Traumbilder,
Alptraumbilder: Eine kulissenhafte Insel wie aus Pappmaschee, unheimliche
Automaten, die Menschen und Natur en miniature zu ungelenk-mechanischem
Leben erwecken, ein verwunschener Wald, gepflegt von acht roboterhaften
Gärtner-Klonen. Darin der wahnsinnige Wissenschaftler Dr. Droz:
ein Hüne, Grobian und Feingeist zugleich, hoffnungslos entflammt
in dunkel lodernder Leidenschaft für die bezaubernde Opernsängerin
Malvina, die er entführt, um sie in einem letzten Automaten
für immer zu konservieren. Des weiteren: ein Klavierstimmer,
der in diese rätselhafte Welt bestellt wird, um die Apparate
des irren Doktors für dessen finales Opus instand zu setzen,
und die laszive Gespielin des Doktors, zerrissen zwischen Hingabe
an den Meister und Eifersucht auf die bezaubernde Diva.
Fantastische, bildgewaltige Motive haben sich die Brüder Quay
für ihren zweiten Langfilm ausgedacht. Leider wirkt dieser
über weite Strecken so, als hätte das Zwillingspaar all
seine
schöpferische
Energie für pompöse Kopfgeburten aufgewandt und darüber
versäumt, seiner Faszination für mannigfaltige Referenzen
an die Kunstgeschichte eine Form zu geben, die eine Vermittlung
an die Zuschauer erst möglich macht. Die Maschinen, der irre
Opernfanatiker, die zerbrechliche Schöne, der unschuldige,
klarsichtige aber unschlüssige Held, Droz' Gespielin im Domina-Gewand
- all diese Motive fügen sich zu keiner Erzählung, während
sie als Bilder allein nicht genug Wirkmacht entfalten. Und zwar
nicht, weil sie wirken, als wohnte man einer abgefilmten Oper im
Kulturfernsehen bei, sondern weil insgesamt kein Gefühl für
den Ort und seine Atmosphäre aufkommt. So geht etwa die Metapher
der Apparate, Sinnbild für ein fremdbestimmtes, schicksalhaftes
Leben, in unklaren Nahaufnahmen mechanischer Elemente unter, die
ohne Bezug zur Handlung, ohne Sinn für die Atmosphäre
vor sich hinrattern.
Die kunstvoll angelegte Welt wird weiter entzaubert durch die ermüdend
undurchsichtige Geschichte, der man bald schon nicht mehr folgen
mag, und eine allzu hölzerne Inszenierung
der
Akteure. Unter der Regie der Quays wirken die Schauspieler aus Fleisch
und Blut wie die Trickfiguren, die die Brüder in ihren Animationsfilmen
so gekonnt zum Leben erwecken - mit dem Effekt, dass die menschlichen
Akteure ihre Lebendigkeit verlieren. So kehrt der Film, vermutlich
unfreiwillig, die B-Movie-Qualitäten Gottfried Johns hervor
(der als kantiger Doktor den Verdacht nährt, man habe ihn allein
wegen seines imposanten Gesichts besetzt) und lässt das naive
Spiel von Cesar Sarachu in der Rolle des Klavierstimmers wie Laientheater
in Nahaufnahme wirken.
Es fragt sich, was daraus geworden wäre, hätte man sich bei diesem Film auf nur eines der vielen angerissenen Motive konzentriert und ihn mit mehr gezügelter Kunsthaftigkeit inszeniert. So aber bleibt "Der Klavierstimmer der Erdbeben" ein Tipp für Freunde der Bildexegese und wirkt ansonsten wie ein Vorwand, die fraglos spannende Vorstellungswelt der Brüder Quay bloß irgendwie auf die Leinwand zu bringen.



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