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Sprich mit ihr - hable con ella

Sprich mit ihr - hable con ella
melodrama , spanien 2002
original
hable con ella
regie
pedro almodovar
drehbuch
pedro almodovar
cast
javier camara,
dario grandinetti,
rosariao flores,
leonor watling, u.a.
spielzeit
116 Minuten
kinostart
8. August 2002
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

 

1999 überzeugte Cecilia Roth in Pedro Almodóvars Melodram "Alles über meine Mutter" als die Krankenschwester Manuela. Nun scheint es, als hätte der spanische Regisseur einen Faible für Pflegepersonal entwickelt: In "sprich mit ihr", Almodóvars jüngstem Film, lernen wir in der Hauptrolle den selbstlosen Krankenpfleger Benigno kennen. Kein Grund zur Panik: um staubige Arztserien-Romantik macht der mehrfach ausgezeichnete Filmemacher nach wie vor einen großen Bogen.
Benigno (Javier Cámara) ist verliebt. Der etwas pummelige Mitzwanziger hat kein Problem damit, dass seine Angebetete seit vier Jahren im Koma liegt. Im Gegenteil. So hat er die Chance, der wunderschönen Balletttänzerin Alicia (Leonor Watling) als Krankenpfleger seine uneingeschränkte Zuwendung zukommen zu lassen. Alicias Pflege entwickelt sich für ihn zum Lebensinhalt: Neben den alltäglichen Arbeiten, die zur Pflege eines Komapatienten gehören, schminkt, manikürt und frisiert Benigno seine heimliche Geliebte und "überrascht" sie mit Geschenken. An der Außenwelt nimmt er nur noch teil, um ihr hinterher davon zu erzählen. Denn obwohl die Ärzte es für sinnlos halten, spricht Benigno mit Alicia, wie mit einer vollwertigen Gesprächspartnerin.
Nur wenige Meter entfernt liegt die Stierkämpferin Lydia (Rosario Flores) seit einem Unfall in der Arena im Koma. Der Journalist Marco (Darío Grandinetti) harrt Tag und Nacht an dem Bett seiner Geliebten aus, kommt sich jedoch überflüssig und hilflos vor. Benigno hilft ihm, mit der Situation umzugehen. Das gemeinsame Schicksal bindet die beiden unterschiedlichen Charaktere aneinander und es entwickelt sich eine enge Freundschaft. Bis Marco auf einer Auslandsreise erfährt, dass Benigno sich in Untersuchungshaft befindet und im Verdacht steht, Alicia geschwängert zu haben.
Wie von Pedro Almodóvar nach Klassikern wie "Live Flesh - mit Haut und Haar" (1997) und "Alles über meine Mutter" (1999) zu erwarten war, ist auch sein jüngstes Werk keine leichte Kost: "Hable con ella" handelt in erster Linie davon, wie Liebende nicht zueinander finden. Typisch spanischen Machismo sucht man hier vergebens: Wahrscheinlich aufgrund der jahrelangen Pflege seiner bettlägerigen Mutter und der anschließenden Sorge um Alicia haftet Benigno etwas leicht tuntiges an. Sein Leidensgenosse Marco - obwohl in tiefer Liebe mit der Torrera Lydia - trauert einer verflossenen Liebe hinterher und beweint jeden schönen Moment, den er nicht mit seiner Ex-Geliebten teilen kann. Dennoch ist "Hable con ella" keine schmalzige Schmonzette. Allen voran Javier Cámara alias Benigno versteht es exzellent, den Bogen zwischen Krankenpfleger und Liebendem zu spannen. Unterleibswaschungen wirken nicht obszön oder erotisierend, sondern rein sachlich, während in nahezu nebensächlichen Zuwendungen wie etwa Maniküre Benignos Liebe zu Alicia deutlich spürbar wird.
Benignos körperliches Begehren symbolisiert Almodóvar anhand eines etwa fünfminütigen schwarz-weißen Stummfilmes im Stil der 20er Jahre. In "Der schwindende Liebhaber" erkundet ein auf Däumlingsgröße geschrumpfter Mann den Körper seiner schlafenden Frau und findet sich in ihrem Schoße wieder. Die für ihn übermannsgroße Vagina scheint wie das Ziel aller Sehnsüchte, in das er zu ihrer Verzückung nach einigem Zaudern eindringt und verschwindet. Kraft dieser Symbolik umgeht Almodóvar die prekäre Lage, den moralisch höchst zweifelhaften Akt einer eventuellen Vergewaltigung der komatösen Patientin darstellen zu müssen. Trotz der etwas rüden Unterbrechung (Stummfilm im Film) nimmt der Handlungsfaden keinen Schaden. Vielmehr zieht sich diese Art von Symbolik durch den gesamten Film, lässt einige Fragen offen und gibt dem Zuschauer so Raum für eigene Phantasien.
Ein erfrischendes Stück Filmgeschichte um Moral, männliche Zwiespälte und jede Menge Tränen, das sich Freunde süßer Tragik nicht entgehen lassen sollten. Aktive Tierschützer hingegen sollten den Film meiden: die Kollegen sind wegen einer Stierkampfszene bereits auf den Barrikaden ...

Frank-Michael Helmke

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