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Spurwechsel - Changing Lanes

Spurwechsel - Changing Lanes
thriller , usa 2002
original
changing lanes
regie
roger michell
drehbuch
michael tolkin, chap taylor
cast
ben affleck,
samuel l. jackson,
toni collette,
amanda peet,
sidney pollack, u.a.
spielzeit
100 Minuten
kinostart
7. November 2002
homepage
bewertung

9 von 10 Augen

 

Es sind nur wenige Sekunden, die das Leben zweier Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, für immer verändern, durch eine Reihe von Ereignissen, die gleichzeitig für beide den schlimmsten Tag bedeuten, den diese je erlebt haben. Die Männer sind Gavin Banek (Ben Affleck), ein ehrgeiziger, aufstrebender Anwalt, und Doyle Gibson (Samuel L. Jackson), ein Ex-Alkoholiker, der um das Sorgerecht seiner Söhne kämpft. Beide Männer müssen vor Gericht erscheinen, beide sind zu spät dran, und als eine Unachtsamkeit beim titelgebenden Spurwechsel zum Unfall führt, beginnt eine Reihe von (Fehl-)Entscheidungen, von Reaktion und Gegenreaktion, die das Handlungsgefüge dieses Films darstellen. Gibson, der sein Leben in den Griff kriegen will, möchte alles richtig machen, Versicherungsinformationen austauschen. Aber Banek, der arrogante Anwalt, der hier noch glaubt, mit Geld alles regeln zu können, schreibt ihm lediglich einen Blankoscheck aus und braust mit den Worten "Mehr Glück beim nächsten Mal" davon, den perplexen Gibson ohne Verkehrsmittel und im strömenden Regen zurücklassend.

Gibson kommt zu spät zu seiner Verhandlung und verliert in seiner Abwesenheit das Sorgerecht für seine Söhne. Doch auch Banek zahlt einen Preis für seine Entscheidung. Das von ihm vor Gericht vorzulegende Dokument blieb am Unfallort liegen - und wurde von Gibson gefunden. Banek wird von der Richterin ein Ultimatum gesetzt. Noch am selben Abend muss das Dokument vorliegen, ansonsten verliert Banek den Fall und damit auch das Wohlwollen von Boss und Schwiegervater Delano (Sidney Pollack). Panisch macht sich Banek auf die Suche nach dem Mann, dessen Namen er nicht mal kennt. Zufällig begegnet er Gibson, was dann zu einem höchst lächerlichen Entschuldigungsversuch Baneks führt und der Weigerung Gibsons, ihm das Dokument auszuhändigen. Wütend und verzweifelt versucht Banek Gibson in die Übergabe der Akte zu erpressen, dieser kontert die Aggressionen und bald befinden sich beide Männer in einem gnadenlosen Spiralfall in die Selbstzerstörung.

Traue keinem Trailer! Will einem das Werbefilmchen diesen Streifen doch glatt als platten Actionreißer verkaufen. "Falling down" this isn't. Anstatt sich wie damals Joel Schumacher von einer ähnlichen Ausgangssituation in platteste Gefilde zu manövrieren, haben Regisseur Roger Michell und Drehbuchautoren Chap Taylor und Michael Tolkin anderes im Sinn. Um Moralität geht es hier, um die Entscheidungen, die wir tagtäglich treffen, und jene, die wir unter Druck fällen. Es geht auch noch um viel mehr. Darum, wie jede Aktion eine Reaktion fordert und wie sinnlos in den meisten Fällen Gewaltmechanismen ausgelöst werden, die sich verselbstständigen. Und letztendlich darum, in was für einer abgefuckten, moralisch bankrotten Welt wir alle leben.

Dass man eine Abhandlung wie diese aus einer derart gezwungenen Ausgangskonstruktion wie hier überhaupt herausdestillieren kann, hat viel damit zu tun, dass hier alle Beteiligten höchst effektiv und - jawoll! - großartig zusammenarbeiten, und dass man als Zuschauer kleinere bis mittlere Logiklöcher in Kauf nehmen muss. Dass zum Beispiel der finanzschwache Gibson den Blankoscheck ablehnt oder die beiden sich ‚zufällig' wiedertreffen kann man akzeptieren - oder eben nicht. Wer akzeptiert, wird mit einem Film belohnt, der sich so unerwartet wie auf ungewöhnliche Weise über die Konkurrenz erhebt, welche zumeist lediglich hohlen Formeln folgt. Sicher, wir wissen, dass das Duell der beiden Hitzköpfe in ein "Ich setze noch eins drauf"-Verfahren führt, aber in welche Nebenstraßen und Sackgassen der Film dann manövriert, können wir nicht erahnen. Weitaus schwächere Filme mit ähnlicher Ausgangssituation enden im finalen und brutalen Duell mit Waffengewalt und Null Ideengehalt. Wenn sich Gibson und Banek am Ende endlich gegenüberstehen wird nicht geprügelt oder geschossen, ja nicht einmal geschrieen.

Die einzigen Waffen, die dieser Film benutzt, sind Dialoge. Von denen gibt es hier so viele gelungene, dass man gar nicht weiß, was man da zuerst loben soll. Samuel Jacksons Alternativvorschlag für einen Tiger Woods-Werbespot ist derart messerscharf auf den Punkt gebracht, Ben Afflecks Rede im Treffen mit dem vermeintlichen Feind derart prägnant, Sidney Pollacks giftiges Abstrafen seines Schwiegersohns derart kompromisslos, dass man den Drehbuchautoren Taylor und Tolkin - Neuling und Veteran - voll Anerkennung auf die Schulter klopfen muss. Auch für ihren gelungenen Versuch einer Charakterstudie. Denn dass der Film überhaupt funktioniert, liegt daran, dass die beiden Protagonisten so gut geschrieben sind: Keiner von beiden ist ein Hollywoodbösewicht, keiner eine cartoonhafte Übertreibung, keiner nur eine Ansammlung von Klischees. Dabei wäre dies so einfach gewesen, den bösen jungen Yuppieanwalt den armen Schwarzen das Leben zur Hölle machen zu lassen. In einem anderen Film. Diese Autoren haben aber wirklich etwas zu sagen und tun das mit Klarheit und Präzision.
Dann ist da Regisseur Roger Michell, der nach "Notting Hill" ganz unerwartet einen anderen Gang einlegt - und sich prächtig macht. Die für die Dynamik des Films sehr geschickt eingebrachte Ultimatumssituation wird von ihm mit äußerst lebendiger Kamera und pulsierenden Elektronikbeats umgesetzt (hat er vielleicht "Lola rennt" gesehen?). Fehlen nur noch die Schauspieler, die ebenfalls am oberen Qualitätsrand ihrer Fähigkeiten spielen.

Dass Samuel L. Jackson ein hervorragender Schauspieler ist, ist kein Geheimnis. Da er für den Großteil seiner Karriere aber den bad ass gegeben hat, kommt sein Spiel hier doch ein wenig als Überraschung daher. Zwar kann sein Doyle Gibson die unterschwellige Wut nur mühsam unterdrücken, aber Jacksons Spiel hat kaum mehr etwas von der grellen Präsenz früherer Auftritte. Sein nuanciertes Auftreten ist nahezu understated, dabei jedoch so präzise wie selten zuvor. Subtilität wird bei den Darstellern ganz groß geschrieben. Was dann sogar einen Ben Affleck gut aussehen lassen kann.
Affleck, sich seit ein paar Jahren mit Val Kilmer, Ethan Hawke und Keanu Reeves im Vierkampf um den unrühmlichen Titel "Eindimensionalster und ausdruckslosester Schauspieler Hollywoods" befindend, hält sich davon ab (oder wird davon abgehalten) so gnadenlos zu übertreiben wie z.B. in "Pearl Harbor", wo sein Chargieren der hundsmiserablen Liebesgeschichte den letzten Rest gab. Natürlich kommt ihm hier auch das Drehbuch zugute, denn Afflecks ausdruckslose, blanke Gesichtszüge sind für einen Charakter wie den des Gavin Banek nicht falsch und verhelfen Affleck zu seiner besten Leistung seit "Chasing Amy" (1997).
Wenn man aber die beiden Protagonisten lobt, so wäre ihr Schauspielerduell verloren ohne die vorzüglich besetzten und gespielten Nebenrollen, allen voran die Damen in diesem Film. Toni Collettes Rolle als Sekretärin und Geliebte Baneks ist zwar im Grunde genommen überflüssig, sie verleiht diesem undankbaren Part aber eine Tiefe und Ausdruck, wie er in derart kleinen Rollen in Hollywood nahezu nie aufzufinden ist. Kim Staunton als Doyles Exfrau Valerie hält mit ihrer starken Vorstellung, dem heimlichen Trumpfass von "Spurwechsel", den Erzählstrang ums Sorgerecht zusammen. Und dass die bisher ausschließlich in Unsinn ("Zickenterror - Der Teufel ist eine Frau") verheizte Amanda Peet in einem quasi-Cameo als Baneks Ehefrau die beste Rede - und in ihrer dramatischen Wirkung beste Szene und den Höhepunkt des ganzen Films - hat, spricht auch für sich. Einzig William Hurt (ebenfalls in einem fast-Cameo) bleibt ungenutzt.

Bei soviel Lob muss dann noch eine kleine Einschränkung erlaubt sein, die auch gleichzeitig ein wenig Enttäuschung aufkommen lässt. Denn dass ein Film wie dieser, der für nahezu die gesamte Laufzeit kompromisslos und unbarmherzig ist, sich in den letzten fünf Minuten in ein erzwungenes und schlichtweg falsches Kuschelende fügt, fühlt sich ein wenig wie Schummeln an; wie das heuchlerische Bemühen, den Zuschauer mit der Idee zu hinterlassen, dass die Welt ein so schlimmer Platz gar nicht ist, wenn wir nur alle etwas besser handeln. Zu dumm nur, dass dieses konstruierte und moralinsaure Ende damit die kraftvollsten, widerhallenden Momente des Films ein wenig negiert. Aber lassen wir hier Milde walten und nicht nur den geschundenen Protagonisten ein wenig Hoffnung gönnen. Denn "Spurwechsel" befindet sich für so lange und so gelungen auf dem richtigen Weg, dass nicht mal diese leichte Irritation wirklichen Schaden hinterlässt. Mit Sicherheit der beste und herausforderndste Mainstream-Film des Jahres.

Simon Staake

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