Alte
"Superman"-Fans werden bereits beim Vorspann vor Rührung
kleine Tränchen verdrücken. Da ertönt nämlich
das altbekannte (und sehr an seine andere äußerst bekannte
Titelmelodie aus derselben Epoche erinnernde) Superman Theme von
John Williams und die Titel sind im selben Stil gehalten, den die
bisherigen Teile der Superman-Serie vorgemacht haben. Für Nostalgiker
sicher wunderbar, zeigt dies aber auch gleich die erste Crux dieses
Neustarts einer immerhin fast zwanzig Jahre brachliegenden Reihe
(Puristen, die gerne die misslungenen Teile 3 und 4 aus ihrem Gedächtnis
streichen, würden sogar von über 25 Jahren sprechen).
Denn Bryan Singers Wiederbelebung des ältesten und wohl bekanntesten
Superhelden aller Zeiten ist bisweilen zu sehr gefangen in der Ehrbietung
gegenüber
den klassischen Filmen der Reihe (Superman 1 und 2) und vergisst
vor lauter Kontinuitätsdenken und Respekt, an die Zukunft von
Kryptons letztem Sohn zu denken. Oder er denkt in verquere Richtungen.
Aber wir wollen nicht zu sehr vorgreifen.
Superman (Brandon Routh) kehrt in diesem (an die Ereignisse der vorherigen Teile anschließenden) Film also wie der Titel schon sagt zurück, und zwar von einem Besuch seines zerstörten Heimatplaneten Krypton, der ihn immerhin fünf Erdenjahre gekostet hat. Und in diesen fünf Jahren ist viel passiert: Lois Lane (Kate Bosworth) hat mit Perry Whites Neffen Richard (X-Men "Cyclops" James Marsden) einen neuen Freund und einen gemeinsamen Sohn. Zudem ist Lois Lane allem Anschein nach nicht mehr die gleiche Vertraute Supermans wie vor seinem Weltallausflug. Gerade soll sie den Pulitzerpreis erhalten für den Artikel "Warum die Welt Superman nicht braucht". An derlei gravierende Änderungen muss sich Supi in Gestalt seines tölpelhaften Alter Egos Clark Kent erstmal gewöhnen, auch wenn ihm der immer noch knorrige Perry White (Frank Langella) immerhin seinen alten Job beim "Daily Planet" wiedergegeben hat. Und es kommt noch viel schlimmer, denn Supermans alter Erzfeind Lex Luthor (Kevin Spacey) wurde zwischenzeitlich aus dem Gefängnis entlassen, hat auch wieder ein Vermögen angehäuft und einen Plan, sich simultan immens zu bereichern und seinen Feind Superman endgültig zu erledigen.
Mann, was hat dieser Film für eine Geschichte hinter sich.
Fast fünfzehn Jahre in der Vorproduktionshölle, mehrere
abgebrochene Versuche mit diversen großen Namen als Autor
(u.a. Kevin Smith, dessen Skript allerdings schrecklich gewesen
sein soll) oder Regisseur (darunter so illustre Herren wie Wolle
Petersen und Tim Burton). Dutzende Schauspieler im Gespräch
für die Titelrolle, der merkwürdigste Favorit war lange
Zeit Nicolas Cage. Und nun, viele Jahre, 240 Millionen Dollar und
eine Casting-Überraschung in der Titelrolle später, ist
es also geschafft.
Jene
Überraschung ist Brandon Routh, der bisher nur als Model und
im TV in Erscheinung getreten ist. Hier gibt es Parallelen zum Vorgänger,
denn auch der verstorbene Christopher Reeve (dem dieser Film gewidmet
ist) war ein unbekannter Nachwuchsschauspieler, der dann als Superman
bekannt und beliebt wurde. Und Brandon Routh sieht ja schon ein
bisschen aus wie Reeve (sicherlich ein Grund für die Entscheidung),
so dass eine Quasi-Kontinuität gewährleistet ist. Wie
macht er seine Sache? Grundsolide, will man sagen. Er gibt einer
prägnanten Figur ein prägnantes Gesicht (manchmal zu sehr,
in manchen Einstellungen wirkt sein Gesicht sehr künstlich,
als hätte man da retuschiert), aber einem an sich doch recht
eindimensionalen Charakter kann auch er nicht viel abgewinnen. Die
durch Gene Hackman geprägte Rolle des Film-Lex Luthor hat Bryan
Singers alter Spezi Kevin Spacey (beider Großkarriere begann
mit "Die üblichen Verdächtigen")
übernommen, und wenn man ein bisschen blinzelt, sieht man sogar
eine gewisse Ähnlichkeit. Allerdings ergibt sich auch hier
Spacey eher in solide Auftragsarbeit denn in Genialität, spielt
Lex durchaus überzeugend böse und gewohnt Spacey-esk süffisant,
aber ohne rechten Schwung.
Neben diesen soliden Leistungen (zu denen man auch Frank Langella,
Parker Posey als Luthors tumbe Assistentin Kitty Kowalski und den
wieder mal in undankbarer Rolle auftretenden James Marsden zählen
kann) stehen aber auch zwei ziemliche Ausfälle. Wie befürchtet
schafft es Kate Bosworth nicht, den Charakter der Lois Lane überzeugend
darzustellen. Was nicht unbedingt an ihren Fähigkeiten liegt,
sondern den Fehlkalkulationen der Macher beim Casting und Drehbuch.
Bosworth ist 23, sieht noch mal drei Jahre jünger aus und spielt
einen Charakter, der Kontinuität und Story nach mindestens
30 sein müsste. Bosworth sieht nicht so aus und benimmt sich
auch schlicht nicht wie eine Frau, die einen Pulitzerpreis gewonnen
und einen fünfjährigen Sohn aufgezogen hat. Abgesehen
davon, dass nichts vom
Witz,
der Abenteuerlust und Dickköpfigkeit der Figur übrig geblieben
ist, so dass man sich wundert, was Superman überhaupt an dieser
Lois Lane findet. Natürlich wirkt auch Brandon Routh sehr jugendlich
und bei dem Budget ist es ja auch zu verstehen, dass man das Teenie-Publikum
mit jungen, sexy Darstellern locken will, aber in Bosworths Fall
passt das schlichtweg nicht. Schlimmer ist eigentlich nur Tristan
Lake Teabu als ihr Filmsohn Jason. Wessen Idee war es eigentlich,
diese Figur als quasi-autistisch anzulegen?
Das Drehbuch von Michael Dougherty und Dan Harris (immerhin für
Singers gelungenen zweiten Teil der "X-Men"
verantwortlich) ist leider wie Krypton nach dem großen Knall:
Ein Katastrophengebiet und Trümmerfeld. Riesige Plot- und Logiklöcher;
ein völlig beknackter Plan zur Weltbeherrschung von Lex Luthor,
der genauso gut Pinky and The Brain entsprungen sein könnte;
und eine bemüht wirkende emotionale Resonanz, die sich vergeblich
in albernen Paradoxen wie "Der Sohn wird zum Vater, der Vater
wird zum Sohn" widerspiegeln soll, welche wiederum todsicher
Marlon Brandos verwirrtem Spät-1970er Gebrabbel als Supermans
Vater entstammen.
Das absolut Schlimmste ist aber die schiere Trägheit und Vorhersehbarkeit
des Skripts. Jeder Hobbyschreiber mit ein bisschen Wissen über
Superman könnte mit einem ähnlichen Drehbuch ankommen,
das seine Konflikte nach zwanzig Minuten offen gelegt hat und sie
dann zwei Stunden im eigenen Saft schmoren lässt. Das den absolut
lahmsten Weg zur versuchten Beseitigung seines Helden einschlägt.
Und das zu bequem ist, sich eine ordentliche Lösung dafür
auszudenken, wie man Lois und Anhang sinnvoll in die Geschehnisse
der zweiten Filmhälfte einfügen kann.
Symptomatisch
ist wie gesagt Luthors Plan zur Beseitigung Supermans. Wie hier
wieder mal versucht wird, den großen Blauen in die ewigen
Jagdgründe zu befördern, ist so dermaßen lahm und
vorhersehbar, dass man sich schon fragen muss, warum ausgerechnet
Superman selbst dies als Einziger nicht kommen sieht. Hat er denn
aus den vorherigen Abenteuern gar nichts gelernt? Ähnlich fragwürdig
ist die zum Teil fatal fehlende interne Logik. Man lässt Fantasy-Spektakeln
ja einiges durchgehen, aber die finale Rettungstat des Helden im
blauen Strampelanzug verursacht schon Kopfschütteln ("Warte
mal, vor zwanzig Minuten war er doch noch… Und jetzt kann er…?
Hmmm….").
Der einzige Punkt, bei dem im Drehbuch Singers Einfluss deutlich
wird, ist sein Versuch, eine Parabel um Väter und Söhne
aufzubauen, inklusive "Pro Adoptionen"-Fazit. Singer ist
selbst adoptiert und versucht hier sowohl, seinen Pflegeeltern ein
kleines Denkmal zu setzen, als auch über Väter, die ihre
Söhne verlassen, zu philosophieren. Ein eigentlich akzeptabler
Subtext, der aber für den Fall eines Sequels bereits Probleme
aufwirft und zudem psychologische Konflikte anbahnt, die in der
Superman-Franchise nicht wirklich gut aufgehoben sind.
Kurz gesagt: Schon beim ersten Teil des Neustarts schreibt sich
die Superman-Reihe in eine Ecke, aus der sie so ohne weiteres nicht
herauskommt. Abgesehen davon, dass bei aller Freude über (zumindest
versuchte) Charaktertiefe eines abhanden kommt: Spaß. Und
dass dies immer noch ein Teil einer Comicverfilmung sein sollte,
das haben zumindest die vorhergehenden ersten beiden Filme der Reihe
verstanden und (manchmal zu sehr) beherzigt. Vielleicht liegt es
auch an dem anderen Subtext (Superman als Jesus-Figur), der zwar
ohne Zweifel seine Momente hat, aber doch am Ende den Film in ein
zu enges Korsett aus Schwermütigkeit und Verzicht schnürt.
Nun ist das Drehbuch ja nur ein Aspekt, und ohne Zweifel wird das
Gemäkel daran wieder als die Begehrlichkeiten des Filmsnobs
gebrandmarkt werden, der die Intentionen des Films verkennt. Aber
in diesem Falle hieße dieses Argument, die Intentionen des
Regisseurs zu verkennen. Denn Singer will eben nicht nur reine Popcornunterhaltung
bieten, sondern sie mit psychologischer Tiefe und Reife anreichern.
Dass er dies kann, hat er mit den "X-Men"
bewiesen. Dass er darin auch scheitern kann, beweist jetzt der mindestens
20 Minuten zu lange "Superman Returns". Singers Erfolglosigkeit
mit dem Material erinnert ein wenig an Ang Lees "Hulk",
der ebenfalls die lobenswerte Absicht hatte, Popcorn-Action und
Charaktertiefe zu vereinen, und irgendwo bei beidem scheiterte.
Sicher kann man geflissentlich über so manche inhaltliche Schwäche
hinwegsehen, wenn denn der Film einen als reiner Action- und Effektkracher
aus dem Kinosessel haut. Gehauen wird hier aber nicht. Das soll
jetzt nicht undankbar klingen, aber selbst die Effekte sind nur
so lala.
Man
ist vielleicht verwöhnt nach all den Spektakeln à la
"Herr der Ringe", aber auch visuell bietet dieser Film
nichts, was man nicht begeisternder schon irgendwo anders gesehen
hätte. Dies war ja bei allen Schwankungen in Tempo und Ton
die große Stärke des Originalfilms, dass er die Zuschauer
damals mit seinen Actionszenen wirklich in Staunen und Begeisterung
versetzen konnte. Dies ist heutzutage natürlich nicht mehr
so leicht, aber die relativ lustlose Inszenierung der manchmal auch
zu deutlich aus dem Rechner kommenden set pieces lässt diese
vorbeiziehen, ohne dass man so recht involviert war.
Was natürlich auch mit der Figur Superman selbst zu tun hat.
Da er ein rein physisch quasi unbegrenzt starker Charakter ist,
ist die Frage ja nicht: "Wird er es schaffen?", sondern
"Wie groß wird der Felsen diesmal sein, den er hochheben
muss?". Da muss man dann schon ein bisschen um die Ecke denken,
um das Ganze mitreißend und wirklich spannend zu inszenieren.
Wie in allen Bereichen bleibt dies auch hier aus, und damit auch
der Aha-Effekt. Natürlich kriegt der Zuschauer für sein
Geld einiges zu sehen (beeindruckend sicherlich ein Flugzeugabsturz,
den es aufzuhalten gilt), aber wenn man sich überlegt, wie
viel Geld diese Sequenzen gekostet haben, macht sich doch Ernüchterung
breit. So viel Geld für so wenig?
So könnte man auch den gesamten Film zusammenfassen, und das Ganze dann abwandeln in "zu viel Geld für zu wenig". Einen schlechten Film hat Singer nicht gemacht, nur einen äußerst mittelprächtigen. Aber wer will für 240 Millionen Dollar schon einen mittelprächtigen Film? Das teuerste Mittelmaß der Welt haben wir hier vor uns, und das kann nicht reichen, kann nicht zufrieden stellen. Dies ist absolut annehmbare Popcorn-Unterhaltung, aber man hat den Film schon eine halbe Stunde nach Abspann fast komplett vergessen. Nichts bleibt als besonders bemerkenswert im Gedächtnis hängen: keine einzige Zeile Dialog, keine fulminante Actionsequenz, kein erwähnenswerter Darsteller, der noch etwas rausreißt. Wenn man sich nach all dem Spektakel hauptsächlich an Kitty Kowalskis Kannibalenhündchen erinnert, ist irgendwas falsch gelaufen. Superman kehrt zurück - und wen interessiert's?


Der Film ist nicht gerade der Brüller. Brandon Routh kommt auf keinen
Fall mit Christopher Reeve mit. Das Beste an dem Streifen ist der
Vorspann, fast wie im Original. Der Rest ist Durschschittsware. Aber
für gute Unterhaltung reicht es allemal.
Endlich mal ein Superman, der wie ein Außerirdischer wirkt. Endlich kriegen wir mal mit, dass der Mann aus Stahl auch eine Libido hat. Der Kampf Gott gegen Mann um eine Frau ist grandios inszeniert. Nicht zuletzt deshalb, weil der Zuschauer gegen Ende des Films immer stärker auf die Seite des "Sterblichen" gezogen wird.
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