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The Fog of War

The Fog of War
dokumentation , usa 2003
original
the fog of war - 11 lessons from the life of robert s. mcnamara
regie
errol morris
drehbuch
errol morris
cast
robert s. mcnamara,
lyndon b. johnson,
john f. kennedy, u.a.
spielzeit
106 Minuten
kinostart
30. September 2004
homepage
bewertung

9 von 10 Augen

Robert S. McNamara arbeitete während des Zweiten Weltkrieges im amerikanischen Führungsstab für den Pazifik-Feldzug gegen Japan mit, gehörte anschließend zur Manager-Riege, die aus der Ford Motor Company ein Weltunternehmen formte, und wurde schließlich von John F. Kennedy zum Verteidigungsminister berufen - einen Job, den er sieben Jahre ausübte, während denen er sowohl die Kuba-Krise als auch den Ausbruch des Vietnam-Krieges im Nervenzentrum der US-Regierung miterlebte. Zu seiner Amtszeit mindestens eine so kontroverse Figur wie der heutige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, ist der jetzt 85-jährige McNamara inzwischen der vielleicht intelligenteste politische Analyst Amerikas.
Errol Morris ist für den Dokumentarfilm nicht weniger wichtig als Alfred Hitchcock für den Suspense-Thriller. Sein Debüt "Gates of Heaven" von 1978 - eine Dokumentation über Tierfriedhöfe, ihre Kunden und Besitzer - zählt der amerikanische Kritikerpapst Roger Ebert zu seinen persönlichen Film-Top Ten aller Zeiten, 1988 klärte Morris mit seinem Film "The Thin Blue Line" einen bereits abgeschlossenen Mordfall neu auf und rettete so einen Unschuldigen vor dem elektrischen Stuhl.
Diese beiden Lichtgestalten ihres jeweiligen Metiers trafen 2003 aufeinander für eine Reihe von Interviews, die das Kernstück bilden von "The Fog of War" - für den Morris dieses Jahr endlich seinen ersten Oscar für die beste Dokumentation gewann. Und das mehr als zurecht: Während der allgemeine Genre-Trend immer mehr in Richtung Inszenierung und Unterhaltung geht (Michael Moore und Morgan Spurlock lassen grüßen), tritt Morris nie aus dem Kamera-Off heraus, lässt fast nur sein Subjekt sprechen und präsentiert nichts als die reinen Fakten - und erzielt damit Wirkung, die keinen Zuschauer kalt lassen wird.

Dabei klingt das Prinzip des Films absolut simpel: Ein Dauer-Interview in klassischer talking head-Doku-Manier, untersetzt mit jeder Menge historischem Bild- und Tonmaterial. So gehen Morris und McNamara einige der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts durch - eigentlich alles altbekannt, doch mit McNamaras einzigartigem analytischen Geist und Morris' beeindruckend detailtiefer Recherche werden hier neue Sichtweisen und Fakten vermittelt, die gleichermaßen fesseln wie faszinieren. Und nicht zuletzt ist es Morris' einzigartige Interviewtechnik, die "The Fog of War" eine außergewöhnliche Erzählperspektive gibt: Er führt seine Gespräche mit dem selbst entwickelten "Interrotron", bei dem direkt über der aufzeichnenden Kamera ein Bildschirm wie ein Teleprompter angebracht ist, auf dem der Interviewte den befragenden Morris sieht. Das Resultat: Der Interviewte unterhält sich mit Morris, als würden sie sich Auge in Auge gegenüber sitzen, und redet dabei doch direkt in die Kamera - ohne bewusst zum Publikum zu sprechen. Das Ergebnis ist als Interview-Erlebnis einzigartig: McNamara spricht mit dem Zuschauer ohne die Gesten und Attitüden, die direkte Kommunikation in eine Kamera für gewöhnlich mit sich bringt.
Anstatt einfach nur der Chronologie der geläufigen Ereignisse zu folgen, strukturiert Morris seinen Film zusätzlich nach elf zentralen Lehrsätzen von McNamara, welche die Essenz seiner Jahrzehnte langen Erfahrung in der Globalpolitik wiedergeben. Das beginnt mit leicht ersichtlichen Grundsätzen intelligenter Diplomatie ("Versetze Dich in Deinen Feind"), die aber auch ranghöchste Führungspersonen ihrer Zeit erst einmal lernen mussten, und geht weiter mit scheinbar simplen menschlichen Wahrnehmungsproblemen ("Glauben und Sehen sind oft falsch"), die fatale historische Folgen haben können. So gibt McNamara hier offen zu, dass der vermeintliche Angriff auf ein US-amerikanisches Kriegsschiff, der letztlich der Stein des Anstoßes für die Eskalation des Vietnam-Konfliktes war, höchstwahrscheinlich nie stattgefunden hat - Phantom-Torpedos, deren tatsächliche Existenz mehr als angezweifelt werden muss.
Auf diese Art entwickelt sich eine - gerade und vor allem für historisch Interessierte - enorm faszinierende und einsichtsvolle Abhandlung über die Dynamiken und die Fragen taktischer Ethik von Großmachtpolitik. Mit einer sachlichen Abgeklärtheit, die zunächst enorm erschüttert, berichtet McNamara von den Entscheidungsprozessen, die zur Feuerbombardierung zahlreicher japanischer Städte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs führten - hunderttausende Zivilisten wurden damals getötet, und in einer beeindruckenden Montage unterlegt Morris diese Statistiken der betroffenen japanischen Städte mit vergleichbaren amerikanischen Metropolen. Was nicht nur das Ausmaß dieser Angriffswelle verdeutlicht, sondern auch McNamaras sachliches Fazit untermalt: Moral ist eine Frage des Siegers, und wird wie die Geschichte selbst vom Triumphator festgeschrieben. Natürlich haben die USA während des Zweiten Weltkriegs Untaten begangen, die keinen Deut besser waren als die der Diktaturen, die sie bekämpften - aber schließlich haben sie die Welt von diesen Diktaturen befreit. Lehrsatz Nummer 9: Um Gutes zu tun, kann es notwendig sein, sich auf das Böse einzulassen.
"The Fog of War" gewährt seinen Zuschauern auf diese Weise einen Einblick in Denkprozesse auf höchster politischer Entscheidungsebene, wo man es sich schlichtweg nicht mehr leisten kann, über das Schicksal all der einzelnen Seelen nachzudenken, die man in ihr Verderben schickt, sondern nur noch Sinn und Zweck einer Aktion für das große Ganze hinterfragen kann - eine Ebene, auf der Fehlentscheidungen dann auch konsequent in historischen Katastrophen münden. "Die Geschichte ist voll von Fehlern, die zu ihrer Zeit wie die richtige Lösung klangen" resümiert McNamara, und erscheint einmal mehr wie ein unterkühlter, seelenloser Politiker. Dass er eben dies nicht ist, das herauszufinden ist mit das spannendste Element von "The Fog of War". Wenn McNamara durch ein Zittern in der Stimme hier und da Spuren freigibt von der inneren Zerrissenheit und Erschütterung, die diese Ereignisse damals wie heute in ihm auslösen, kann man für Sekunden hinter die Fassade des treuen Staatsdieners blicken, dessen Professionalität es nie zulassen würde, einen seiner früheren Chefs öffentlich zu kritisieren oder bloßzustellen. Die tief schürfende Recherche von Morris in alten Tonbändern aus dem Weißen Haus fördert dabei Erstaunliches zu Tage, unter anderem Aufnahmen die beweisen, dass McNamara zunächst Kennedy und dann seinem Nachfolger Lyndon B. Johnson nachdrücklich den Abzug aus Vietnam empfahl, bevor es zu spät ist und die Situation eskaliert - und dass Johnson den Rat seines Verteidigungsministers ablehnte und die Nation so ins Verderben stürzte, während McNamara als Befehlsausführer zum Buhmann der freien Welt wurde. Die Beweise sind da, und dennoch kommt kein schlechtes Wort über Johnson über McNamaras Lippen. Die bewundernswerte Integrität, die er hier beweist, wird nur noch übertroffen von der Neugier des Zuschauers, all die Dinge zu erfahren, die McNamara noch weiß, aber niemals preis geben wird.

"The Fog of War" macht Geschichte lebendig, eröffnet neue Perspektiven auf Ereignisse, über die man schon alles zu wissen glaubte, und stellt mit McNamara eine der zentralen politischen Figuren des 20. Jahrhunderts in ein völlig neues Licht, obwohl über ihn schon zahlreiche Biografien geschrieben wurden. Ein enorm faszinierender, aber schlussendlich auch enorm deprimierender Film, denn mit der Weisheit seines Alters und all seiner Erfahrungen kann McNamara als letzten Lehrsatz nur resümieren: "Du kannst die menschliche Natur nicht verändern." Heißt: Die Vernunft siegt nicht immer, sie siegt eigentlich nie. Der Mensch ist schwach, er ist verbohrt, er sieht sich grundsätzlich im Recht und liegt doch meistens falsch. Die Geschichte liegt wie ein offenes Lehrbuch vor uns, in dem wir unsere eigenen Fehler ablesen können, bevor wir sie wiederholen - und dann wiederholen wir sie trotzdem. Wenn man in alten Aufnahmen den Texaner Lyndon B. Johnson Kampfesreden gegen den Kommunismus schwingen hört, und das haargenau so klingt wie die Kampfesreden des Texaners George W. Bush gegen den globalen Terrorismus, dann untermauert dies leise und traurig eine andere weitläufig bekannte These: Geschichte dreht sich im Kreis. Solange bis wir umfallen, und nicht wieder aufstehen.

Frank-Michael Helmke

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