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Strajk - Die Heldin von Danzig

Strajk - Die Heldin von Danzig
drama , deutschland 2006
original
strajk - die heldin von danzig
regie
volker schlöndorff
drehbuch
andreas pflüger, sylke rene meyer
cast
katharina thalbach,
andrzej chyra,
dominique horwitz,
andrzej grabowski, u.a.
spielzeit
104 Minuten
kinostart
8. März 2007
homepage
http://www.strajk-derfilm.de/
bewertung

5 von 10 Augen

 

Wenn ein deutscher Regisseur mit einer deutschen Hauptdarstellerin einen Film über den Streik der Danziger Werftarbeiter von 1980 dreht, der zur Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc (Solidarität) und damit zum Anfangspunkt des Umsturzes des polnischen Sozialismus (und dem Ende des Ostblocks) führte, so ist Ärger eigentlich vorprogrammiert. Volker Schlöndorff stellt in "Strajk - Die Heldin von Danzig" eine historisch bedeutsame Kranführerin in den Mittelpunkt, die außerhalb Polens bis dato fast unbekannt war. Jetzt hätte man eigentlich Schimpfe vom damaligen Frontmann und späteren Friedens-Nobelpreisträger Lech Walesa erwartet (es kam aber nur Lob) und gleichzeitig Lob von der spät geehrten Dame (es kam aber nur Schimpfe). Vom polnischen Regiemeister Andrzej Wajda, der die Ereignisse in seinem Film "Mann aus Eisen" schon 1981 filmisch verarbeitet hatte (und dafür die Goldene Palme in Cannes erhielt), hätte man auch annehmen können, es gebe Schimpfe (es gab aber nur … jawohl, Lob).
In Polen sind die Ereignisse des Augusts 1980 bis heute nicht richtig aufgearbeitet. Die Frage, wer damals die Schergen, die Helden und wer die Bauernopfer waren, zehrt immer noch an diesem nationalen Mythos. Aus diesem Grund wird Schlöndorffs Film in Polen auch mit gemischten Gefühlen gesehen.

"Strajk" basiert auf der Geschichte der (hier in Agnieszka Kowalska umbenannten) Kranführerin Anna Walentynowicz, deren fristlose Entlassung auf der Danziger Lenin-Werft den historischen Streik auslöste. Agnieszka (Katharina Thalbach) ist eine kleine, aber resolute Frau: Sie erzieht ihren Sohn allein, verliebt sich in einen Trompeter (Dominique Horwitz), arbeitet hart und erfüllt immer mehr als ihr Soll auf der Werft. Ihr aufrührerisches Engagement beginnt mit einem Kampf um warme Suppe für die Arbeiter in ihrer Halle und endet viele Jahre später schließlich in einem Streik, der die Nation verändert. Den Vortritt als Redner und Spitze der Bewegung überlässt sie dabei einem Mann: Lech Walesa (Andrzej Chyra, "Leben in mir").

Zuerst einmal muss Katharina Thalbach für ihre Darstellung der couragierten Hauptfigur gelobt werden. Sie beherrscht das Bild immer und überall und wurde zu Recht mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Trotzdem bleibt immer eine leichte Irritation beim Zuschauer, da Thalbach ohne sichtbare Veränderungen durch die Maskenbildner ihre Figur über eine Zeitspanne von 20 Jahren spielt. Thalbach ist zwar gut, aber ihr haftet immer etwas Spitzbübisches an, was mit der übergroßen Ernsthaftigkeit der Inszenierung von "Strajk" kollidiert. Die Hauptfigur darf zudem nicht einmal eine wirkliche Entwicklung durchlaufen: Anfänglich ist sie fleißig, couragiert und katholisch, im Mittelteil fleißig, couragiert und katholisch und schließlich - man kann es sich denken.
Des Weiteren ist die Symbolik des Films überaus plump. Auf der einen Seite wird auf ausgelutschten Symbolen träge herumgekaut, auf der anderen Seite zeigt Schlöndorff die tatsächlichen Hintergründe dieser spezifischen Geschichte in einem ungünstigen Licht. Wenn eine friedliche Revolution von Werftarbeitern im Film in einer Szene fast als Lynchmob dargestellt wird, so kann man den Ärger der echten Anna Walentynowicz gut verstehen.
Die Einbindung dokumentarischen Bild-Materials in "Strajk" löst nur müdes Gähnen aus, hat doch Andrzej Wajda das schon 1981 in seinem "Mann aus Eisen" wesentlich besser eingesetzt (Wajda musste damals nicht nur konsequent eine Verhaftung während der Dreharbeiten befürchten, sondern sich die realen Aufnahmen heimlich und auf vielen Umwegen beschaffen). Die Kamera von Andreas Höfer ("Sommer vorm Balkon") ist gut, besonders die Werft wird interessant eingefangen. Auch der Schnitt von Peter Przygodda (Stamm-Cutter von Wim Wenders) ist sehr gut. Doch das chronologische Gerumpel durch die Jahrzehnte und die stellenweise Spannungslosigkeit der braven Erzählung kann auch die Montage nicht übertünchen.
Es gibt nur einen Punkt, der noch übler aufstößt als die langweilige Erzählung: die Musik. Die Sache ist einfach: Die Wahl von Elektro-Avantgardist Jean-Michel Jarre, der 2005 ein Live-Konzert zum 25. Jubiläum der Solidarnosc in der Danziger Werft gab, leuchtet zwar ein, aber entweder mag man die eigenwilligen elektronischen Klänge seiner Filmmusik, welche die industrielle Werftkulisse untermalt, oder man findet sie einfach nervtötend. Ein bisschen Mäßigung wäre vielleicht keine schlechte Idee gewesen.

So ist "Strajk" mehr Schein als Sein. Der Film verursacht mediales Interesse wegen gerichtlicher Klagen und Diskussionen über die "wahren" Ereignisse und Personen, ist aber filmisch gesehen weit entfernt von den Höhepunkten im Werk Schlöndorffs. Wer sich gern einen Film über den Streik ansehen möchte, dem sei Andrzej Wajdas "Mann aus Eisen" ("Czlowiek z zelaza", 1981) ans Herz gelegt, der jedoch nur als DVD-Import in gut sortierten Film-Bibliotheken erhältlich ist. Doch auch wenn Wajda den besseren Film über diesen Stoff drehte, so triumphierte Schlöndorff schon zuvor an anderer Stelle: Wajda war einst die erste Wahl für die Verfilmung der "Blechtrommel", doch Günter Grass und der Regisseur scheiterten in ihrer Zusammenarbeit schon am Drehbuch. Volker Schlöndorff übernahm den Job und gewann schließlich mit dem Film den ersten deutschen Auslands-Oscar.
Schlöndorffs nächstes Projekt ist die Verfilmung des historischen Romans "Die Päpstin" von Donna Cross. Er kann aufatmen: Diesmal wird es ganz bestimmt keinen Ärger mit der realen Hauptfigur geben.

Margarete Prowe

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