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Schlaraffenland

Schlaraffenland
thriller , deutschland 1999
original
schlaraffenland
regie
friedmann fromm
drehbuch
friedmann fromm, christoph fromm
cast
heiner lauterbach,
franka potente,
tom schilling,
daniel brühl,
ken duken,
jürgen tarrach,
susanne bormann,
tobias schenke,
denise zich,
camilla renschke, u.a.
spielzeit
114 Minuten
kinostart
11. November 1999
homepage
bewertung

7 von 10 Augen

„Schlaraffenland“ macht keinen Spaß. Diese Warnung muß einfach an den Anfang gestellt werden. Denn die Gefahr, mit völlig falschen Erwartungen in diesen Film zu gehen, ist verdammt hoch. Das hat zum einen zwar die seltene und meist erfreuliche Wirkung, daß der Zuschauer völlig überrascht wird. Das hat zum anderen (und speziell in diesem Falle) aber auch zur Konsequenz, daß man mit etwas konfrontiert wird, worauf man nicht vorbereitet war, und das man vielleicht auch gar nicht sehen wollte. „Schlaraffenland“ beginnt mit einer spaßigen Plotidee, über die jeder schon einmal nachgedacht hat, und endet in einem Chaos von Gewalt und Tod, wie es in dieser erdrückenden Konsequenz noch in keinem deutschen Film zu sehen war.

Das größte Einkaufszentrum der Stadt. Unmengen von Geld, Klamotten, Nahrungsmitteln und anderen Dingen wechseln hier tagtäglich den Besitzer. Ein typischer Ort, an dem Jugendliche abhängen, die nichts besseres zu tun haben. Speziell solche Jugendliche, die nicht viel haben und nicht viel sind: Das Shopping-Paradies zieht Amateur-Ladendiebe und Schmalspur-Dealer an wie Fliegen. Teenager, die in ihrer normalen Existenz aufgrund armer Eltern so wenig zu bieten haben, daß sie sich hinter Spitznamen verstecken (An einer Stelle fragt ein Mädchen ihren Freund nach dem Akt der Liebe: „Wie ist eigentlich dein richtiger Name?“). Einer von ihnen ist Laser, der mit seinem Halbbruder Danny im Zentrum unterwegs ist und die süße Pia umgarnt. Danny wird beim Klauen von Turnschuhen erwischt (die ihm vier Nummern zu groß sind) und wird vom privaten Sicherheitsdienst, der das Kaufhaus überwacht, mit in die Zentrale genommen. Der wenig zimperliche Wachmann Popps (Heiner Lauterbach) zwingt ihn zur Unterschrift eines Geständnisses und verlangt 500 Mark, um es ihm wiederzugeben. Auch nicht ganz unkorrupt. Während Danny und Laser die Station wieder verlassen wollen, schlägt aufgrund eines tobenden Unwetters der Blitz ein, und Laser bekommt mit, daß alle Überwachungssysteme im Kaufhaus ausgefallen sind. Das ist die Gelegenheit! Er trommelt sechs seiner Freunde zusammen, und gemeinsam wollen sie eine Nacht im Einkaufszentrum verbringen, die Party des Jahres.
Wer hat davon noch nicht geträumt? Ganz allein in so einem Konsumtempel, ohne Überwachung, ohne Kontrolle. Was man da alles anstellen könnte! Die erste Enttäuschung des Films stellt die relative Phantasielosigkeit der Kids dar. Durch das selbstauferlegte (und wenig glaubhafte) Gebot „Es wird nichts geklaut“ in den Möglichkeiten schon stark eingeschränkt, machen die sieben auch sonst nicht viel abnormales. Da fällt manchem Zuschauer sicher mehr ein. Aber während man sich darüber wundert, schlägt der Film einen ganz anderen Weg ein.
Aufgrund des Systemausfalls schickt der Sicherheitsdienst ein Vierer-Team ins Einkaufszentrum. Neben Heiner Lauterbach erscheinen hier „Musterknabe“ Jürgen Tarrach als naiver, aber pflichtbewußter Waffennarr, Roman Knizka als junger Draufgänger und „Lola“ Franka Potente als unerfahrener Neuzugang. So bleiben die Kids nicht lange ungestört, und das nächste Ziel heißt: Raus! Das stellt sich als nicht so einfach dar, denn die Türen sind wieder verriegelt, und während zwei der Sicherheitsleute die vermutlichen Einbrecher jagen, haben die anderen beiden plötzlich einen ganz anderen Plan. Der hat nicht gerade wenig damit zu tun, daß im Safe die Einnahmen eines kompletten Vorweihnachts-Wochenendes liegen.
Man ahnt so langsam, was kommen wird. Aber es kommt noch viel schlimmer. Die Jugendlichen sind dem Pillenschmeißen nicht ganz abgeneigt, und so finden sie sich teilweise in einem Zustand wieder, in dem man sie besser nicht bedrohen oder verfolgen sollte, denn sie werden unberechenbar. Und wenn es nach einer guten halben Stunde zum ersten Todesfall (im wahrsten Sinne des Wortes) kommt, dann kann sich der Regisseur rühmen, dem Zuschauer einen der fiesesten Streiche dieses Kinojahres gespielt zu haben. Denn jetzt schlägt alles um: Die Handlung, die Charaktere, die Stimmung, das Tempo, und die Gedanken im Kopf des Betrachters. Alle Kritikpunkte, die einem in den ersten 30 Minuten eingefallen sind, zerfallen zu Staub, denn angesichts dessen, was nun folgt, sind sie alle null und nichtig.
Ich werde einen Teufel tun, irgendetwas darüber zu sagen, wer nachher noch steht und wer nicht. Es sieht am Schluß auf jeden Fall ganz anders aus, als man es anfangs erwartet hat. Das liegt vor allem daran, daß die Grenzen zwischen Gut und Böse zusehends verwischen. Die Sicherheitsleute verfolgen keine einheitliche Linie (auch wenn man manchmal denkt, sie tun es doch), und auch die Kids sind sich alles andere als einig. Da werden Schuldgefühle mit übertriebenem Rachegebrüll verdeckt, echte Emotionen durch falsche ausgetauscht, um nicht als Schwächling zu gelten, und eine labile Psyche bricht vollends zusammen. Spätestens bei dem Satz: „Er hat (...) erschossen, und wir lieben ihn dafür“ gewinnt das Wort Profilierungssucht eine völlig neue Bedeutung.

„Schlaraffenland“ ist Nihilismus pur. Nicht nur, daß zeitweise der Eindruck erweckt wird, es gibt überhaupt keinen Guten. Selten wurde der Zuschauer so alleine gelassen, denn nach einem Sympathieträger, an dem man sich festklammern kann, sucht man vergeblich. Besagter erster Todesfall ist in seinen Auswirkungen grausam effizient: Hier kippt nicht nur der komplette Film und wird in eine Richtung gestossen, die er bis zum Ende nicht mehr verlassen wird. Hier wird dem Zuschauer etwas vorgesetzt, was in einem „normalen“ Film niemals geschehen würde. Es ist so ungewohnt, daß man noch eine Minute später nicht glauben mag, was man da gesehen hat, und wie die Charaktere im Film darauf wartet, daß die betroffene Person wieder aufsteht. Aber sie tut es nicht. Und so fragt sich nicht nur Laser, ob denn jetzt noch irgendetwas von Bedeutung ist. Außer Rache.

Wie gesagt, der Zuschauer wird alleine gelassen. Alleine mit Charakteren, die ihm manchmal nicht nur egal sind, sondern von denen er sich teilweise sogar wünscht, sie würden hopps gehen. Dieses wahrlich seltene Kino-Gefühl ist vor allem den Jung-Darstellern zu verdanken. Die erfahrenen Leute wie Lauterbach und Potente machen ihr Ding zwar wirklich gut, brauchen aber viel zu lange, bis sie für die Handlung überhaupt relevant werden und laufen daher erst dann richtig warm, wenn die Teenies längst das ganze Feld okkupiert haben. Die Leistungen der Neulinge sind durch die Bank sehenswert bis fulminant. Und da hier wenig geschönt oder verstellt wird, entsteht das Gefühl, solche Jugendliche würden tatsächlich durch die deutschen Einkaufszentren laufen. Wer „Schlaraffenland“ gesehen hat, wird verstehen, warum das kein schöner Gedanke ist.

Das Konfliktpotential dieses Films ist im Prinzip total simpel: Zwei gegeneinander gestellte Gruppen werden auf verengtem Raum eingeschlossen. Niemand hat wirklich den Überblick und keiner weiß, womit er es konkret zu tun hat. Aus ersten dramatischen Zusammentreffen entwickeln sich Fehlinterpretationen und Mißverständnisse, die Situation bekommt eine unaufhaltsame Eigendynamik, und die Lage eskaliert im Minutentakt aufs Neue. Mittendrin ein Haufen Menschen, die entweder zu unerfahren, zu high, zu gefühllos oder zu labil sind, um auch nur ansatzweise damit klar zu kommen. Bis die Seiten endgültig geklärt sind, ist das größte Desaster längst geschehen, und die Charaktere haben schon in Abgründe geblickt, die sie nicht wieder vergessen werden.
„Schlaraffenland“ macht keinen Spaß. Adjektive wie unterhaltsam, mitreißend oder amüsant sind absolut fehl am Platze, auch wenn ein paar gute Sprüche vorkommen („Wir haben aufeinander geschossen. Wir können Du sagen.“). Viele Zuschauer wird der Film absolut kalt lassen, weil ihnen schlichtweg egal ist, was mit den Charakteren passiert. Aber diese Nicht-Sympathie ist beabsichtigt. Jenseits aller Wiedererkennungswerte und Heldenphantasien wird hier gnadenlos gezeigt, wie ein Haufen durchschnittlicher Teenager in etwas reinrutscht, das zu keinem Zeitpunkt kontrollierbar ist. Es geht nicht darum, die Charaktere zu verstehen. Es geht nicht darum, ob das alles wirklich realistisch ist. Es geht einzig darum, daß es keinen Unterschied macht, ob du gut oder böse, brav oder kriminell, high oder nüchtern bist. Wenn du am falschen Ort zur falschen Zeit bist, dann bist du dran. Nihilistischer geht’s nimmer.

Frank-Michael Helmke

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