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The Hurricane

The Hurricane
drama , usa 1999
original
the hurricane
regie
norman jewison
drehbuch
dan gordon, armyan bernstein
cast
denzel washington,
deborah kara unger,
liev schreiber,
john hannah, u.a.
spielzeit
145 Minuten
kinostart
2. März 2000
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

„Here comes the Story of the Hurricane...“ verkündete Bob Dylan 1975 in seinem Song über den unschuldig verurteilten und 22 Jahre zu Unrecht im Gefängnis sitzenden Rubin „Hurricane“ Carter. Nun kommt die Verfilmung der wahren Geschichte in die Kinos; eine Geschichte, die – hätte sie nicht das Leben selbst geschrieben – kein Drehbuchautor dramatischer hätte gestalten können.

Rubin „Hurricane“ Carter (Denzel Washington) wird 1966 in einem fragwürdigen Prozeß von einer rein weißen Jury des dreifachen Mordes für schuldig befunden. Zwei Schwarze waren in Carters Wohnort in eine Bar gestürmt und hatten drei Weiße erschossen. Carter und sein junger Fan John Artis werden verurteilt aufgrund einer Intrige des rassistischen Polizisten Della Pesca (Dan Hedaya), einem Feind Carters seit dessen Kindheit, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, den damals 11-jährigen „Nigger with a knife“, aus dem der erfolgreiche Boxchampion „The Hurricane“ geworden ist, für immer aus dem Verkehr zu ziehen. Carter kämpft um Gerechtigkeit: Er studiert seinen Fall und verlangt nach sieben Jahren einen neuen Prozeß, den er, trotz prominenter Unterstützung durch Leute wie Muhammed Ali oder eben Bob Dylan, verliert. Der vormals so starke Kämpfer resigniert: Er fordert seine Ehefrau und große Liebe Thelma Mae (Debbi Morgan) auf, sich von ihm scheiden zu lassen und schottet sich von der Außenwelt ab, „to live in my mind and soul only“. Und er beginnt an seiner Autobiografie zu schreiben. Sieben Jahre später, in Toronto / Kanada entdeckt der junge Schwarze Lesra (Vicellous Reon Shannon) auf einem Flohmarkt das Buch „The Sixteenth Round“, die Lebensgeschichte von Rubin „Hurricane“ Carter. Den Jungen rührt die Geschichte des unschuldig Verurteilten dermaßen, daß er Kontakt zu Rubin aufnimmt. Zwischen den beiden entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft, durch die auch die mit Lesra in einer Art Kommune zusammenlebenden Sozialarbeiter Lisa (Deborah Kara Unger), Terry (Sohn Hannah) und Sam (Liev Schreiber) eine Freundschaft zu dem Mann aufbauen, den sie einst „Hurricane“ nannten. Und trotz diverser Rückschläge entschließen sich die drei, Rubins Fall ein drittes Mal aufzurollen, um ihmendlich Gerechtigkeit zukommen zu lassen...

Mit „The Hurricane“ ist Regieveteran Norman Jewison zu den Themen zurück gekommen, die seine besten Filme kennzeichneten: Rassismus (wie in dem oskarprämierten Klassiker „In der Hitze der Nacht“) und der Kampf um Gerechtigkeit in einem korrupten System ( „...und Gerechtigkeit für alle“ mit einem großartigen Al Pacino). Zu seiner größten Leistung in diesem Film zählt die subtile und dadurch ehrliche Inszenierung des schwierigen Themas Rassismus. Keiner seiner Charaktere wirkt überzeichnet – selbst der Rassist Della Pesca ist weit mehr als eine Karikatur – und dadurch gibt er der Geschichte etwas, ohne das sie nicht funktionieren könnte: Glaubwürdigkeit. Man hat das Gefühl, daß diese Figuren sich so „normal“ benehmen wie ihre realen Vorbilder. Dazu kommen die ausgezeichneten Schauspielerleistungen. Denzel Washington spielt fantastisch, es gelingt ihm mühelos, die vielen Facetten des Rubin Carter glaubwürdig darzustellen: Seinen Haß auf den ihn umgebenden Rassismus, wenn er auf die Aussage des Polizisten „We’re looking for two negroes in a white car“ mit einem boshaften „Any two will do?“ antwortet. Sein überheblicher Stolz, wenn er dem ihn provozierenden Rassisten Della Pesca wütend zuzischt „I got my black champion of the world between my legs, you short-punk bitch!“ Oder die Verzweiflung eines resignierten Mannes, wenn er in einem Wutausbruch im Gefängnis schreit: „Innocence is a highly overrated commodity“. Und doch ist Washington fast am besten, wenn er nichts sagt. Gestik und Mimik geben der Darstellung eines traurigen Riesen das letzte bißchen an Glaubwürdigkeit, z.B. in einer brillant geschnittenen Sequenz, in der er den seelischen Zustand Carters in der Isolierzelle in drei verschiedene Versionen seiner selbst unterteilt. Die übrigen Schauspieler vervollständigen das positive Bild mit ihren ruhigen und sehr sympathischen Darstellungen. Zudem gibt es einige nette Minirollen: Charakterkopf Clancy Brown als menschlicher Gefängniswärter Jimmie, und natürlich Rod Steiger, der 32 Jahre nach seinem Oscar für „In der Hitze der Nacht“ wieder unter seinem damaligen Regisseur spielt. 

Wenn man diesem gut besetzten und hervorragend gespielten Film überhaupt einen Vorwurf machen kann, dann seine konventionelle Machart. Konventionell, fast altmodisch wird in ruhigen Bildern eine Geschichte erzählt. In einer Zeit, in der schnell geschnittenes Kraftkino à la „Matrix“ oder „Fight Club“ die Sehgewohnheiten beherrscht, sollte man bei allem Rufen nach Innovation nicht vergessen, was Kino eigentlich ausmacht: Einer gut inszenierten und schön fotografierten Geschichte darf man denn auch ihre konventionelle Machart verzeihen, ebenso wie ihre epische Länge. Ähnlich wie Rubin „Hurricane“ Carter in seinem Kampf um Gerechtigkeit in die „Sechzehnte Runde“ muß (die Höchstrundenzahl beim Boxen ist 15), mußhalt auch der Zuschauer in die Überlänge gehen, um den Kampf zu Ende zu sehen. Und denen, die sich wünschen, daß der „Hurricane“ etwas mehr frischen Wind in die Kinos geweht hätte, sei gesagt, daß auch ruhig und altmodisch erzählte Geschichten ihren ganz besonderen Charme haben – man denke nur an „Die Verurteilten“. Eine alte Boxerweisheit besagt: „They never come back“. Manchmal kommen sie eben doch wieder, und in diesem Fall ist das auch ganz gut so.

Simon Staake

Stark.

10

Stark.

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