|
|
Das Familienfoto.
Darf
man vorstellen: Familie Tenenbaum. Zuallererst, dort in der
Mitte,
ist Royal Tenenbaum (Gene Hackman), der seine Familie vor
zwanzig
Jahren verlassen hat und nun versucht, sie wiederzugewinnen,
und das
mit allen, zumeist halbseidenen, Mitteln. Dann direkt
daneben seine
Frau Ethel (Angelica Houston), die danach ihre Familie
alleine aufzog
und aus allen drei Sprösslingen Wunderkinder machte: Chas,
das
von Angstattacken geplagte Finanzgenie (Ben Stiller) - dort
im roten
Trainingsanzug - , Margot, die zutiefst verstörte
Dramatikerin
(Gwyneth Paltrow) - deutlich erkennbar an den verzogenen
Mundwinkeln
- , und Richie (Luke Wilson), der der Welt entzogene
Tennis-Champ,
den alle nur ‚Baumer' riefen - dort hinten, der mit dem
traurigen
Hundeblick. Kein Familienfoto wäre jedoch perfekt ohne den
Anhang:
Der Mensch mit dem Bart und dem leicht tranigen Blick dort
hinten,
das ist Raleigh St. Clair (Bill Murray) - der berühmte
Verhaltensforscher
und Margots zweiter Ehemann - ,
und
dann in der anderen Ecke haben wir Henry Sherman (Danny
Glover), ein
enger Freund der Familie und Ethels Finanzberater. Was, wer?
Ach,
der komische Bursche mit dem Cowboyhut da vorne? Na das ist
Eli Cash
(Owen Wilson), der beste Freund der Tenenbaum-Kinder aus der
Nachbarschaft
und mittlerweile Autor schrecklichst trivialer
Westernschmöker
... Ja, in der Tat. Was für eine Familie.
Dysfunktionale Familien sind ja eigentlich das Standbein
eines
jeden sich selbst respektierenden Dramas. Die Eltern
getrennt, die
Kinder mit Neurosen bepackt wie der Weihnachtsmann mit
Geschenken.
Das riecht ja förmlich nach Sozialkitsch oder nach
beklemmendem
Schicksal, nach Tragik, Tränen oder zumindest dem
RTL-Mittwochsdrama
der Woche. Nicht jedoch, wenn wir es mit einem Film von
Wes Anderson
zu tun haben. Der ist noch in Erinnerung für den Geheimtip
"Rushmore"
und bleibt auch
mit seinem neuesten Film in Schräglage - und in
großartigen
Unterhaltungsgefilden.
Ja,
ein wenig mehr kalkuliert als seine vorherigen Filme fühlt
sich "The Royal Tenenbaums" schon an, ist aber immer noch
majestätisch genug, um die obligatorisch platte Konkurrenz
hinter sich zu lassen. Anderson nimmt einen relativ
simplen und
konventionellen Plot - die Anstrengungen, mit denen der
gewiefte
Gauner und Betrüger Royal seine Familie wieder
zusammenführen
will - und füllt ihn mit grandios neurotischen Figuren,
teilweise
fantastischer Slapstick und eigentlich überflüssigen
Popkulturornamenten
- wie den bereits erwähnten grässlichen Trainingsanzügen
von Ben Stiller. Dass Anderson solcherlei Spirenzchen gar
nicht
nötig hat, beweist sein größter Coup in diesem Film.
Dieser funktioniert, weil wir nicht nur über die Figuren
hier
lachen können - sondern auch mit ihnen fühlen. Anderson
findet das trauernde Herz in jeder seiner Figuren, und
daher kann
und will man sie durch die teilweise absurden bis
surrealen Momente
begleiten, aus deren Aneinanderreihung "The Royal
Tenenbaums"
besteht.
Was nicht heißen soll, der Film wäre nicht einheitlich.
Im Gegenteil, zu einheitlich fühlt sich diese wie in einem
mit unserer Realität nur entfernt verwandtem
Paralleluniversum
entstandene Tragikomödie an, so einheitlich ist sie in
ihren
versponnenen Ideen, das man sich vollkommen darauf
einlassen muss.
Wer dies tut, dem bietet dieser Film viele große und
kleine,
lustige und traurige Momente - Momente, die sich
vielleicht erst
Stunden später in ein Grinsen oder einen Kloß im Hals
verwandeln. Ehrlicher und wahrhaftiger als die oftmals zu
berechnenden
Dramen ist Andersons Schelmenstück da allemal.
Zusammengehalten wird das Ganze wenig überraschend vom in
der Tat großartigen Ensemble. Wie schon in "Ocean's
Eleven"
sind hier alle gut, aber sie können nicht die gleiche
Leinwandzeit
bekommen. Am eklatantesten (und ein wenig enttäuschend)
wird
dies bei den Komödienveteranen Bill Murray und Danny
Glover
deutlich, die schlichtweg viel zu wenig zu tun bekommen.
Auch Ben
Stiller als vom Vater malträtierter und daher verbitterter
Sohn Chas geht leider in der zweiten Hälfte des Films auf
Tauchstation.
Andererseits braucht es schon einen besonderen Regisseur
um Gwyneth
Paltrow eine gute Leistung abzuringen, und Anderson
gelingt das
Kunststück. So wie hier - und so gut wie hier - hat man
Miss
Paltrow bisher noch nicht gesehen. Die Show gehört
natürlich
im Grunde genommen trotzdem nur einem - und Gene Hackman
macht in
seiner monolithischen Verkörperung des vermutlich
charmantesten
Arschlochs der Welt die erwartet grandiose Figur. Mit dem
richtigen
Drehbuch im Rücken kann dieser alte Knochen noch immer
richtig
rocken - sein Royal Tenenbaum ist liebens- und hassenswert
zugleich,
so komisch wie skrupellos und so ausgekocht wie rührend.
Zu
simple Läuterungen erspart sich dieser Film gleichwohl:
Royal
Tenenbaum ist am Anfang des Films ein charmanter Halunke -
und bleibt
das auch. Gottlob.
"The Royal Tenenbaums" ist für Freunde der etwas abgedrehten Unterhaltung ein wahrlich königliches Vergnügen. Man mag da jetzt entgegenhalten, dass Andersons Skurrilität teilweise ein wenig gezwungen daher kommt, und hat damit teilweise auch recht - z.B. im doch etwas zu bemüht chaotischen Finale. Oder bemängeln, dass diese Studioproduktion, die für sich vereinnahmt, außerhalb der gängigen Ware zu spielen, nicht weit genug außerhalb ist. Aber das war "American Beauty" im Grunde genommen auch nicht, und trotzdem ein cineastisches Fest. Statt zu lamentieren, sollte man sich daran erfreuen, dass es Filme wie "The Royal Tenenbaums" gibt, die auf ihre nahezu autistisch skurrile Art seltsam berührend sind. Man betrachtet diese merkwürdigen, zutiefst menschlichen Figuren, weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll, und freut sich dann, dass man für zwei Stunden an ihren denkwürdigen Schicksalen teilnehmen kann. Beautiful Losers - was wären wir nur ohne sie?


alle wes anderson filme sind irgendwie brilliant! aber dieser hier ist ein echtes geschenk und wird hoffentlich mal ein kultfilm...
Kommentar hinzufügen