Dass Genie und Scheitern manchmal sehr eng beieinander liegen können,
demonstriert niemand mit so trauriger Regelmäßigkeit
wie Robert Altman. Als eine der großen amerikanischen Regie-Ikonen
der 70er Jahre lieferte Altman mit "MASH" und "Nashville"
zwei der besten Filme des Jahrzehnts ab, verschwand mit Einsetzen
des Kommerzkinos von der Bildfläche und feierte 1992 dann eine
gloriose Wiederauferstehung mit "The
Player". Seitdem produziert Altman allerdings ähnlich
viel Spreu wie Weizen: Auf der einen Seite Triumphe wie der mustergültig
strukturierte
Episodenfilm "Short Cuts" oder das vielschichtige Gesellschafts-Portrait
"Gosford Park", auf der
anderen Ausrutscher wie die verunglückte Mode-Satire "Pret
á Porter" oder der konfus nichtssagende "Dr.
T & the Women". Und auch der neueste Streich des Altmeisters
reiht sich in die Gruppe der Enttäuschungen ein: Was ein realgetreues
Portrait des Betriebes einer führenden Ballett-Truppe werden
sollte, versumpft leider von Beginn an in Irrelevanz.
Das hat vor allem den Grund, dass Altman hier seine Markenzeichen-Technik
mit nur sehr mäßigem Erfolg einsetzt: Eine Kamera, die
Szenen wie ein zufällig vorbeigehender Beobachter einfängt,
und sich stetig überlappende Dialoge mimen dokumentarischen
Charakter und vermitteln ein Gefühl von Wahrhaftigkeit, als
wäre man tatsächlich live dabei. Da durch die authentische
Gleichzeitigkeit oftmals verschiedene Subplots in derselben Szene
neben- oder hintereinander weiterlaufen, muss man als Zuschauer
höllisch aufpassen - aber wenn's gelingt, wie in Altmans unbestrittenem
Meisterwerk "Nashville" oder jüngst in "Gosford
Park", wartet als Belohnung ein außergewöhnliches
Stück Filmkunst.
Doch
während sich in besagten Fällen aus dem Wirrwarr aus Personen
und Gesprächen langsam ein kongenial konstruierter Plot herausschälte,
bleibt "The Company" nicht viel mehr als loses Stückwerk,
das die meiste Zeit kaum besser aussieht als eine konzeptlos zusammengeschnittene
Doku über das Innenleben des Chicago Joffrey Ballet. Diese
berühmte Truppe steht im Zentrum von "The Company",
der auf einer Idee von Hauptdarstellerin Neve Campbell ("Scream")
beruht, als Heranwachsende selbst ein großes Ballett-Talent,
das hier jetzt eigene Erfahrungen verarbeitet. Als Ballerina Ry
hält Campbell hier mehr schlecht als recht die verschiedenen
Handlungsstränge zusammen, die jedoch allesamt zu substanzlos
daherkommen, um irgendeine Form von organischem Ganzen zu ergeben.
Ohne klare Linie oder erkennbares Konzept fängt der Film mal
hier, mal da ein paar Impressionen aus dem Tanz-Alltag ein, dokumentiert
brav das anstrengende Training, die Verletzungsgefahr, den Konkurrenzdruck
und all die anderen Kleinigkeiten, die das harte Dasein eines professionellen
Tänzers ausmachen. Company-Chef Alberto Antonelli (Malcolm
McDowell) huscht immer mal wieder durchs Bild, wechselt fließend
zwischen verständnisvollem Truppen-Papi und herrisch kommandierendem
Ekel, und hat bei der verbalen Vermittlung seiner künstlerischen
Visionen ähnlich viel Erfolg wie der neu engagierte Star-Choreograph
- nämlich gar keinen. Verständnislos reagieren die meisten
Tänzer auf das abgehobene Geschwafel ihrer Regisseure, und
man kommt nicht drum herum, als Zuschauer eine ähnliche Einstellung
zu Altmans Bemühungen zu entwickeln: So sehr man sich auch
bemüht bei der Suche nach einer substantiellen Aussage, sie
lässt sich einfach nicht finden.
So
wundert man sich dann irgendwann, ob Neve Campbells Idee für
diesen Film eigentlich jemals so etwas wie eine richtige Story besaß,
denn auch die Erlebnisse von Ry entbehren größtenteils
einem dramatischen Bogen. Mehr so nebenbei (wie eigentlich alles
in diesem Film) steigt sie von einer Prestige-trächtigen Rolle
zur nächsten auf und tanzt bei der abschließenden Premiere
auch den wichtigsten Part, der Film versucht allerdings nicht mal,
diesen Aufstieg irgendwie zu dramatisieren und für einen Spannungsbogen
zu nutzen. Dass man hier quasi dokumentarisch arbeiten wollte ist
offensichtlich, was jedoch an Plot übrig bleibt, wäre
selbst bei einer wirklichen Dokumentation über ein Jahr am
Joffrey Ballet gehaltvoller ausgefallen. Noch schlimmer: Manche
Nebenfiguren birgen das Versprechen wirklich interessanter Geschichten,
werden aber nach zwei drei Szenen achtlos in der Ecke stehen gelassen.
So verpufft die Wirkung der wenigen Konfliktszenen wegen der mangelnden
Bindung zu den Figuren: Ab einem gewissen Punkt interessiert schlichtweg
nicht mehr, was passiert, weil man keine realistische Chance bekommen
hat, die Akteure richtig kennen zulernen.
Einzig
positiv zu vermerken bei all diesen losen Impressionen aus dem Tänzer-Leben
sind einige Aspekte, die glatt poliertere Ballett-Filme wie "Center
Stage" gerne aussparen, zum Beispiel dass viele dieser
professionellen Tänzer von ihrem Job nicht richtig leben können.
Ry arbeitet nachts als Kellnerin in einer Disco, um die Miete für
ihre Wohnung aufbringen zu können, andere Tänzer campieren
gleich im halben Dutzend auf dem Fußboden einer gemeinsamen
Bleibe, weil's für mehr nicht reicht. Bei jedem Sprung droht
eine karrieregefährdende Verletzung, und spätestens mit
30 ist man so gut wie weg vom Fenster.
Ein weiterer Grund, warum "The Company" plotmäßig nie in Schwung kommt, ist die extensive Berücksichtigung von Ballett-Performances, die fast die Hälfte der gesamten Spielzeit ausmachen. Stoßen sie in ihrer Länge zunächst etwas unangenehm auf, eben weil sie vermeintlich der Grund sind, warum die Handlung sich kaum vorwärts bewegt, wandeln sie sich bis zum Ende zur tatsächlichen Existenzberechtigung von "The Company", denn im Gegensatz zum Rest des Films können diese Vorstellungen für sich genommen enorm begeistern: Wundervoll choreographierte und ausgeführte Tanznummern erwarten den Zuschauer, und durch ihre Anzahl und Länge können sie zumindest zeitweise für Begeisterung im Kinosaal sorgen. Sinn und Zweck eines Films über eine Ballett-Truppe kann aber nicht allein die Inszenierung von Tanznummern sein, denn dafür geht man schließlich ins richtige Ballett, nicht ins Kino. Das ist jedoch alles, was bei "The Company" an Bemerkenswertem übrig bleibt. Der Rest scheint noch inhaltsleerer, als er ohnehin schon ist. Gerade bei jemandem, der über so viel geballte Handlungsvermittlungskompetenz verfügt wie Robert Altman, ist das ein bisschen sehr wenig.


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