind that shakes the Barley
kriegs-drama , großbritannien 2006
original
the wind that shakes the barley
regie
ken loach
drehbuch
paul laverty
cast
cillian murphy,
padraic delaney,
liam cunningham,
orla fitzgerald, u.a.
spielzeit
124 Minuten
kinostart
28. Dezember 2006
homepage
bewertung

7 von 10 Augen

Als Ken Loach dieses Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme gewann, waren die meisten Journalisten verwundert über die Entscheidung der Jury unter dem Vorsitz von Wong Kar Wei ("In the Mood for Love") und deuteten den Preis eher als eine Auszeichnung für sein gesamtes Werk, denn für seinen durchaus umstrittenen Wettbewerbsbeitrag "The Wind that shakes the Barley". Das Beeindruckende war die teilweise wirklich diffamierende Krtitikerschelte, die der Film und damit auch Loach von den englischen Journalisten bezog.
Der "Daily Mail" fragte reißerisch "Warum hasst Loach sein Land so sehr?" "The Times" schrieb, dass Loachs Werk an das von Leni Riefenstahl heranreiche und dass diese Arbeit komplett antibritische Töne anschlägt. Den wohl schwersten Vorwurf unterstellte dem Regisseur der Kritiker Simon Heffer vom "Daily Telegraph", er beurteilte den Film ohne ihn gesehen zu haben, denn so Heffer wörtlich: "ich muss auch nicht ‚Mein Kampf' gelesen haben, um zu wissen, was für eine miese Laus Hitler war". Ist der Film diese Aufregung überhaupt wert? Was zeigt Loach, dass die englischen Kollegen sich in ihrem Nationalgefühl beleidigt sehen?

Loach erzählt die Geschichte zweier Brüder, die während des Irischen Unabhängigkeitskrieges (1919-1921) zunächst auf der selben, schließlich aber auf verschiedenen Seiten kämpfen. Der junge Ire Damien (Cillian Murphy) will Arzt in London werden, er legt seine Abreise-Pläne aber auf Eis, als er schwere Misshandlungen unschuldiger Iren durch britische Besatzungssoldaten bezeugt. Damien schließt sich der Organisation seines Bruders Teddy an, welche im Untergrund für die Unabhängigkeit des Landes kämpft.

Der Mensch als Sklave der Geschichte, dies ist Loachs zentrales Motiv in "The Wind that shakes the Barley". Der Brite Ken Loach dreht zwei Arten von Filmen. Die einen sind bewegende gesellschaftskritische Familiendramen wie "The Navigators" oder "Sweet Little Sixteen", die ihn zum führenden Regisseur des britischen Sozialrealismus machten. Triste und hautnahe Alltagsbeschreibungen vom menschlichen Scheitern und der Aussichtslosigkeit eines britischen Arbeiterlebens.
Die anderen sind Filme von weitaus größerer historischer Dimension. In "Land and Freedom" bearbeitete Loach den spanischen Bürgerkrieg, um dann in seinem exzellenten Werk "Carla's Song" die kriegerischen Auseinandersetzungen in Nicaragua zu schildern. Jetzt wollte sich ausgerechnet der überzeugte Sozialist und Klassenkämpfer einem nationalen Trauma Großbritanniens annehmen. Aber so gut gemeint und mutig der Ansatz für "The Wind that shakes the Barley" ist, so problematisch sind seine Bilder und seine Erzählweise.

Die Geschichte fängt dabei sehr vielversprechend an. Langsam und unaufdringlich erzählt Loach von Damiens Sinneswandel, der sich entschließt mit seinem Bruder in den Freiheitskampf gegen die britischen Okkupanten zu ziehen. Um eine ausgewogene Darstellung der beiden Kriegsparteien bemüht er sich allerdings nicht: Die "Guten" sprechen hier alle leise, vernünftig und sind sehr logisch und klar in ihrem Vorgehen. Die "Bösen" wiederum schreien die ganze Zeit und wollen alles mit Gewalt durchsetzen. Diese eindimensionale Vorgehensweise fängt schon nach 20 Minuten an, belehrend zu wirken, was eigentlich der Tod für einen Spielfilm mit dem Anspruch der Ausgewogenheit bedeutet.
Das bessert sich in dieser Hinsicht merklich, wenn sich der Film immer mehr auf die Auseinandersetzungen innerhalb der Unabhängigkeitskämpfer konzentriert, die schließlich zur Gründung der IRA und dem Beginn des irischen Bürgerkrieges führten. Da der Film ständig versucht, die komplexen Themen und Standpunkte dieses Konflikts unter Landsleuten nachzuerzählen, fehlt es jedoch an Zeit, um kinofähige Charaktere zu entwickeln. Die Protagonisten bleiben Abziehbilder, denen nur lose Parolen in den Mund gelegt werden. Im deutlich schwächeren Mittelteil vertraut der Regisseur auf die Macht der Dialoge, doch die lassen genau diese Kraft vermissen.
Selbst die anfangs überzeugende Authentizität, wechselt schnell in eine störende Sterilität. Obwohl die irischen Befreiungskämpfer sich hitzige Gefechte liefern, bleibt ihre Kleidung seltsam sauber und ihre Mützen verrutschen kein einziges Mal. Die Liebe zum historischen Detail bleibt aber trotzdem auf Loachs Seite. Ein wunderbar authentisches Set-Design, genauso wie eine elegante Kameraführung versuchen vergeblich über die sonstigen Schwächen dieses Films hinwegzutäuschen.

Selbst das charismatische Schauspieltalent Cillian Murphy kann das Ruder nicht herumreißen. Murphy spielte dieses Jahr schon einmal in einem Film, in dem der irische Unabhängigkeitskrieg thematisiert worden ist. In Neil Jordans dezent ironischer Komödie "Breakfast on Pluto" spielt Murphy den irischen Transvestiten Patrick "Kitten" Brady, der Irland den Rücken kehrt und sich im London der 60er Jahre herumtreibt. Kitten und Damien leben in zwei verschiedenen Zeitepochen, doch was sie verbindet ist die Geschichte, an der der Eine aktiv mitschreibt und in deren Folgen der andere lebt. Wo Damien bereit ist sein Leben für die Sache des Vaterlandes zu opfern, erscheint der vergangene Befreiungskampf mit seinem überbordenden geschichtlichen Pathos in Patricks Augen als lachhaft.
Wenn nun Loach seine Geschichte als Historie der großen Männer inszeniert - und dabei zweifelsohne nicht parteiisch agiert (was die geschätzten englischen Kollegen wohl nicht ganz wahrhaben wollten) - dann hat er mit der ganzen Last der Ereignisse zu kämpfen, die schlicht und einfach zu diffizil und breitgefächert sind, als dass ein Spielfilm allein sie fassen könnte. Loach, der Kämpfer der kleinen Leute, verliert diesen Kampf in einem Mix von zu dick aufgetragenem Epos und einer ordentlichen Portion Pathos. Sein Regiekollege Neil Jordan hingegen nimmt sich den Luxus, einen distanzierten Blick auf die Begebenheiten zu werfen - und hat damit mehr Erfolg.
Einen echten und lehrreichen Einblick in die Ursprünge und Folgen des Irischen Unabhängigkeitskrieges erhält man daher erst, wenn man beide Filme gesehen hat. Zwei Seiten der gleichen Medaille - welche einem besser gefällt, ist dann ganz und gar die Sache des eigenen Geschmacks.

Patrick Wellinski

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