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The Guys

The Guys
drama , usa 2002
original
the guys
regie
jim simpson
drehbuch
jim simpson, anne nelson
cast
sigourney weaver,
anthony lapaglia,
irene walsh, u.a.
spielzeit
85 Minuten
kinostart
20. November 2003
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

Nach der Kurzfilm-Collage "11'09''01" und Max Färberböcks prätentiösem Betroffenheits-Langweiler "September" erwartet das geneigte Programmkino-Publikum dieser Tage der dritte Kinofilm, der sich mit den Terroranschlägen auf das World Trade Center vom 11. September 2001 beschäftigt. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern versucht sich "The Guys" aber gar nicht erst an einer möglichst vielschichtigen Abdeckung der verschiedenen Aspekte dieses historischen Ereignisses, sondern reduziert den Blick auf die, die am meisten litten und am wenigsten dafür konnten: Die Opfer.

"The Guys" ist dabei die relativ schnell entstandene Filmfassung eines noch schneller entstandenen Theaterstücks, in den unruhigen Tagen der verwundeten Stadt New York nach dem 11. September geschrieben für das kleine Stadtteiltheater "The Flea" von der Journalistin Anne Nelson in nicht mehr als zwei oder drei Nachtsitzungen. Dank des lokalen Regisseurs Jim Simpson erhaschte das Stück die Aufmerksamkeit seiner Ehefrau Sigourney Weaver, die sich postwendend bereit erklärte, die weibliche Hauptrolle des kompakten Zwei-Personen-Dramas zu übernehmen - auch wenn das "Flea"-Theater nicht mehr als 80 Sitzplätze enthält. Was folgte, war ein klassischer Selbstläufer: Nach der Erstaufführung am 4. Dezember 2001 lief "The Guys" ununterbrochen für 13 Monate, und auf der Bühne gab sich eine Wagenladung engagierter Hollywood-Stars das Textbuch in die Hand, u.a. Bill Murray, Susan Sarandon, Tim Robbins, Amy Irving und Tom Wopat.
Gut zwei Jahre später kommt nun die Filmfassung in die Kinos, ähnlich wie das Theaterstück keine aufwendige, aber sehr wirksame Produktion. Angelehnt an tatsächliche Erfahrungen der Autorin Anne Nelson handelt "The Guys" von einer Journalistin namens Joan (Sigourney Weaver übernahm auch im Film die Hauptrolle), die über ihre Schwester von einem Feuerwehr-Hauptmann um Hilfe gebeten wird: Er muss für acht seiner Männer, die am 11. September starben, Reden für die Gedenkfeiern schreiben, und ist angesichts des eigenen emotionalen Schocks von dieser Aufgabe überfordert. Von der professionellen Autorin verspricht er sich nützliche Unterstützung. Und so setzen sich Joan und Feuerwehrmann Nick (erneut großartig: Anthony LaPaglia, "Lantana") ins Wohnzimmer und schreiben Nachrufe - er erzählt aus dem Alltag seiner Kollegen, was ihm gerade einfällt, sie setzt daraus passende Reden zusammen.

Was zunächst klingt wie ein simples Zurechtbasteln von Erinnerungen an die großen Helden des 11. September, entlarvt schon beim ersten Anlauf die Notlüge hinter diesem Bild: Als Joan Nick fragt, was es über den ersten Toten zu sagen gibt, zuckt der nur ratlos die Schulter. "Wenn er in einen Raum kam, hat ihn keiner bemerkt …. Aber das kann man doch nicht sagen. Dieses Gerede von Helden - als wäre alles ein Film …". Dies ist kein Film über Helden, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Keiner der über 300 toten Feuerwehrleute des 11. September sah sich selbst als Held oder wurde von seiner Umgebung so gesehen, letztendlich waren sie alle ganz normale Kerle, die vielleicht gar nicht so besonders waren, und vom Schicksal eine historische Rolle zugespielt bekamen, die sie sicherlich nicht haben wollten.
Joan wäre keine gute Journalistin, wenn es ihr nicht gelingen würde, aus Nick genug Informationen herauszubekommen, die für angemessene Nachrufe reichen, und ein kleines bisschen ist "The Guys" auch ein Lehrstück darüber, was ein begabter Schreiberling aus Bruchstücken und Erinnerungsfetzen zusammen zimmern kann, denn Joan's Behelfslösungen erweisen sich allesamt als angemessen und bewegend.
Was natürlich nicht der Punkt des Ganzen ist. Es geht um das Schicksal dieser ganz normalen Leute, des Jedermanns von nebenan, über den wir gar nicht viel sagen können, der für uns selbstverständlich ist, bis er einfach weg ist. Ausgelöscht von einem Ereignis soviel größer als wir selbst, das uns zurücklässt mit unfertigen Erinnerungen, ohnmächtiger Trauer und zielloser Verzweifelung. Eine Verzweifelung, der sich auch die abgebrühte Journalistin und ehemalige Kriegskorrespondentin nicht verschließen kann: Mit professioneller Distanz versucht Joan zunächst, sachlich zu bleiben, führt Nick immer wieder zu den Fakten zurück, wenn er abzudriften droht in Niedergeschlagenheit und Wehmut. Sie sieht zunächst nur Geschichten, Anekdoten, gute Zitate - das Handwerkszeug ihrer Profession. Doch auch sie kann sich nicht ewig verstecken, wird schließlich ebenso wie Nick von ihren Gefühlen eingeholt und teilt mit und stellvertretend für die ganze Stadt New York die blanke Ohnmacht dieser September-Tage, das Bedürfnis etwas tun zu wollen aber nichts tun zu können, um den Schrecken und die Trauer zu lindern.

Von Theater-Regisseur Jim Simpson gekonnt in Filmform adaptiert (trotz des räumlich beschränkten Sets versteht es der Inszenator, den Film auch visuell abwechslungsreich zu halten) geht es "The Guys" um keine relevante Reflexion des Geschehenen, keiner spricht hier von Weltpolitik, von Quellen und Ursachen des Terrorismus, niemand sagt etwas schlechtes über Araber und nicht einmal sieht man die brennenden Twin Towers. Dies ist kein Film über das Ereignis an sich, sondern darüber, was es mit uns gemacht hat. Dass es uns - und wenn auch nur für ein paar Tage - dazu gebracht hat, aus unserer Lethargie auszubrechen und uns für die Menschen um uns herum zu öffnen. Und dass es wichtig ist, das alles nicht zu vergessen, wenn all die Bilder und Blumen und Suchanzeigen und Nachrufe verschwunden sind, und alles wieder ist wie vorher (ist es das?). Am 11. September starb nicht das westliche Gefühl von Sicherheit, starb nicht der amerikanische Unantastbarkeits-Mythos, am 11. September starben Menschen wie du und ich, die Leute von nebenan, die Jungs aus der Feuerwache. Sie konnten nichts dafür, sie hatten nichts damit zu tun, und sie bezahlten den höchsten Preis. Es ist ihre Erinnerung, die es zu bewahren gilt. Schon allein deshalb ist "The Guys" bisher der beste und wichtigste Film zum 11. September 2001.

Frank-Michael Helmke

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