Woody
Allen hat es eigentlich nicht mehr nötig, sich in Arbeit zu stürzen
oder über irgendwas groß aufzuregen. Mit inzwischen 64
Jahren gehört er zu den etabliertesten Filmemachern unserer Tage,
hat seinen Scheidungsskandal mit Mia Farrow lange hinter sich gelassen,
steht dank Meisterwerken wie „Der Stadtneurotiker“ oder „Purple Rose
of Cairo“ in allen Filmgeschichtsbüchern, prägte die New
York-Komödie wie kein Zweiter, und spielt immer noch jede Woche
in seinem Lieblingsclub Klarinette. Gefestigt nennt man so einen Zustand
im allgemeinen. Trotzdem macht Allen mit schöner Regelmäßigkeit
jedes Jahr einen Film. Aber vielleicht liegt es gerade an dieser
Stabilität seines Daseins, daß Allen’s Werke langsam mehr
in Richtung Durchschnitt tendieren und den kreativen Schwung früherer
Tage vermissen lassen.
„Schmalspurganoven“ ist die 31. Regiearbeit von Woody Allen, und ganz
sicher eine der schlechteren. Was bei einem Mann mit so eindrucksvoller
Konstanz nicht gleich einen in der Tat schlechten Film erahnen läßt,
sondern halt einen der zwar nett, aber ganz sicher nicht toll ist.
Mit
seinen gewohnt einfachen Mitteln (Allen war noch nie ein Mann großer
Budgets) erzählt er hier von dem relativ simpel gestrickten Ehepaar
Ray und Frenchy, Tellerwäscher und Maniküre. Um den gemeinsamen
Ruhestand in Florida zu sichern, kommt Ray eines Tages mit dem Plan
für einen Banküberfall nach Hause. Aus einem leerstehenden
Geschäft will er sich in die wenige Meter weiter gelegene Bank
graben und den Tresor ausräumen. Während er und seine Kumpel
im Keller buddeln, soll Frenchy im Erdgeschoss einen Keksladen betreiben,
sozusagen zur Tarnung. Doch während unter der Erde so allerhand
schief geht, entwickeln sich Frenchy’s Kekse zum absoluten Renner.
Die ganze Stadt ist verrückt danach, und nachdem ein hilfsbereiter
Polizist das Wort „Franchise“ ins Spiel gebracht hat, macht der Film
einen Zeitsprung um ein Jahr, und Ray und Frenchy sind auf einmal
die steinreichen Präsidenten des größten und beliebtesten
Keks-Fabrikanten des Landes.
Das klingt so dermaßen an den Haaren herbeigezogen, daß
es nur ein billigster Plot-Device sein kann, und das ist es auch.
Nur schade, daß anschließend Ray’s grenzdebile Komplizen
von der Bildfläche verschwinden und auch die etwas Allen-untypischen,
aber durchaus amüsanten Ansätze von Slapstick ein Ende finden.
Denn jetzt geht die eigentliche Geschichte erst los, die sich indes
als enorm uneinfallsreich entpuppt. Mit jeder Menge Schotter ausgestattet,
könnte sich das fröhliche Pärchen eigentlich ein duftes
Leben machen, doch wie das so ist: Mit dem Geld kommt auch der gesellschaftliche
Umgang in höheren Kreisen, und da passen unsere beiden Arbeiterklasse-Gesellen
natürlich rein wie eine Gruppe Fußball-Hooligans in
die Staatsoper. Ray stört das nicht wirklich, aber Frenchy lechzt
nach Anerkennung, nach Klasse, nach Stil, Kultur, Bildung und gutem
Geschmack. Der Konflikt ist vorprogrammiert: Er schreit nach Cheeseburgern,
sie will bei einem Society-Schnösel (Hugh Grant) Nachhilfe nehmen.
Diese
alte Mär vom Neureichen, der etwas sein will, was er nicht ist,
und sich seiner selbst schämt, weil seine neue Umgebung nicht
mit seiner alten klar kommt, wird hier zwar ansprechend, aber ohne
jegliche Variation oder neue Aspekte aufgewärmt. So reitet der
Film mächtig offensichtlich auf der einfachen Botschaft dieses alten
Motivs herum, erzählt dabei eine allzu simpel gestrickte Geschichte
mit „Deus ex machina“-Effekt und wäre eigentlich schlichtweg
langweilig, wenn da nicht noch die Dialoge wären. Woody Allen
ist nicht umsonst bereits 13mal für den Drehbuch-Oscar nominiert
worden (und hat diesen zweimal gewonnen), wenn seine scharfzüngigen
und gut beobachteten Dialoge nicht stets der heimliche Höhepunkt
eines jeden Films wären. Heimlich ist das hingegen in diesem
Falle nicht mehr, denn dank des unerwartet hölzernen Auftretens
einiger Darsteller braucht man schon ein ordentlich geschliffenes
Wort, damit der Zuschauer nicht doch noch in allgemeines Mißfallen
umschwenkt. Auch wenn Allen schon wesentlich bessere Skripts produziert
hat, sind die Wortgefechte seiner Figuren doch von gewohnter Klasse,
bergen realistische Sprachmuster und einen tiefgründigen, geistreichen
Witz, der zwar nur selten für lautes Gelächter, aber dafür
umso häufiger für ein amüsiertes Schmunzeln sorgt.
Wie es bei Allen eben schon immer der Fall war.
Die
Routine kehrt ein beim Altmeister der sophisticated comedy, und sie
kehrt auch ein bei seinen Zuschauern. Er macht halbwegs geistreich-niveauvolle
Filme, wir zollen ihm dafür jedes Jahr den verdienten Respekt.
Die Abstände zwischen seinen großen Würfen wachsen,
unser Wohlwollen wächst mit. Manche Leute sind einfach so etabliert,
daß man ihnen selbst dann nicht böse werden kann, wenn
sie nachlassen. Woody Allen gehört ganz sicher dazu.
kleine Werbepause
Schmalspurganoven
Bilder: Copyright Dreamworks SKG



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