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The Congress

The Congress
scifi-animation , usa 2013
original
the congress
regie
ari folman
drehbuch
ari folman
cast
robin wright,
harvey keitel,
jon hamm,
kodi smit-mcphee,
danny huston, u.a.
spielzeit
122 Minuten
kinostart
12. September 2013
homepage
http://congress.pandorafilm.de/
bewertung

7 von 10 Augen

Vor fünf Jahren sorgte der israelische Regisseur Ari Folman mit seinem dokumentarischen Animationsfilm „Waltz with Bashir“ weltweit für Aufsehen. In seinem halb autobiographischen Werk verarbeitete der ehemalige Soldat seine Erlebnisse und (fehlenden) Erinnerungen im Dienste der israelischen Armee, mit der er 1982 in den Libanonkrieg gezogen war. Im Anschluss an diesen mit einem Golden Globe prämierten Erfolg widmete sich Folman fünf Jahre lang einer recht freien Adaption des Klassikers „Der futurologische Kongreß“ von Stanislaw Lem („Solaris“) aus dem Jahre 1971, die nun endlich ins Kino kommt.
 

In „The Congress“ spielt die Darstellerin Robin Wright („Forrest Gump“, „Die Braut des Prinzen“) eine Darstellerin namens Robin Wright. Nach großen Erfolgen in lange zurückliegenden Jahren ist deren Stern mittlerweile stark gesunken. Ihr Agent Al (Harvey Keitel) hält ihr gleich zu Beginn des Films eine Brandrede, dass sie stets die falschen Entscheidungen treffe. Kurz darauf erhält sie von Jeff Green (Danny Huston), dem Geschäftsführer eines großen Filmstudios, ein unglaubliches, hoch dotiertes Angebot: Robin soll ihren gesamten Körper, ihre Gestik und ihre Mimik, einscannen lassen. Die animierte, nicht alternde Version ihrer selbst würde dann zwei Jahrzehnte lang dem Studio gehören, welches sie in so vielen Filmen aller erdenklichen Genres einsetzen darf, wie es möchte. Die echte Robin dürfte nicht mehr schauspielern oder in irgendeiner anderen Form auftreten. Nicht zuletzt aufgrund einer schwerwiegenden Krankheit ihres Sohnes Aaron (Kodi Smit-McPhee), für deren Behandlung sie auf das Geld angewiesen ist, geht sie auf den Deal ein.

20 Jahre später ist eine natürlich gealterte Robin Wright auf dem Weg zu einem futurologischen Kongress. Auf dem Weg dorthin erhält sie an den Toren der Miramount Studios eine Substanz, die sie einnehmen muss. Sie kommt dieser Aufforderung nach und fährt gemeinsam mit dem Zuschauer hinein in eine vollkommen animierte Welt. Eine Welt voller skurriler Gestalten, fieser Machenschaften und revolutionärer Bewegungen. Aber auch eine Welt voller Liebe und Furcht, voller ungeahnter Möglichkeiten und schrecklicher Geheimnisse.

 

Bei dieser etwas kryptischen Umschreibung des rund einstündigen, komplett animierten Mittelteils, der sich laut Folman optisch an den Stil der 1930er Jahre anlehnt, soll es an dieser Stelle auch bleiben. Denn mehr zu verraten, würde fast unweigerlich die explosive Pointe vorwegnehmen. Zumal es äußerst schwer fallen dürfte, die bis dahin sehr klar konstruierte Handlung, die nun scheinbar unendlich viele Nebenplots aufwirft, wieder halbwegs sinnvoll zu ordnen. Zunächst wirkt „The Congress“ wie eine Abrechnung mit Hollywood, wo Gesichter von Schauspielern künstlich jung bleiben und machtgeile Studiobosse den Profit vor alles andere stellen. Wo Klienten mit schmeichelnden Worten umschwärmt und am Ende eiskalt fallen gelassen werden. Es wirkt fast paradox, dass sich Folman wieder einmal der Mittel des Animationsfilms bedient, um gegen den technischen Fortschritt zu wettern und seine Bedenken daran zu äußern, wie austauschbar Schauspieler gemacht werden, wenn sie im Extremfall auch einfach von Grund auf neu erfunden werden können. Eine Zukunftsvision stellt dabei natürlich nur noch die Aussicht auf einen breiten Einsatz jener Technik dar, die ja an sich schon längst existiert – man denke nur an den nun auch schon gut zwölf Jahre alten „Final Fantasy“-Film.

Mag man das wollen? Schauspieler, die ihren „Figuren“ irgendwann vielleicht nur noch die Stimme leihen, wenn überhaupt? Hängt die Nähe dieser Zukunft lediglich nur noch von dem Zeitpunkt ab, von dem an diese Technik ökonomisch rentabel einsetzbar ist? Kann eine solche Technik wirklich das komplette Spektrum filmischer Genres abdecken? Mit Fragen wie diesen mag sich „The Congress“ eine knappe Stunde lang beschäftigen – doch mit dem Sprung in die äußerst phantasievolle und abwechslungsreiche Animationswelt, deren Umsetzung zweieinhalb Jahre in Anspruch nahm, spielen sie lediglich noch eine untergeordnete Rolle. Nun werden sie übertragen auf eine größere, eine gesamtgesellschaftliche Ebene, auf der es um grundsätzliche Fragen von Existenz und Zusammenleben geht.

Bedauerlicherweise dauert es seine Zeit, bis klar wird, worauf das Ganze im Kern eigentlich abzielt. Und eben jene Zeit des Ungewissen kommt teilweise sehr gewollt anstrengend daher – was in erster Linie mehr für Konfusion als wirkliche Faszination sorgt. Doch just als man ins imaginäre Notizbuch das Wörtchen „überambitioniert“ hinein schreibt, gelingt Folman der Befreiungsschlag und er wechselt zurück in den Realfilm. Dieser Wandel geht mit einer erschreckenden inhaltlichen Erkenntnis einher, die sich in den Folgeminuten weiter manifestiert, und ist ähnlich wirkungsmächtig wie der Switch in „Waltz with Bashir“. Die grundsätzliche Botschaft mag zugegeben etwas banal sein, doch die Art und Weise, wie Folman seine Dystopie über zwei Stunden anschaulich macht, ist schlicht beängstigend.

Um noch einmal auf die Film-im-Film-Metaebene zurückzukommen: Filme wie „The Congress“ sind es, bei denen die Darsteller so viel Herzblut einbringen wie es kein Computer der Welt berechnen kann. Robin Wright, zu deren vor allem filmischer Biographie sich einige Bezüge herstellen lassen, entblößt sich hiermit gewissermaßen selbst, mehr noch als dies gute Schauspieler sowieso schon tun. Auch wenn vieles frei erfunden ist, spielt Wright das so authentisch, dass der Film fast dokumentarische Züge anzunehmen scheint. In einer beeindruckenden Sequenz steht Wright inmitten eines gewaltigen Gebildes und lässt die Scan-Prozedur über sich ergehen. Als sie sich weigert, diese fortzusetzen, ergreift Harvey Keitel als ihr Agent das Wort. Er hält einen minutenlangen Monolog über das Verhältnis der Beiden zueinander; es ist ein Geständnis, fast eine Lebensgeschichte über Glück, Lügen, Liebe und Angst, die Wright die ganze Palette an Gefühlen aufzwingt, die es braucht, um den Scanvorgang erfolgreich zu beenden. Auf irritierende Weise vereint diese großartige Szene Ausbeutung und Zuneigung, Kalkulation und Emotion.
 

„The Congress“ ist ein Werk, das lange haften bleibt, vor allem emotional. Ein großartiges Werk ist es leider nicht, dafür ist ein zu großer Teil der Animationsphase zu zäh und scheinbar ziellos geraten. Weil sich dieser Eindruck im Rückblick jedoch etwas revidiert, könnte „The Congress“ einer jener Filme sein, die mit wiederholter Sichtung wachsen.

René Loch

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