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Tötet Mrs. Tingle

Tötet Mrs. Tingle
krimi-komödie , usa 1999
original
teaching mrs. tingle
regie
kevin williamson
drehbuch
kevin williamson
cast
katie holmes,
helen mirren,
barry watson,
marisa coughlan, u.a.
spielzeit
96 Minuten
kinostart
11. November 1999
homepage
bewertung

4 von 10 Augen

Kevin Williamson ist ein Markenname. Dieser Mann hat die beiden "Scream"s geschrieben, außerdem "Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast", und "The Faculty" geht ebenfalls auf seine Kappe. Jetzt bringt der 34jährige Splatterspezialist "Tötet Mrs Tingle" in die Kinos, seine erste Regiearbeit. Und das Drehbuch ist auch von ihm- klar, daß man einiges erwarten kann. 
Man wird enttäuscht.  Die Story ist ein Auswurf aus Williamsons Jugend: Mrs Tingle war seine verhaßte Englisch-Lehrerin, und der jetzige Film ist Kevins persönliche Abrechnung. Die verfilmte Mrs Tingle (eine beeindruckende Helen Mirren) ist die Art Pädagogin, wie sie jeder in der Schule gekannt hat: Ein Drache. Niemand mag sie, jeder hat Angst vor ihr. Als Geschichtslehrerin geht es ihr lediglich darum, ihre Schüler möglichst effektiv abzusägen und ihnen die Zukunft zu versauen. Williamson läßt keine Gelegenheit aus, den durch und durch schlechten Charakter dieser verdorbenen Person zu illustrieren. Ich fühlte mich stark an meine eigene ehemalige Geschi-Lehrerin erinnert, aber das nur am Rande.  Mrs Tingle zerreißt mit Vorliebe auch solche Leute in der Luft, denen offensichtlich etwas am Lernen liegt: Zum Beispiel Leigh Ann Watson, eine ambitionierte College-Anwärterin, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt und daher auf das schulinterne Stipendium angewiesen ist, das nur der Stufenprimus bekommt. Als Tingle Leigh Ann scheinbar beim Pfuschen erwischt, und deren hehre Karrierenpläne den Bach herunter zu gehen drohen, greift sie mit ihren Freunden Luke und Jo Lynn zu drastischen Maßnahmen: Sie dringen in das Haus der Lehrkraft ein, bedrohen selbige mit einer archaischen Armbrust und fesseln sie an ihr Bett, wo sie die nächsten Tage im Pyjama herumliegen muß. Getötet wird niemand, das ganze ist eine völlig zivilisierte Strafmaßnahme mit Überredungs- und Manipulationsversuchen. Untypisch für einen wie Williamson.
Und leider völlig daneben: Die Diskussion über den deutschen Titel des Films - nachdem ein Meißener Gymnasiast das ganze ein wenig zu wörtlich nahm - ist tatsächlich nur eine Diskussion über den Namen, keinesfalls aber über den Film selbst. Es tut sich noch nicht einmal jemand so richtig weh - der amerikanische Kinotitel "Teaching Mrs Tingle" ist also im Grunde wesentlich treffender als das ursprünglich geplante "Killing...". Auch hier hatte man auf ein Verbrechen reagiert, in diesem Fall auf das Massaker von Littleton. Bei uns werden vom Verleih nun hastig Aufkleber verschickt, mit denen die Filmplakate in den Kinos überklebt werden können. "Wo ist Mrs Tingle" heißt es dann, oder auch "Rettet Mrs Tingle" - man will die Augen verzweifelt gen Himmel richten ob soviel Taktgefühl. Insofern ist es mehr als ärgerlich, daß dieser Film von dem Meißener Attentat profitiert - soviel billige Promotion kann man sich nur wünschen. Denn verdient hat Williamsons Streifen die Diskussion wirklich nicht. Das Positive vorweg: Helen Mirren spielt die gehässige Pädagogin sensationell, und die Close-Ups auf ihr verbrämtes Gesicht sind die wenigen Highlights des völlig verkorksten Kinoerlebnisses. Des weiteren ist Katie Holmes ("Go!", "Muppets aus dem All") mal wieder eine Augenweide. Oberflächlich?
Erzählt mir nichts von Oberflächlichkeit. Wer plant, vom Dreimeterbrett abzuspringen und tief in diesen Film einzutauchen, der wird sich mächtig den Kopf am Beckengrund aufschlagen. Die jugendliche Trotzreaktion des Autors ist in ihrer ganzen Sinn- und Zwecklosigkeit von Anfang an erkennbar und zielt auf ein Ende, das in seinem Schwachsinn keinen Gedanken wert ist. Nichts gegen die Idee, einen asozialen Lehrer einmal zu Hause zu besuchen und allerlei schäbige Dinge mit ihm zu tun - aber über diese Idee kommt Williamson leider zu keiner Zeit hinaus.  Logisch, daß die fiese Frau noch gefesselt versucht, ihre Peiniger zu manipulieren, Zwist zu säen - und damit spannungsfördernden Erfolg hat. Wenn das allerdings so wahnsinnig plump geschieht wie in "Tötet Mrs Tingle", und obendrein die doch recht hellen Geiselnehmer darauf hereinfallen - ja, da ist doch Hopfen und Malz verloren. Diesen dämlichen Verzweiflungstaten auf den Leim zu gehen, demonstriert in meinen Augen nur eins: Ihr habt tatsächlich nichts anderes verdient als miese Noten in Geschichte.
Sicherlich blitzt einige Male Williamsons großes Talent auf - Filmzitate werden wieder einmal meisterhaft eingestreut, und die cinematographischen Mittel sind teilweise recht ordentlich eingesetzt. Dennoch: Es passiert einfach nichts, und die langen, träge fließenden Dialoge lassen den Zuschauer unruhig auf dem Sessel hin- und herrutschen.  Da haben wir also diesen Film, der eigentlich nur des Vergessens wert ist. Und jetzt?
Jetzt geht irgendwo in Deutschland ein 15jähriger Irrer hin und ersticht seine Geschichtslehrerin. Schlimm genug. Aber darüber hinaus ergibt sich zweierlei: 
Werbung für einen drittklassigen Film und, noch schlimmer, wieder einmal ein Schlag gegen das Kino. Die Gewalt-in-den-Medien-Diskussion wird wieder hochkochen, und das Wasser strömt auf die Mühlen der Moralapostel. Es ist zum Heulen.

Rainer Leurs

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