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The Watcher

The Watcher
thriller , usa 2000
original
the watcher
regie
joe charbanic
drehbuch
david elliott, clay ayers
cast
keanu reeves,
marisa tomei,
ernie hudson,
james spader, u.a.
spielzeit
97 Minuten
kinostart
25. Januar 2001
homepage
bewertung

4 von 10 Augen

Jack Campbell (James Spader) ist echt eine ganz arme Sau. Ständig am Medikamente schlucken, vegetiert er in seiner Wohnung dahin, umgeben nur von einer einsamen Apfelsine im Kühlschrank und drei Dutzend nicht geöffneter Briefe im Flur. Schuld an allem ist David Allen Griffin (Keanu Reeves), seines Zeichens Serienkiller und selbst erklärter Campbell-Fan, der seinen alten Feind zu einer neuen Runde des guten alten „Hasch mich, ich bin der Mörder“-Spiels überreden will. Die beiden hatten bereits in Los Angeles das Vergnügen miteinander, ein Duell, das die damalige Freundin des Polizisten Campbell nicht überlebte. Stark traumatisiert und ausgebrannt hat sich Campbell nach Chicago zurückgezogen, seine einzige Bezugsperson ist die Psychologin Polly Bellman (Marisa Tomei).
Dummerweise lässt sich Griffin nicht so leicht abschütteln und erleichtert nun die Chicagoer Damenwelt mittels Pianodraht um Halsschlagader und Leben. Vorher schickt er seinem Mitspieler Campbell immer ein Foto des nächsten Opfers und gibt ihm einen Tag Zeit, dieses zu finden und zu retten. Unterstützt von den Polizisten Ibby (Ernie Hudson) und Hollis (Chris Ellis) macht sich Campbell auf die Jagd nach Griffin, nicht zuletzt, um endlich die Dämonen der Vergangenheit zu vertreiben ...

Richtig gruselig bei diesem Streifen ist ja schon das US-Plakatmotiv. Die dunklen Umrisse von Killer-Keanu sieht man dort, den mörderischen Draht in den behandschuhten Händen dem Betrachter bedrohlich entgegenstreckend. Erinnert fatal an ein B-Film-Plakat, und würden die deutschen Übersetzer aus dem „Watcher“ irgendwas reißerisches à la „Der Westside-Würger“ machen, hätten wir mit dem Plakat einen echten Trash-Knaller. Doch genug, lasset uns den Film betrachten. 
Nur schade, daß man da nicht allzu viel sieht: Spannendes höchst selten, Neuartiges gar nicht. Als wäre Innovation etwas ekliges, das man schon aus Prinzip ablehnen müsste, kommt dieser krude Reißer derart unoriginell und zusammengeklatscht daher, dass man sich fragt, wie Herr Reeves, der sich nach dem Überknaller „Matrix“ doch eigentlich Filme und Drehbücher aussuchen könnte, sich hierher verirrt hat. Die Antwort: vermutlich ein Freundschaftsdienst für Regisseur Joe Charbanic, der für Reeves’ Rockband „Dog Star“ diverse Videos drehte und dessen Regiedebüt im Austausch mit Reeves‘ Präsenz veredelt wird, genauer gesagt: veredelt werden sollte. 
Wobei sich dem Kritiker hier grundsätzlich zwei Fragen stellen: Darf man einem Film übel nehmen, daß er – obwohl solide in vielen Bereichen – eine hundertmal gesehene Geschichte ohne die geringste Variation herunter spult? Sollte ein Film nicht wenigstens ansatzweise den Anspruch erheben, sich aus reiner Konfektionsware hervorzuheben? Die Antwort ist meines Erachtens in beiden Fällen ja, und gerade deshalb nervt dieser unendlich mediokre Film, der nichts besseres bietet als jeder beliebige TV-Fernsehfilm im Abendprogramm von TM3, so unendlich. Die genreüblichen Verfolgungsjagden über Hausdächer und im Auto, der Showdown der Kontrahenten: das alles ist derart lustlos und unoriginell in Szene gesetzt, dass man sich gegen Mitte des Films fragt, warum man sich dafür eigentlich ins Kino bemüht hat. Nicht viel helfen tun dabei allerdings auch die Spielereien, die man sich ausdachte, um das Ganze ... tja, „aufzupeppen“ wäre da schon viel zu viel gesagt. Man erkennt dem Film jederzeit des Regisseurs Hintergrund als Musikvideospezialist an, was an sich ja nicht sehr schlimm ist, schließlich kommt der großartige David Fincher („Fight Club“, „Sieben“) auch ursprünglich aus der Ecke. Weit schädlicher ist dagegen, was man wählte, um Modernität vorzutäuschen. Kameramann Michael Chapman hat zwar zwei Oscars in der Vitrine zu Hause, aber seine ständig verwischte Zeitlupenoptik wird nach den ersten zwanzig Minuten des Films zum nervtötenden Ärgernis. Und weil Keanu Reeves ja der „Watcher“ ist, gibt es sein Beobachten in der lustig-grobkörnigen „Blair Witch“-Handkameraperspektive. Dies soll wohl Zeitgeist widerspiegeln, kann aber nie die ansonsten auch optisch hausbackene Inszenierung kaschieren.
Die Nähe vieler Bilder zur Clipbranche ist ironischerweise gar nicht mal falsch: Tiefe oder Bedeutung gibt es in „The Watcher“ nicht, das Ganze bleibt inhaltsleer und ausdruckslos wie ein schlechtes, dazu überlanges Video.
Passend dazu Figuren und Darsteller. James Spaders müdes Gesicht für den nach dem „Psychologiebausatz für Anfänger“ zusammengebastelten Campbell kommt da noch am Besten rüber. Der Gegensatz dazu Keanu Reeves, bei dessen Figur weder Psychologie noch sonst was aufgewendet wurde: sie ist schlichtweg als wirklicher Charakter nicht vorhanden. Reeves’ Serienkiller ist, der umgebenden Videoclipatmosphäre verpflichtet, ganz Poser und Blender, ohne jegliche inhaltliche Tiefe, Motivation oder Hintergrund. Ob Reeves deshalb so ausdruckslos spielt, ist fragwürdig, aber er bestach ja auch als Matrix-Messias eher durch cooles Auftreten denn durch wirkliche Schauspielkunst. Zu Marisa Tomei ist eigentlich nicht viel zu sagen, zu klein und auf stereotypisches Opfer ist ihr Part angelegt. Es fällt einzig auf, dass Miss Tomei in relativ kurzer Zeit relativ alt geworden ist, während Ernie Hudson noch genauso aussieht wie vor zehn Jahren. So traurig wie bezeichnend, dass dieser spannungsarme Streifen größtenteils nur als Studie über das Altern von Hollywoodstars taugt.
Würde man im Lexikon unter der Rubrik „Durchschnittsware“ nachschlagen, so könnte einem dort ohne Probleme „The Watcher“ entgegenstrahlen (vielleicht sogar mit dem tollen Plakat?). Dies ist ein wirkliches „Un“-Ding: unoriginell, unspannend und unglaublich ermüdend. Womit es der „Watcher“ definitiv nicht verdient hat, „gewatcht“ zu werden.

Simon Staake

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