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The Opposite of Sex

The Opposite of Sex
tragikomödie , usa 1999
original
the opposite of sex
regie
don roos
drehbuch
don roos
cast
christina ricci,
lisa kudrow,
martin donovan,
lyle lovett, u.a.
spielzeit
100 Minuten
kinostart
22. Juli 1999
homepage
bewertung

5 von 10 Augen

"Wenn ihr Filme nicht leiden könnt, bei denen die ganze Zeit jemand aus dem Off Kommentare abgibt, dann könnt ihr ja jetzt rausgehen. Ich habe noch nicht angefangen."

Nach dem ersten Satz von "The Opposite of Sex" wird schon klar, daß es sich hier um einen nicht ganz normalen Film handelt. Off-Kommentare, gut, nix neues. Aber an den Zuschauer gerichtet? Könnte interessant werden.
Die Kommentare kommen aus dem Mund von DeDee Truitt (Christina Ricci). Beschreibungen dieser Person schwanken irgendwo zwischen "freches Früchtchen" und "Schlampe". DeDee ist sechszehn, ein absolutes Dreckstück, daß gerne zeigt, was es hat (anatomisch, comprende?), und sich keine Illusionen darüber macht, daß andere Menschen besser sind als sie.
opposite2.jpg (7629 Byte)"Wir werden noch Menschen begegnen, die freundlicher, sympathischer und rücksichtsvoller sind als ich. Man nennt sie auch Verlierer."
DeDee haut von zuhause ab, nachdem sie bei der Beerdigung ihres Stiefvaters sowohl ihre Kippe als auch ihren Stuhl ins Grab geworfen hat. Sie reist zu ihrem Halbbruder Bill (Martin Donovan), ein schwuler, 35jähriger Lehrer, der mit seinem knackigen Lover Matt im Haus seines an AIDS verstorbenen Freundes Tom wohnt. Dort schaut auch des öfteren Toms Schwester Lucia (Lisa Kudrow) vorbei. Bieder, verklemmt und pessimistisch. Und dann gibt’s da noch den Polizisten Carl (Lyle Lovett), den Lucia aus irgendeinem Grund nicht leiden kann. DeDee quartiert sich jedenfalls dort ein, frisch und frech Kommentare über alles und jeden abgebend (für den Zuschauer). Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund, schämt sich keines Vorurteils und im Kinosaal amüsiert man sich prächtig. DeDee bringt das Kunststück fertig, innerhalb kürzerster Zeit den eigentlich homosexuellen Matt zu verführen. Dann ist sie auf einmal schwanger (wer denn nun eigentlich der Vater ist, daraus entwickelt sich noch ein nettes Ratespiel). Nachdem die beiden Bill gegenüber ihre Affäre gestanden haben, machen sie sich mit 10.000 Dollar seines Geldes aus dem Staub und Bill sitzt ohne Liebhaber da.
Nun folgt eine kurze Sequenz, in der zu traurigen Bildern von Bill traurige Musik erklingt. Die setzt auf einmal aus, und DeDee’s Stimme verkündet "Hey, das ist nur Musik. Ihr fallt aber auch auf alles rein. Soll ich euch mal zeigen, was er in seiner angeblichen Trauer noch so alles gemacht hat?". Dann sieht man Bill beim Schlemmen in der Küche, Rechnungen bezahlen usw.
opposite3.jpg (6186 Byte) Manch ein Literaturprofessor würde ob solcher Kommentare in absolute Verzückung geraten. Ein allwissender Ich-Erzähler aus der Handlung, der sich auch noch über die Konventionen seines eigenen Mediums bewußt ist. Der Normalo-Kinogänger faßt das eher als Sprüche auf, die man nicht gerne hört, wenn sie aus der Reihe hinter einem kommen. Aber von der Leinwand? Wahrlich eine interessante Idee.
Dumm nur, daß so wenig daraus gemacht wird. Denn im Anschluß dreht sich der Film für die nächsten 75 Minuten mehr oder weniger darum, wie Bill, Lucia und Carl versuchen, DeDee ausfindig zu machen. Wenn sie dann mal gefunden ist, büchst sie wieder irgendwie aus, und die Suche geht weiter. Das Problem dabei: DeDee, als eigentliche Hauptperson, hat fast die wenigste Leinwandpräsenz. Stattdessen verfolgen wir die wesentlich langweiligeren Charaktere, die so etwas ähnliches wie eine Beziehungskomödie entwickeln, aber auch nicht wirklich, da all die unausgesprochenen Gefühle und Wünsche zwar von der ersten Minute an völlig offensichtlich sind, aber erst viel zu spät und dann auch nur beiläufig angesprochen werden. 

Besonders schade ist das bei Lucia. Warum sie so viel Zeit mit Bill verbringt und warum sie Carl gegenüber so ablehnend ist wird zwar erklärt, aber nur so kurz, daß man es kaum mitbekommt. Ein riesiger Fehler, denn hier hätte man wirklich eine Figur gehabt, aus der man etwas hätte machen können. Bei einem Film, der bemüht ist, dramatische Dinge in den Mittelpunkt zu rücken, ist das natürlich desaströs. 
opposite4.jpg (4820 Byte)Hinzu kommt, daß DeDee’s spitzfindige Kommentare zu allem und jedem über weite Strecken ausbleiben, und man sich so voll und ganz der Langeweile gewahr wird, die sich breit macht. Wenn DeDee dann endlich mal wieder gefunden ist, wird es auch wieder witzig und temporeich. Aber die Kleine haut ja ständig aufs Neue ab, und mit ihr verschwindet auch die Unterhaltung. Paradoxerweise kann man noch nicht mal sagen, daß das an Christina Ricci und ihrem Schauspieltalent liegt. Es ist nicht so, daß sie besser als alle anderen ist. Es ist eher so, daß alle anderen einfach farblos wirken. Am Ende werden dann wieder ein paar filmische Spielereien geboten, die schmerzlich daran erinnern, wie gut der Film angefangen hat. Warum das nicht konsequent durchgezogen wurde, bleibt das Geheimnis des Regisseurs.
"The Opposite of Sex" hat drei wirklich gute Ansätze: 

  1. Einen Film auf den Ansichten und Erlebnissen eines unsympathischen Miststücks aufzubauen. Könnte eine kurzweilige, schwarze Komödie ergeben.
  2. Den Erzähler des Films wissen lassen, daß er einen Film erzählt, und ihn damit (und mit dem Publikum) spielen lassen. Das klingt wirklich sbwechslungsreich und unterhaltsam.
  3. Ein charakterlich interessantes Trio, dessen Geschichten zusammengenommen die Basis eines starken Dramas sein könnten.

Es ist wirklich erstaunlich, wie man aus so einer tollen Grundlage so einen langweiligen Film machen konnte. Kein Ansatz wird konsequent durchgezogen. Der Film basiert im Prinzip auf den ersten beiden, läßt diese im Mittelteil aber viel zu lange ungenutzt schleifen, und versucht sich stattdessen ansatzweise am dritten, verliert hier aber viel zu schnell das Interesse, so daß man diesen besser gleich ganz weggelassen hätte.
Ich habe das an dieser Stelle, glaube ich, kürzlich schon mal gesagt, und ich kann mich nur wiederholen: Es tut viel weniger weh, einen richtig schlechten Film zu sehen, als zu beobachten, wie wirklich gutes Material vor die Hunde geht. Daher: Zwei Augen für jeden guten Ansatz, und ein Auge Abzug für die Unfähigkeit, die eigenen Möglichkeiten zu nutzen, und die Inkonsequenz, die eingeschlagene Linie nicht durchzuziehen.

Wer übrigens wissen will, was jetzt eigentlich das Gegenteil von Sex ist, der muß bis zum Ende warten. Dann erfährt man des Rätsels Lösung, wenn man im Mittelteil nicht eingeschlafen ist.

Frank-Michael Helmke

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